Offiziell ein "Parkviertel" Agfa-Park: Von Giesings Schandfleck zur grünen Oase

Reichlich grün im neugebauten Agfa-Park. Foto: Thomas Einberger/Argum

Die Betonwüste an der Tegernseer Landstraße war lange Zeit einer von Giesings Schandflecken. Inzwischen ist Gras auf dem Gelände gewachsen, Wohnungen sind entstanden und 2.000 Menschen eingezogen. Der Agfa-Park - offiziell: Parkviertel Giesing – ist beliebt, doch nicht alles läuft dort rund.

 

München - Füchse oder Haserl gibt’s in der Stadt ja immer mal wieder zu sehen. Auf der Brache an der Weißenseestraße in Giesing – unweit des lärmenden Mittleren Rings – hatten sie jahrelang ein kleines Gebiet fast für sich allein. Inzwischen schaut der Fuchs auf dem Areal nur noch selten vorbei, jetzt sagen sich Kinder gute Nacht auf dem alten Agfa-Gelände.

2008 - Agfa-Hochhaus wird gesprengt

Mit einem riesigen Rumms und einer großen Staubwolke, verursacht durch die Sprengung des Agfa-Hochhauses, haben sich 2.000 Neu-Giesinger Mitte Februar 2008 ziemlich laut im Viertel angemeldet. Anfangs standen einige alte Bewohner dem neuen Quartier auf historischem Boden skeptisch gegenüber.

Doch noch bevor die Ersten auf dem früheren Firmengelände des Fotoherstellers einzogen, äußerten sich viele Anwohner zuversichtlich. "Es ist spannend, wie sich das Viertel verändert", sagt eine Alt-Giesingerin im 2016 erschienen Dokumentarfilm "Zeitenwende" über das Neubaugebiet.

Seit den 1920er Jahren hat das Agfa Camerawerk München seinen Sitz an der Tegernseer Landstraße. Dort wurden zukunftsweisende Fototechniken entwickelt, aber während des Zweiten Weltkriegs auch 500 Zwangsarbeiterinnen beschäftigt. Mit Mitteln des Marshall-Plans wurde das Gelände nach Kriegsschäden bis 1959 wieder aufgebaut. Einst war Agfa als Arbeitgeber prägend für Obergiesing: In blauen und weißen Kitteln arbeiteten dort zu Hochzeiten an die 8.000 Menschen. Auf dem Areal befanden sich Sportflächen – eine Turnhalle, ein Tennis- und ein Fußballplatz.

Agfa hat Giesing geprägt

"In den Wohnungen um das Firmengelände lebten überall Agfanesen. In der Untersbergstraße hatte Agfa Werkswohnungen", sagt Carmen Dullinger-Oßwald (Grüne), Vorsitzende des Bezirksausschusses Obergiesing-Fasangarten. Sie weiß, wie sehr das Unternehmen mit der Identität des Stadtteils verwoben war. Ihre Mutter hat selbst 30 Jahre lang bei Agfa gearbeitet. Die sukzessive Reduzierung der Belegschaft, die Einstellung der Kamerasparte 1982 und schließlich die Insolvenz 2005, haben das Viertel stark getroffen. Trotzdem war klar: Die ungenutzte graue Steinwüste in Giesings Mitte muss weg.

Spätestens seit 2001 hatte die Stadt das Gebiet zwischen Perlacher Straße, Spixstraße, Werner-Schlierf-Straße, Weißensee- und Untersbergstraße als Sanierungsgebiet im Blick. 2004 kaufte der Bauträger "Büschl Unternehmensgruppe" Teile des Geländes. 2011 stand der Bebauungsplan für das "Parkviertel Giesing" – das heute alle immer noch Agfa-Park nennen. Neben 950 Wohnungen, Kindergarten, Nahversorger und Gastronomie sind 1.200 Arbeitsplätze entstanden.

Neben dem kontaminierten Boden – 500.000 Kubikmeter Erde mussten ausgetauscht werden – war der Lärm vom Mittleren Ring die größte Herausforderung. Das neue Hochhaus an der Tegernseer Landstraße, der Gewerberiegel mit Namen "Giesinger", schirmt das Viertel an höchster Stelle mit 15 Stockwerken von der Straße ab. Und das funktioniert gut. So gut, dass am Rande der großen Fußballwiese Giesinger bei Vogelzwitschern ungestört ihre Mittagspause mit Buch in der Hand verbringen.

Parkviertel Giesing - 950 Wohnungen und 1.200 Arbeitsplätze

"Das Verbinden war uns wichtig", sagt BA-Vorsitzende Dullinger-Oßwald. Gerade, weil das Neubaugebiet in den Bestand gesetzt worden sei. Und so habe der Spielplatz eine wichtige Funktion als Erweiterung des gegenüberliegenden Weißenseeparks bis hin zum St.-Qurin-Platz. Damit sich auch die Bewohner der angrenzenden Genossenschaften, die lange abgeschottet in ihren Quartieren lebten, mit den restlichen Giesingern mischen.

Schon vor Ende der Bauzeit war klar, dass der Agfa-Park trotz der "Sozialgerechten Bodennutzung" (SoBon), die 30 Prozent der Wohnungen für einkommensschwächere Bewohner festschreibt, relativ teuer werden würde. 800 Euro kalt für eine 58 Quadratmeter Wohnung klingt nach heutigen Maßstäben fast günstig. 2013 war das für eine Unterkunft in Ringnähe happig.

Die Befürchtungen, dass ganz Giesing immer teurer wird, hat sich bewahrheitet. Wer heute im Agfa-Park eine Wohnung mit ähnlicher Größe und Ausstattung mieten möchte, zahlt einschlägigen Immobilienseiten zufolge 1.150 Euro kalt. Die Preissteigerung ist natürlich nicht nur auf den Agfa-Park beschränkt. Die Mieten steigen in ganz München seit Jahren. Die Nähe zur Innenstadt und der Isar machen das Viertel besonders bei Besserverdienern mit Kindern attraktiv.

Agfa-Park: Viel Grün, aber keine Läden oder Cafés

Die Architektur mit dem Jenga-artigen Wohntürmchen ist untypisch für München. Das spitzwinklige Gebäude vom Architekten Taichi Mukai an der Spixstraße, in dem Sozialbürgerhaus und Rewe untergebracht sind, erhielt viel Lob. Schnell wurden aber Stimmen laut, das Viertel sei zu locker bebaut. An der Wiese scheiden sich noch immer die Geister. Alte Agfanesen vermissen eine Sporthalle, Neubewohner schätzen das unverbaute Grün.

Die viel gelobte Architektur und die schön bepflanzten Gärten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch an anderer Stelle nicht alles rosig ist. Vor allem kleine Läden und gemütliche Cafés zum Verweilen sind rar. Das Café am Ella-Lingens-Platz öffnet selten vor Mittag. Das indische Restaurant ist gut bewertet, doch orientalische Speisen sind nicht jedermanns Geschmack. Sonst gibt es nur noch einen einzigen Kiosk im Quartier.

Flanieren? Fehlanzeige. Bereits in der Planung waren Wohnen und Arbeiten strikt getrennt worden. In den Erdgeschossen sollte es keine Gewerbeflächen geben – auch um Nutzungskonflikte zu vermeiden. Die Ruhe unterm Fenster ist vielen wichtiger als eine pulsierende Umgebung.

"Ois Giasing" auch im Agfa-Park

Um den Platz an der Werner-Schlierf-Straße dennoch bekannter zu machen, bindet der BA ihn konsequent in Stadtteilfeste ein. Bei "Ois Giasing" am 7. September soll es dort wieder ein Programm für Familien geben. Dann kommt zwar nicht der Fuchs, aber vielleicht der Hundling im Agfa-Park vorbei.

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