Österreich Nock'n'Roll in den Bergen

Millstatt - Ganz in Weiß wirken die runden Kuppen noch beschaulicher. Eine Kaltfront hat über Nacht den ersten Schnee auf die Nockberge rund um den Millstätter See gebracht. Der putzige Name ist angelehnt an die Salzburger Nockerln, einem Soufflé aus Eiern und Zucker, das sich im Ofen formvollendet nach oben wölbt. So, wie es die gleichnamige Bergkette in Kärnten auch tut. So freundlich-hügelig sie vom Tal aus daherkommen, so giftig sind die ersten Anstiege der viertägigen Mountainbike-Tour zu den fünf Gipfeln („Nock Five“).

 

Zehn Prozent Steigung im Schnitt, 15 und mehr in der Spitze, kosten Kraft. Vor allem auf dem grob-schottrigen Untergrund der Forstwege, die Mountainbiker meist zum Bergauffahren dienen. Doch Tourenführer Harry, ein harter Hund, lässt mit seiner prägnanten Losung erst gar kein Grübeln über bevorstehende Anstrengungen zu: „Aufi!“ Anders als auf dem Rennrad ist das Aufi-Fahren beim Mountainbiken bloß Mittel zum Zweck. Eigentlich geht es mehr um das Oabi. Doch auch bergauf kann schön sein - wenn man es geschafft hat. Auf dem ersten der fünf Gipfel schweift der Blick über die Kärnter Seenwelt bis zu Österreichs Höchstem, dem Großglockner. Diese Einsamkeit - Teile davon sind Nationalpark - ist selten in den Alpen. Nur grüne Weiden, schwarze Moorseen und viele Kühe. Ein bisschen wie in den schottischen Highlands. Oder im Schwarzwald. Allerdings um einiges höher. Um die 2000 Meter sind die Gipfel hoch.

„Heil him kemma, dös geht doch net“ 

Nach einigem Auf und Ab geht es dann richtig bergab - und wie! 500 Höhenmeter Direttissima durch den Wald. Wurzeln, Steine, Schlamm, in den Weg ragende Äste - alles kein Hindernis. Das Rad, mit riesigen 29-Zoll-Reifen ausgestattet, rollt über den ruppigen Waldboden, der eigentlich ein Wanderpfad ist, wie über einen Teppich. Federgabeln dämpfen die Stöße weich ab; Scheibenbremsen sorgen für die nötige Sicherheit. Wobei beim Mountainbiken eigentlich nicht viel passieren kann, glaubt man den Einheimischen. Durch die extreme Rücklage beim Fahren sind gefährliche Abgänge über den Lenker unwahrscheinlich. Eher landet man mal auf dem Hosenboden, was meist glimpflich ausgeht. Und wie sagt die Kollegin aus Salzburg: „Heil him kemma, dös geht doch net.“ Die Gruppe schafft es dann aber doch unversehrt ins Tal.

Der Kleinsasserhof oberhalb von Spittal an der Drau ist mehr Museum als Hotel. Mit lebensgroßen Astronauten, Jesus- und Klaus-Kinski-Figuren überrascht der Alpen-Gasthof seine Gäste und gibt einen Eindruck von der Eigenartigkeit der Kärntner. Skurrile Höfe und sonderbare Bauern gibt es hier mehr als im Rest des Landes. Dafür weniger Alpenkitsch und Remmidemmi. Tag zwei beginnt mit der Begegnung eines ebensolchen Bauern. Mit Sense in der Hand schickt er den Radlern eine Schimpfkanonade hinterher; so derb, dass sie noch nicht einmal die Tourenführer verstehen. Den Grund kennen sie sehr wohl: Dem Grundstücks­besitzer passt nicht, dass Radler über seine Wiese fahren, obwohl der Pfad als Wanderweg ausgezeichnet ist. „Ach, die Bauern“, sagt Harry und stöhnt, „die können einem auch alles vermiesen.“ Natürlich habe er Respekt vor ihnen und ihren Grundstücken. Vielen gehe es aber nur ums Prinzip. Dabei hingen in der Region letztlich doch alle vom Tourismus ab. Und da nicht zuletzt von der immer größer werdenden Schar von Mountainbikern.

Vor 15 Jahren öffnete in den Nockbergen der erste Downhill-Parcours Österreichs. Dann wurde die Entwicklung ein wenig verschlafen, ehe zuletzt wieder Schwung in die Sache kam. Ausgehend von der Sportschule Krainer in Feld am See entstand zwischen dem Millstätter See und Bad Kleinkirchheim ein Wegenetz mit 43 Touren. Diese sind nicht nur für Downhill-Profis interessant, sondern bieten auch Trails für Einsteiger und Familien mit Kindern. Selbst das E-Bike kann mit in die Nockberge genommen werden. In erster Linie versteht man sich an den Ausläufern der Tauern aber als Bike-Dorado für Fortgeschrittene. Nur wenige Gebiete in den Alpen verfügen über eine ähnliche Vielzahl anspruchsvoller Pfade. Bald hofft man auch auf ein Ende der Grundstücks­streitereien. Ein neues Gesetz soll regeln, wer im Versicherungsfall haftet. Künftig sollen dies die Gemeinden bzw. Tourismusverbände tun, die sich ihrerseits mehr offizielle Trails wünschen. Solange gilt die Ansage von Tourguide Harry: „Es ist nicht erlaubt, aber auch nicht verboten.“

 

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