Offener Brief einer Ehrenamtlerin Eine Flüchtlingshelferin greift die CSU an

Viele Flüchtlinge nehmen unendliche Strapazen in Kauf, um dem Elend in ihren Heimatländern zu entkommen. Foto: dpa

Eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin hat einen offenen Brief an die Staatsregierung geschrieben, in dem sie Unmenschlichkeit und Steuerverschwendung anprangert. Der Brief im Wortlaut.

 

München - Die Münchnerin Elvira B. formuliert in Ihrem offenen Brief an die bayerische Staatsregierung das, was viele Flüchtlingshelfer in Bayern kritisieren. Weil Redakteure der Abendzeitung diese Frustration der Ehrenamtler in Gesprächen oft gehört haben, haben wir uns entschieden, den Brief (nur mit einigen Kürzungen) wortgetreu online zu stellen.


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Seehofer,
sehr geehrte bayerische Staatsregierung,
sehr geehrter Herr Innenminister Herrmann,
sehr geehrte Abgeordnete der CSU,

mein Vater war CSU-Kommunalpolitiker und hat Ihre Partei in den Nachkriegsjahren mit aufgebaut. In seinen letzten Jahren hat er immer wieder gesagt, dass sie ihm eigentlich inzwischen zu populistisch geworden und zu weit nach rechts gerutscht ist. Eigentlich wollte er austreten, aber sein plötzlicher Tod hat das verhindert. Mein Vater war ein guter Mann, ein Humanist und aufrechter Konservativer, er wollte etwas bewegen und hat sein Land, die Natur und die Menschen geliebt. Ich war sehr stolz auf ihn und bin froh, in einer Familie mit diesen Werten aufgewachsen zu sein.

Ihr Vater war CSU-Politiker und wäre heute geschockt

Wenn mein Vater noch leben würde, wäre er entsetzt, was aus seiner Partei geworden ist. Ich selbst engagiere mich in München als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin. Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass ich aus einer Familie komme, die christliche Werte wie Nächstenliebe, Menschenfreundlichkeit, Offenheit und Solidarität immer hochgehalten hat. Es war bei uns selbstverständliche Tradition, Fremde willkommen zu heißen, und ich wäre nie auf die Idee gekommen, Angst vor Menschen zu haben, die aus anderen Kulturen kommen. Ganz im Gegenteil, ich habe sie immer als Freude und Bereicherung empfunden.

In meiner vielfältigen Tätigkeit habe ich derzeit vermehrt mit Afghanen zu tun. Ich lerne hier so gut wie ausschließlich überaus freundliche, höfliche, großzügige und engagierte Menschen kennen, insbesondere natürlich junge Männer. Mein persönlicher Schützling, auch ein Afghane, ist der Inbegriff des Musterschülers. Seine Fortschritte im Erlernen der deutschen Sprache sind außergewöhnlich, und er kann es kaum erwarten, eine Ausbildung aufzunehmen. Er ist mit einem sehr positiven Bild von den Deutschen hierhergekommen, weil sein Vater und seine älteren Brüder nur Gutes von den deutschen Soldaten in Afghanistan zu erzählen hatten. Auch sagte man ihm, Deutschland sei ein Land, in dem die Bildung hochgehalten wird und in dem eine gesunde Mischung aus Menschlichkeit und Vernunft beheimatet sind. „Frieden und Freiheit“, das sagt er mir immer wieder, sind das, worum es ihm geht und was er in Deutschland zu finden hofft.

Menschen werden wie Treibgut oder Verbrecher behandelt

Ich weiß schon lange nicht mehr, was ich ihm darauf erwidern soll. Denn ich bin zutiefst schockiert, wie man in Deutschland und Bayern mit diesen jungen Leuten verfährt. Man behandelt sie nicht wie Menschen, sondern bestenfalls wie Treibgut und schlimmstenfalls wie Verbrecher, und das, obwohl sie in ihrer weit überragenden Mehrheit keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung für unser Land sind.

Bayern hat einen Integrationspakt mit der Wirtschaft geschlossen, um Flüchtlinge in Lohn und Brot zu bringen und gleichzeitig den Unternehmen bei der Besetzung der vielen Ausbildungsplätze zu helfen, die teils seit Jahren vakant sind. Es geht darum, den Flüchtlingen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Wohlstand verpflichtet, so heißt es im Grundgesetz und in der Bibel, und wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Und selbstverständlich gehört zu Teilhabe auch, dass man sich einbringt und etwas leistet.

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Die meisten Flüchtlinge sind dazu bereit, denn untätig herumzuhocken ist für sie genauso unbefriedigend wie für uns Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft. Dass die bayerische Staatsregierung mit ihrer aktuellen Flüchtlingspolitik den Integrationspakt gebrochen hat und weiter bricht, wurde von IHK und Unternehmen immer wieder angemahnt. Es hat dazu runde Tische gegeben, und in den verschiedensten Medien wurde und wird darüber berichtet. Offensichtlich hat man im Wahljahr 2017 aber andere Interessen zu verfolgen als die sinnstiftende Arbeit an Mensch und Gesellschaft. Das ist nicht nur unmenschlich und skandalös, sondern wider jeden gesunden Menschenverstand.

Steuergelder werden verschwendet

Auch als Steuerzahlerin dieses Landes protestiere ich aufs Schärfste, dass mein Geld, das ich für eine gelungene Integration gerne gezahlt habe, sinnlos verschwendet wird. Ich muss wirklich hart dafür arbeiten, und ich bin davon ausgegangen, dass der Staat pfleglich mit meinen Abgaben umgeht. Die Maßnahmen, die die bayerische Staatsregierung derzeit durchführt, entziehen jungen Leuten, die das gleiche Recht auf ein sinnvolles Leben haben wie unsere eigenen Kinder, die Lebensperspektive. Sie führen auf fatale Weise in Depression und Aggression – bei den Flüchtlingen zuallererst, aber auch bei den haupt- und ehrenamtlichen Helfern, bei den Wohlfahrtsverbänden, Arbeitgebern und Ämtern, bei den Kollegen und Freunden, die den Geflüchteten verbunden sind. In den Unterkünften herrscht ein Klima der Angst und Panik – es hat schon viele Suizidversuche gegeben, manche Menschen sind mit unbekanntem Ziel weitergeflüchtet oder landen irgendwo auf der Straße. All das wird offensichtlich billigend in Kauf genommen oder ist sogar politisch gewollt. Immerhin könnte es dazu führen, dass man die Leute anderweitig loswird, ohne sie unter Protesten und auf teure Staatskosten deportieren zu müssen.

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Wie Sie sicher wissen, kann auch keine Rede davon sein, dass man sich im Falle einer Abschiebung nach Afghanistan vor Ort um die Menschen kümmert. Gerade Rückkehrer aus dem Westen und alleinstehende junge Männer laufen sogar Gefahr, von Isis, Taliban oder einer der vielen weiteren Gruppierungen zwangsrekrutiert oder in Geiselhaft genommen zu werden. Die Politik der bayerischen Staatsregierung setzt also junge Menschen einer tödlichen Gefahr aus und schafft als Nebeneffekt die Terroristen der Zukunft. Diese menschenverachtende und kurzsichtige Politik ist eine humanitäre Katastrophe und ein großer gesellschaftspolitischer wie wirtschaftlicher Fehler. Ein Fehler, der Leben zerstört, im übertragenen wie im konkreten Sinne, und der nicht wieder gutzumachen sein wird. Die Nachwelt wird Ihnen ein vernichtendes Urteil ausstellen.

Ihre Frage an die CSU: Halten Sie sich für Christen?

Ich frage daher die Mitglieder der Christlich-Sozialen Union: Gibt es – für jeden einzelnen von Ihnen – Momente, in denen Sie sich Ihrem Gewissen stellen? Halten Sie sich wirklich für Christen? Und ich bitte Sie inständig: Stoppen Sie die Abschiebungen nach Afghanistan. Die Gründe dafür sind Ihnen hinlänglich bekannt.

Geben Sie den Flüchtlingen, die hier in unserem überaus satten und reichen Land Schutz suchen, die Möglichkeit, zu arbeiten, eine Ausbildung zu machen, ein Studium aufzunehmen und am hiesigen Leben teilzuhaben. Arbeit und Teilhabe sind ein Menschenrecht, nicht ein Gnadenakt der bayerischen Staatsregierung. Hören Sie auf, Flüchtlinge kollektiv zu verunglimpfen und zu kriminalisieren, wie das von vielen Politikern Ihrer Partei immer wieder getan wird, in schamloser Anbiederung an die rechten Schreihälse. Insbesondere Herr Söder wird nicht müde, auf zunehmend abstoßende Weise Gemeinplätze und Pauschalurteile von sich zu geben. Hören Sie auf, Wohlfahrtsverbände, Haupt- und Ehrenamtliche, Arbeitsämter und Behörden, Kirchen und weitere Organisationen und Einzelpersonen, die in der Flüchtlingsarbeit tätig sind, unter Druck zu setzen und zu bedrohen. 

Sie fordert: Sprechen Sie mit Ehrenamtlern und Geflüchteten!

Stellen Sie sich dem Gespräch mit uns Ehrenamtlichen, als den Experten an der Basis. Besuchen Sie eine Flüchtlingsunterkunft, lernen Sie Geflüchtete kennen und machen Sie sich selbst ein Bild, statt die immer gleichen leeren Worthülsen zu wiederholen. Was würde es Sie kosten, wenn Sie einfach mal zuhören? Ich glaube und hoffe, dass Ihre Rechnung nicht aufgehen wird. Vielleicht werden ein paar Wähler vom rechten Rand umschwenken zur CSU, das mag ja durchaus sein. Aber dafür wird es auch viele Traditionswähler Ihrer Partei geben, die über so viel Anstand und Verantwortungsgefühl verfügen, dass die CSU unwählbar für sie geworden ist. Einige davon sind mir persönlich bekannt. Auch wenn Sie vielleicht mehr Zuschriften aus dem rechten Spektrum erhalten: Seien Sie versichert, dass der Widerstand in der Mitte der Bevölkerung wächst.

Wenn mein Vater noch leben würde, wäre er schon lange kein CSU-Mitglied mehr. Er hat immer den direkten Weg gewählt, er hat immer mit den Leuten geredet, auch wenn es manches Mal unbequem war. Wäre eine Besinnung auf alte Werte nicht auch für die CSU eine Chance, wieder mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken? Wollen Sie wirklich so weit rechtsaußen stehen? Ist das der Platz, für den Sie ganz persönlich stehen? Den prominenten Politikern Ihrer Partei geht es offensichtlich nicht um den Dienst am Menschen, sondern einzig und allein um Machterhalt. Was Sie damit zum Ausdruck bringen, ist nicht Stärke, sondern ein große und im Grunde traurig stimmende Schwäche. Sowohl die Menschen in Bayern, als auch unsere Schützlinge aus Afghanistan und anderen Ländern dieser Welt hätten eine Politik verdient, die von Leuten mit Mut und Sachverstand gemacht wird. Ihrer baldigen und persönlichen Stellungnahme sehe ich mit Interesse entgegen.

 

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