Österreich Arlberg 21 - Seilbahn der Superlative

Vier Meter lang ist die Reihe der Aktenordner, die sich im Büro von Michael Manhart (71) mit dem Auenfeldjet beschäftigen. Seit 1972 hat der Geschäftsführer der Skilifte Lech für sein Projekt gekämpft, unendlich viele Gespräche geführt, noch mehr Überzeugungsarbeit geleistet. „Sie glauben gar nicht, was da hinter den Kulissen alles gelaufen ist“, sagt der in Wien und Stuttgart studierte Diplom-Ingenieur. Der Widerstand gegen Manharts Idee, die Skigebiete Lech Zürs und Warth-Schröcken mit einer Gondel zu verbinden, war groß. Vor allem vonseiten der Grünen, die den Eingriff in die unberührte Natur auf dem Hochplateau im Lechquellengebirge beklagten. „Da hab ich ihnen gesagt: Schaut’s in die Geschichtsbücher.

 

Von wegen unberührt: Hier oben waren vor 700 Jahren die ersten Siedlungen der Walser, erst später sind sie nach Schröcken gegangen“, erzählt Manhart. Günter Oberhauser, Geschäftsführer der Skilifte Warth, spricht von einer „Aufbruchsstimmung im Ort“: „Für uns ist der Auenfeldjet eine große Chance.“ Die Gemeinde mit 1000 bis 1200 Gästebetten könne sich nun endlich weiterentwickeln, „die jungen Leute haben nun eine neue Arbeitsperspektive und müssen nicht Richtung Bregenz abwandern.“ Daher haben sich in Warth auch viele Hoteliers an den Kosten beteiligt. Insgesamt war der Auenfeldjet zwölf Millionen Euro teuer, inklusive Lawinensicherung. Das Geld kam zu je einem Drittel von den Seilbahnen Warth, Schröcken und Lech Süd.

„Die Charaktere beider Orte werden trotz Verbindung erhalten bleiben“

„Auch Lech Zürs profitiert“, sagt Michael Manhart. Mit 47 Liften und Bahnen und 190 Kilometer Pistenabfahrten ist das größte Skigebiet Vorarlbergs entstanden. Rechnet man St. Anton, St. Christoph und Stuben mit, sind es sogar 94 Skilifte mit 340 Kilometer Abfahrten. Das soll weitere Gäste locken. „Interessant wird die Vergrößerung für die Arlberg-Gäste vor allem im Frühjahr. In Warth ist es schattiger, da bleibt der Schnee länger liegen“, sagt Klaus Huber, Geschäftsführer des Tarifverbunds Ski Arlberg. Für den gebürtigen Warther, der seit 15 Jahren in Lech lebt, ist der Auenfeldjet auch „persönlich ein bewegendes Ereignis“. Huber glaubt fest: „Die Charaktere beider Orte werden trotz Verbindung erhalten bleiben.“

Rund zehn Minuten dauert die Fahrt in der neuen, knapp zwei Kilometer langen und 67 Meter Höhenunterschied überwindenden Seilbahn. Sie überspannt das Auenfeld am westlichen Rand der Ebene. Skifahrer aus Warth finden die Verbindung hinter dem Saloberkopf nahe dem bestehenden Lift Sonnenjet-Auenfeld. Einstieg auf Lecher Seite ist die Talstation Weibermahd, die nun gleichzeitig als Mittelstation des Auenfeldjets dient. Gemeinsam mit der Firma Doppelmayr wurde eine weltweit einmalige Technik aus zwei ineinander verschränkten, kombinierten Seilbahnen entwickelt.

Mit der Gondel aus Richtung Warth kann man den langen Weg bis zur Weibermahd-Bergstation durchfahren. Ab Weibermahd-Tal (gleich Auenfeldjet-Mitte) werden nach jeder Gondel zwei Sechser-Sessel eingeklinkt, die nur die kleine Runde auf Lecher Seite fahren und wie bisher die Skifahrer am Weibermahd befördern. 1490 Personen können die Zehner-Gondeln des Auenfeldjets pro Stunde befördern. Um 16 Uhr täglich fährt der letzte Jet. Wer ihn verpasst, muss mit dem Taxi zurückfahren. Ein teurer Spaß: weil der Hochtannbergpass im Winter wegen Lawinengefahr geschlossen ist, führt die kürzeste Route über Au, Schoppernau, Damüls, Fontanella, Ludesch, Bludenz, Dalaas und Klösterle - eine zweistündige Fahrt.

Warth liegt nördlich des 2416 Meter hohen Berges Karhorn

„Das kostet 235 Euro. Nachts ab 21 Uhr sogar 320 Euro“, sagt ein Taxifahrer der Agentur „Der Lecher“. „Aber in unsere Autos passen acht Mann. Im Notfall kann man sich ja mit anderen zusammentun.“ Wer auf Skiern oder mit dem Snowboard von Warth nach Lech oder umgekehrt wechselt, sollte also sicherheitshalber Geld oder besser eine Kreditkarte einstecken. Warth liegt nördlich des 2416 Meter hohen Berges Karhorn, an die Südseite schmiegt sich Lech am Arlberg. Diesseits wie jenseits der Felsen gab es 41 Jahre lang Protest gegen das Projekt.

Nur acht Kilometer Weg auf der meist gesperrten Landesstraße 198 und noch weniger Luftlinie trennen die beiden Vorarlberger Gemeinden - und doch liegen Welten dazwischen. Lech gilt gemeinsam mit dem Ortsteil Zürs als mondäner Wintersportort, ein alpines Dorado der Reichen und Schönen, in dem selbst der einfache Imbiss in der Dorfmetzgerei Ruinart-Champagner glasweise anbietet und statt Andenkenläden Juwelier- und Modegeschäfte die Straße säumen. Warth hingegen ist als gemütliches Skigebiet mit vielen Pensionen, Kinderschneewoche und der höchstgelegenen Sennerei Vorarlbergs als örtliche Hauptattraktion bei Familien beliebt. „Jeder fürchtete die Bagage von der anderen Seite“, sagt Michael Manhart.

Aus seiner Sicht Blödsinn: „Die Größe eines Skigebietes ist ein entscheidendes Kriterium für die Urlaubswahl. Das hat man lange nicht verstanden.“ Nicht gerade begeistert vom Auenfeldjet waren auch die Tiefschneefahrer. Die Abfahrten vom Lecher Mohnenfluh beziehungsweise von der Juppenspitze hinunter nach Warth sind seit Jahren beliebtes Freeride-Gebiet. Da der Aufstieg bislang über das Karhorn zu Fuß erfolgen musste, waren die Sportlichen lange unter sich. Nun kann jeder bequem mit dem neuen Lift zurückfahren. „Das wird nun ganz schnell verspurt sein“, sagt ein Tiefschnee-Fan, der nicht genannt werden möchte.

„Inzwischen haben’s fast alle Kreide gefressen“

Die Freerider sind die letzten kritischen Stimmen, die noch nicht verstummt sind. „Inzwischen haben’s fast alle Kreide gefressen“, sagt Michael Manhart unverblümt. Die Umweltschützer ließen sich besänftigen, da beim Bau der neuen Bahn in diesem Sommer alles getan wurde, um die hochalpine Vegetation, Wasser- und Quellschutzgebiete so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Nur wenige Stützpfeiler tragen das Seil, zusätzliche Pisten sind nicht entstanden. Zudem wurde eine bestehende Überland-Stromleitung unter die Erde gelegt und somit aus dem Blickfeld verbannt. Ob er in all den Jahren jemals die Hoffnung verloren habe? Manhart schüttelt energisch den Kopf: „Es war nur die Frage, wie viele Schädel musst noch derschlagen, bis sie’s endlich kapieren.“

Diese Hartnäckigkeit liegt in der Familie: Manharts Großvater Sepp Bildstein errichtete 1937 in Zürs den ersten Schlepplift Österreichs und gilt als Begründer des „Weißen Rings“, einer legendären Skirunde um Lech, Zürs und Zug. Seine Mutter Adelheid Schneider initiierte als Geschäftsführerin der Skilifte Lech den Verbund Ski Arlberg samt gemeinsamem Skipass von St. Anton, Stuben, Lech und Zürs, der nun dank ihres Sohnes auch in Warth-Schröcken gilt. Wer von Warth aus Richtung Lech gondeln möchte, muss hingegen aufzahlen.

Während die Hoteliers beidseits des Karhorn nun fleißig mit der neuen Attraktion werben und an den Talstationen noch Auenfeldjet-Werbebanner angeschraubt werden, denkt Michael Manhart schon an den nächsten Schritt: „Die Verbindung vom Trittkopf zur Alpe Rauz ist bereits auf der Schiene.“ Mal sehen, wie viele Aktenordner es braucht, bis die Gondel zwischen Zürs und St. Christoph/St. Anton Wirklichkeit geworden ist.

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