OEZ-Attentat wird aufgegriffen Gänsehaut-Tatort "Unklare Lage" aus München: Beklemmend realistisch

Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) haben es im "Tatort" mit einer unklaren Lage in München zu tun. Foto: Hagen Keller/BR/ARD/dpa

Der "Tatort: Unklare Lage" mit Leitmayr und Batic treibt den Puls in die Höhe: Der Plot ist beklemmend realistisch, das Tempo rasant – Spannung bis zum dramatischen Schluss!

 

Dieser Tatort bräuchte eigentlich einen Warnhinweis. Er ist ein Thriller, der den Zuschauer in eine Stadt voller Angst, Panik und Unsicherheit saugt. Für diejenigen, die bis heute nicht verwunden haben, was sie am 22. Juli 2016 in München erlebt haben, ist er nicht zu empfehlen.

Neun Menschen sind vor dreieinhalb Jahren am OEZ von dem rechtsextremen, 18-jährigen David S. erschossen worden. Wenig später tötete er sich selbst. Doch die Stadt blieb bis spät nachts im Ausnahmezustand. Die Polizei ging von einem Terroranschlag aus, suchte nach Mittätern. Überall in der Stadt dachten Menschen, bewaffnete Attentäter gesehen oder Schüsse gehört zu haben.

Spoiler-Warnung: Liebe AZ-Leser, die folgende Kritik enthält teils unverschleierte Hinweise zur Handlung des "Tatorts". Falls Sie den Krimi unvoreingenommen sehen möchten, lesen Sie diesen Artikel am besten erst später.


Einzeltäter, ja oder nein. Das ist auch das Thema im Münchner Tatort "Unklare Lage" (Buch: Holger Joos, Regie: Pia Strietmann). Die Handlung ist fiktiv. Aber immer wieder werden tatsächliche Ereignisse mit der Handlung verwoben. Selten war ein Sonntagabendkrimi so nah dran an der Realität.

OEZ-Attentat und "Tatort": Wo gibt es Unterschiede?

In der 83. Folge aus München steigt ein frustrierter Schulabbrecher (Martin Lindow) bewaffnet in einen Bus, er will zu seiner alten Schule. Als ein Kontrolleur seinen Fahrschein sehen will, erschießt er den Mann und flüchtet. Wenig später wird er vom Spezialeinsatzkommando (SEK) getötet. Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) glauben nicht an einen Einzeltäter. Sie vertrauen zwar einer Zeugin, die sich irrt, behalten aber recht.

Im U-Bahnhof Marienplatz rennen Menschen um ihr Leben

Leitmayr und Batic jagen von Brennpunkt zu Brennpunkt durch die Stadt. Das SEK ist im Dauereinsatz, beim Führungsstab läuft alles zusammen. Zeit für Sprüche gibt es in diesem Tatort nicht. Immer wieder schwenkt die Kamera in todernste, sorgenvolle Gesichter. In rasantem Tempo entwickelt sich die Handlung weiter, bekommt immer neue Wendungen. Die Kamera bewegt sich mit, schnelle Bildschnitte (Kamera: Florian Emmerich) und Gänsehaut-Musik (Sebastian Pille) treiben den Puls in die Höhe.

Wie am 22. Juli 2016 am OEZ wird auch im Film der öffentliche Nahverkehr und der Zugverkehr eingestellt ("Lockdown"). Überall werden Hinweise auf einen Mittäter gemeldet, im Film dargestellt mit Dutzenden roten Kringeln, die auf einem digitalen Stadtplan im Lagezentrum aufleuchten.

Die Nervosität und der extreme Stress für die Einsatzkräfte wird an einem übermüdeten und völlig überforderten Polizeibeamten dargestellt: Er erschießt fast einen Journalisten, der mit seinem Handy filmt. Die Nerven liegen blank. Auch diese Situation gab es wirklich

Münchner "Tatort": Spannung bis zur letzten Minute

Am eindringlichsten in "Unklare Lage" ist die Darstellung der allgegenwärtigen Bedrohung – und der panischen Angst. Da sind die Menschen im Bus, vor deren Augen der Kontrolleur erschossen worden ist. Schüler, die sich im hintersten Winkel ihres Klassenzimmer zusammenkauern. Und Menschen, die im U-Bahnhof Marienplatz um ihr Leben rennen.

"Unklare Lage" ist ein herausragender, vielschichtiger Tatort, der den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen lässt und wirklich bis zur letzten Minute spannend bleibt. Nebenbei offenbart er auch ein paar Dinge über echte Polizeiarbeit - von der Arbeit des Spezialeinsatzkommandos (SEK) bis zu Abläufen im Führungsstab. Da verzeiht man diesem Krimi gern, dass die Kommissare – realitätsfern – auch ganz alleine mutmaßlichen Attentätern hinterherrennen. Egal: Sie müssen schließlich München vor dem Schlimmsten retten.

Was nach "Unklare Lage" beim Zuschauer zurückbleibt, ist ein beklemmendes Gefühl. Denn er bringt sehr nah, was ein Einzelner – oder in diesem Fall sind es zwei – anrichten können. Das ist die Realität.

Das AZ-Interview mit Regisseurin Pia Strietmann lesen Sie hier

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