NSU-Prozess Zschäpe-Aussage: Beates Märchenstunde

Diesmal zeigt sie sich den Fotografen frontal: Beate Zschäpe mit den Anwälten ihres Vertrauens Hermann Borchert (v.l.) und Mathias Grasel (v.r.). Foto: dpa

Zschäpes Aussage im NSU-Prozess gerät zur Farce: Sie will nichts gewusst, nichts getan und nur aus Liebe gehandelt haben.

 

Es ist noch dunkel, als sich die junge Frau mit der Pudelmütze in die Schlange vor dem Justizzentrum stellt. Um sieben Uhr früh reicht diese bereits quer über den Vorplatz. Die ganz vorne haben hier campiert. Einige sind bezahlte „Platzhalter“.

Die Berlinerin hat sich freigenommen, um in München dabei zu sein, wenn Beate Zschäpe ihr Schweigen bricht. „Die juristische Aufarbeitung der NSU-Verbrechen ist enorm wichtig, nicht nur für Opfer und Angehörige – für die ganze Republik“, sagt sie. „Davon möchte ich Zeugin sein.“ Wenig später die große Ernüchterung. Zschäpes Aussage erinnert an eine Märchenstunde. Der Titel: „Beate und die bösen Uwes“.

Sie will weder an den zehn Morden beteiligt gewesen sein, die ihre Gesinnungsgenossen an Migranten und einer Polizistin begangen haben, noch an den Bombenanschlägen. Sie will stets erst hinterher von den Taten erfahren und diese dann verurteilt haben. Sie will etliche Male darüber nachgedacht haben, sich der Polizei zu stellen – und es nur aus Liebe zu Uwe Böhnhardt nicht getan haben: „Ich war in einem Zwiespalt der Gefühle.“

Für diesen Tag, auf den alle seit zweieinhalb Jahren warten, den 249. im Prozess vor dem Oberlandesgericht (OLG), hat sich die Hauptangeklagte schick gemacht: blauer Business-Anzug, dezentes Tuch, offenes Haar. Erstmals dreht sie den Fotografen nicht den Rücken zu, sondern lächelt in die Kameras. Erstmals ist ihr fünfter Verteidiger mit in Saal A 101, der Münchner Herrmann Borchert.

Zschäpes 53-seitige Erklärung trägt allerdings sein junger Kanzlei-Kollege Mathias Grasel (31) vor. Mit eindringlichem Tonfall liest er vor, dass Zschäpe erst aus der Ermittlungsakte erfahren habe, wie man den Nachnamen ihres rumänischen Vaters schreibt; dass ihre Mutter nach der Wende arbeitslos wurde und zu trinken begann; dass sie den Respekt vor ihr verlor – und 1991, nachdem sie und Uwe Mundlos ein Paar geworden waren, in die rechte Szene von Jena abdriftete.

Sie verließ Mundlos für Uwe Böhnhardt. „Auch als ich erfuhr, dass er mehrfach straffällig geworden war, änderte das an meiner Liebe nichts.“

Gemeinsam fuhren die drei zu Demonstrationen und Konzerten, in der Regel wurden die Ausflüge von NPD-Funktionär und Verfassungsschutz-Spitzel Tino Brandt finanziert. „Er war das Zentrum unserer Aktionen.“

Als Uwe Böhnhardt mit ihr Schluss machte, weil sie „klammerte“, habe sie sehr gelitten. Um ihn zurückzugewinnen, mietete Zschäpe eine Garage an: Natürlich nicht, um dort die Rohrbomben zu bauen, die später gefunden wurden – von den Sprengsätzen will sie wie von so vielem erst im Nachhinein erfahren haben. In der Garage sollte „Propaganda-Material“ gelagert werden.

Im Januar 1998 wurde die Garage samt ihres explosiven Inhaltes entdeckt. Als Mieterin befürchtete Zschäpe eine langjährige Gefängnisstrafe und tauchte mit den zwei Uwes ab: „Wir beschlossen, das Ganze erst einmal aus der Ferne zu beobachten. Ich dachte nicht, dass das viele Jahre dauern würde.“ Während ihr Anwalt liest, spielt Zschäpe mit einem Ring an ihrer linken Hand.

Als dem Trio Ende 1998 das Geld ausging, entschlossen sich die Männer zu einem Raub. „Ich war einverstanden“, sagt Zschäpe – allerdings sei sie nicht beteiligt gewesen und habe auch nicht gewusst, dass die Uwes für den Überfall auf einen Edeka eine scharfe Waffe verwendeten. „Ich war entsetzt darüber“, behauptet sie heute – damals habe sie erstmals überlegt, sich zu stellen. „Aber meine Gefühle zu Uwe Böhnhardt hielten mich zurück.“ Außerdem wollte sie nicht „in den Knast“ und habe daher mit ihrem „bürgerlichen Leben“ abgeschlossen.

„An der Planung und Durchführung dieser Tat war ich nicht beteiligt.“ Dieser Satz ist der häufigste, der an diesem Morgen fällt.

Über den ersten Mord, die tödlichen Schüsse auf den türkischen Blumenhändler Enver Simsek am 9. September 2000 in Nürnberg, will Zschäpe drei Monate später informiert worden sein. „Ich war geschockt und bin ausgerastet.“ Warum der Familienvater sterben musste, hätten die Uwes nicht erwähnt. Mundlos habe nur gesagt: „Wir haben eh alles verkackt. Jetzt bringen wir es zu einem knallenden Abschluss.“

Für den Fall, dass Zschäpe sich stellen sollte, hätten die Männer damit gedroht, sich zu erschießen. „Damit stand ich vor einem unlösbaren Problem: Ich hätte die beiden einzigen Menschen, die mir neben meiner Oma lieb waren, auf dem Gewissen gehabt.“

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Auch die folgenden Morde hätten die Uwes ihr später enthüllt – einmal vier Hinrichtungen auf einen Schlag. „Sie haben sich damit gebrüstet, vier Ausländer umgelegt zu haben. Ich war unglaublich enttäuscht, dass sie erneut gemordet hatten – wo sie mir doch versprochen hatten, keine Menschen mehr zu töten.“ Das klingt so abgrundtief absurd, dass im Saal Gelächter ausbricht.

Besonders entsetzt gibt sich Zschäpe über den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn, bei dem ein zweiter Beamter lebensgefährlich verletzt wurde. Auf die Frage nach dem Warum hätten die Uwes geantwortet, dass es ihnen „nur um die Pistolen der Polizisten“ gegangen sei. Ihre eigenen Waffen hätten zu häufig Ladehemmung gehabt. Daraufhin sei sie „hysterisch“ geworden und habe versucht, „sie zu schlagen“.

Wenn die Uwes allerdings mal wieder eine Knarre im Wohnzimmer liegenließen, räumte Zschäpe sie brav in den Schrank. „Ich wollte nicht, dass Waffen offen herumliegen.“ Irgendwann habe sie sich aber an die Pistolen auf dem Fernsehtisch gewöhnt.

Und während ihre Kumpane weiter killend durch Deutschland zogen, ging Beate Zschäpe stundenlang joggen oder spielte am PC und trank dabei täglich drei bis vier Flaschen Sekt. Völlig ahnungslos. Angeblich.

Dass sie die gemeinsame Wohnung anzündete, als sie am 4. November 2011– aus dem Radio, nicht durch einen Anruf aus dem sächsischen Innenministerium – vom Tod der Uwes erfuhr, sei deren letzter Wunsch gewesen. Sie habe keinesfalls vorgehabt, Belastungsmaterial gegen sie selbst zu vernichten. Auch das Verschicken der Bekennervideos (den Film will Zschäpe zum ersten Mal im Gerichtssaal gesehen haben) hätten die Uwes angeordnet.

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Selbstverständlich habe sie versucht, ihre betagte Nachbarin zu warnen, bevor sie das Benzin entzündete: „Ich habe zu meiner Oma ein sehr enges Verhältnis und hätte deshalb niemals eine alte Frau wissentlich in Gefahr gebracht.“ Natürlich nicht.

Das Schmierentheater endet mit einer Überraschung. Zschäpe bittet um Verzeihung. „Ich fühle mich moralisch schuldig dafür, dass ich die Morde und Überfälle nicht verhindert habe“, lässt sie den Anwalt vortragen.

„Ich wünschte, dass wir früher verhaftet worden wären, dass es nicht zu den Taten gekommen wäre. Ich entschuldige mich aufrichtig bei den Opfern und Hinterbliebenen der Taten von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.“

Fragen der Nebenklage-Vertreter lässt Zschäpe allerdings nicht zu. Auch der Senat soll schriftlich formulieren, was er wissen möchte. Und am Nachmittag ist schon wieder alles beim Alten: Die beiden neuen Anwälte beantragen die Abberufung der drei alten Pflichtverteidiger.

„Es ist schrecklich. Ich hab keine Worte dafür“, sagt Abdulkerim Simsek nach Ende der Verhandlung. Seit Prozessbeginn hoffen er und seine Familie darauf, zu erfahren, warum Vater Enver sterben musste – wieder war alles Hoffen vergeblich. „Diese Erklärung war so erbärmlich“, sagt Simsek, „einfach nur lächerlich.“

 

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