Österreich Ein Dorf auf dem Trip

Reingers - Grabesstille in Reingers. Kein Hahn kräht. Die Kirchturmglocke steht auf Standby. Ein Ort, um sich mal so richtig wegzubeamen. Um die Systeme herunterzufahren und ganz tief ein- und wieder auszuatmen.

 

Reingers ist ein Dorf in Niederösterreich. Genauer gesagt im nördlichen Waldviertel, dicht an der Grenze zu Tschechien. „50 Jahre waren wir mit dem Rücken zur Wand“, sagt Bürgermeister Christian Schlosser. Dennoch fühlt man sich als Erstbesucher noch immer an jene Zeiten erinnert, als der Eiserne Vorhang das Dorf an den Rand des Geschehens rückte. Derart abgelegen und weltfern wirkt die Gegend. Wie geschaffen für eine Auszeit am Dorfteich.

Harald Pleha fläzt in einem Klappstuhl, die Nase gen Wasser gerichtet. Pleha hat sein Kinn auf Zeige- und Mittelfinger abgelegt. Er scheint wegzunicken. Plötzlich ertönt ein Piepston. Pleha schreckt auf und greift nach der Angelrute, die das Signal ausgesendet hat. „Ein toller Biss“, frohlockt er hellwach. Gefühlvoll kurbelt er an der Angelrolle und zieht einen fetten Karpfen aus dem Wasser. Schon der dritte innerhalb einer Stunde. Sein Geheimnis? Fischköder aus gepresstem Hanfsamen. „Die san ganz deppert danach“, verrät Pleha.

Die einzigen Gäste waren Vertriebene auf Heimatbesuch

In Reingers werden auch Touristen mit Hanf (botanischer Name: Cannabis sativa) geködert. Lange Zeit litt das Dorf, rund 150 Kilometer nordwestlich von Wien, unter Nachwuchssorgen. Übernachtungsgäste waren in der Mehrzahl deutsche Vertriebene aus Mähren, die nach der Grenzöffnung die Heimatdörfer auf tschechischer Seite besuchten. Vor ein paar Jahren kam der damalige Dorfschultes auf die Idee, den Hanf zum Thema zu machen. Reingers wurde zum „Hanfdorf“ deklariert.

Eine ständige Hanfausstellung wurde in­stalliert. Sie zeigt die lange Geschichte und die erstaunlich vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten der Pflanze. Im angegliederten Hanfshop gibt es: Hanfkäse, Hanfschokolade, Hanf-T-Shirts, Hanftaschen, Hanfcremes und so weiter. In jedem Sommer wird in Reingers eine Hanfprinzessin gekürt. Sie erhält nicht etwa ein Krönchen, sondern ein maßgeschneidertes Hanfdirndl. Fast zeitgleich wird ein Hanflabyrinth gepflanzt.

Zuständig dafür ist Astrid Pleha, die auch über Shop und Ausstellung wacht. Dass sie mal zur überzeugten Hanfverfechterin werden würde, hätte sich die gelernte Verkäuferin „im Leben nicht“ träumen lassen. Als sie jedoch mal in der Ausstellung aushelfen sollte, informierte sich Astrid Pleha über die Pflanze - und war „völlig fasziniert“ von den Eigenschaften. Aber auch stutzig über die Reduzierung des Hanfs auf eine Droge. Sie fungiert außerdem als Geschäftsführerin des Campingplatzes von Reingers. Das Betriebsgebäude ist im Stil einer traditionellen „Hoarstubn“ gebaut worden. In solchen Haarstuben wurde in früheren Zeiten die Hanffaser, also das Haar, getrocknet und verarbeitet.

Hanf ist eine alte Kulturpflanze mit einer langen Anbautradition

Ein österreichisches Provinznest auf dem Hanftrip - das ist kein künstlicher Werbegag. Die Ernennung zum Hanfdorf hat einen realen Hintergrund: Hanf ist eine uralte Kulturpflanze und blickt im Waldviertel auf eine lange Tradition zurück. Als Lieferant für Textilfasern und als Nahrungsmittel. Die heutigen Anbauflächen sind stark geschrumpft. Grund ist das jahrzehntelange, umstrittene Anbauverbot. Erst seit 1996 darf in der EU wieder Nutzhanf kultiviert werden. Mit hohen Hürden. Bauern erhalten, wenn überhaupt, nur geringe Subventionen. Obwohl die überragenden Eigenschaften als Ökorohstoff für Nahrung, Medizin und Werkstoffe seit langem bekannt sind. Doch Anbau und Produktion werden kontrolliert, als habe man es mit dem Leibhaftigen zu tun. Dabei sind die Bedenken gerade in Reingers unnötig. „In der ganzen Diskussion um Hanf ist ziemlich viel Unwissen und Hysterie im Spiel“, sagt Marianne Houschko, Betriebsleiterin einer Hanfmanufaktur im benachbarten Heidenreichstein. In dem Unternehmen werden die drei bis vier Millimeter großen Hanfsamen, auch Hanfnüsse genannt, weiterverarbeitet. Etwa zu Hanfnussöl.

Durch die strengen Auflagen hat der Hanf seine berauschende Wirkung auf die Landwirte verloren - und ein alter Sponti-Spruch seine Pointe: „Pflanzt der Bauer Dope ins Feld, verdient er nebenbei gut Geld!“ Erst recht, weil der Nutzhanf jene Stoffe, um die sich alle Kifferträume drehen, nur in geringsten Mengen enthält: die Cannabinoide. Allen voran das Tetrahydrocannabinol, kurz: THC.

Und dennoch muss sich Wolfgang Uitz, der Dorfwirt, permanent der Fragen von besorgten Gästen erwehren. Etwa, ob man von der Hanftorte, die im Dorfgasthof serviert wird, high werde. „Wennst 72 Kilo davon isst, spürst was“, ist seine Standardantwort. Oder, ob das von ihm ausgeschenkte Hanfbier nicht ein Rauschgift sei. „Kloar“, entgegnet dann Uitz, „wennst zu viel davon trinkst, host du an Rausch.“

 

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