NSU-Prozess NSU-Morde: Die Fehler der Ermittler

Der „Frischmarkt“ an der Bad-Schachener-Straße in München: Hier wurde der Geschäftsmann Habil Kilic erschossen. Foto: Petra Schramek

Hätten weitere Morde der NSU verhindert werden können, wenn die Münchner Polizei zwei Zeuginnen ernst genommen hätte?

 

München - Der erste Schuss traf Habil Kilic in die Wange. Reflexartig duckte sich der 38-Jährige hinter den Tresen in seinem Gemüseladen, als die zweite, tödliche Kugel in seinen Hinterkopf fuhr. Der türkische Familienvater aus München war das vierte Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Ab heute ist sein Tod Thema im Prozess gegen die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht (OLG).

Die Aufarbeitung des Mordes am 29.August 2001 beginnt mit der Aussage des damaligen Chefs der Münchner Mordkommission, Josef Wilfling – und es stellt sich die Frage, ob die blutige Serie früher hätte beendet werden können, wenn die Ermittler die Beobachtungen von zwei Zeuginnen im Fall Kilic anders bewertet hätten. Heute weiß man, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu mehreren Tatorten radelten, damals nahm man entsprechende Hinweise nicht ernst genug. Das geht aus Akten der Münchner Polizei hervor, die der AZ jetzt vorliegen. Nach den Schüssen im „Frischmarkt“ an der Bad-Schachener-Straße sagten zwei Anwohnerinnen unabhängig voneinander aus, sie hätten zur Tatzeit zwei verdächtige Radfahrer in der Siedlung bemerkt.

Die eine hatte ihre Wohnzimmer-Fenster geputzt, als sie zwei junge Männer durch die Wohnanlage an der Rupertistraße in Richtung Bad-Schachener-Straße radeln sah. Junge Männer, die sie nicht kannte, und die sich extrem dicht an der Häuserzeile hielten, als wollten sie nicht gesehen werden. „Das ist ein Fuß- und kein Radweg!“, rief sie den beiden zu. Sie kümmerten sich nicht darum. Etwa fünf Minuten später sei das Duo wieder in die entgegengesetzte Richtung gefahren – auffallend schnell.

Die zweite Anwohnerin wollte gerade ein Fenster schließen, als sie draußen etwas hörte. Sie sah zwei junge Männer mit kurzem dunklen Haar, die in hoher Geschwindigkeit von der Bad-Schachener-Straße kommend durch die Siedlung radelten. Beide Frauen beschrieben die Radler als jung, sportlich, etwa 20 bis 30 Jahre alt. Die Polizei suchte sie später öffentlich – allerdings als „Zeugen“.

Der Mord an Kilic war nicht der erste, bei dem Radfahrer in der Nähe des Tatorts beobachtet wurden: Als Enver Simsek im September 2000 bei Nürnberg in seinem Blumen-Transporter erschossen wurde, sah ein Zeuge zwei Männer in Radlerhosen in der Nähe des Wagens, wie gestern in der Verhandlung thematisiert wurde. Der Nebenklägeranwalt Jens Rabe kritisiert die Ermittler: „Sie hätten sehr viel schneller diese Spur verfolgen und Parallelen ziehen müssen“, sagte er der ARD.

Auch nach dem Mord an Döner-Verkäufer Ismail Yasar 2005 in Nürnberg gaben zwei Frauen und ein Mann zu Protokoll, an Yasars Imbissstand hätten zwei Männer gestanden – und Fahrräder. Wieder peitschten wenig später Schüsse durch die Luft. Und auch 2006 in Dortmund, als Mehmet Kubasik in seinem Kiosk erschossen wurde, fielen am Tatort zwei Radler auf.

Aber die Münchner Fahnder stuften die Radfahrer-Spur von vorneherein als irrelevant ein:. „Im Rahmen der Öffentlichkeitsfahndung (Presseveröffentlichungen) wurde auf die beiden Radfahrer als möglicherweise wichtige Zeugen hingewiesen, sie haben sich bislang nicht gemeldet“, heißt es in einem Vermerk. Deshalb kam man zu dem Schluss: „Ein Tatzusammenhang ist nicht zu erkennen.“ Selbst als eine der Münchner Zeuginnen 2005 auf Phantombildern, die nach dem Mord an Ismail Yasar in Nürnberg angefertigt worden waren, einen der Männer erkannte, der an ihrem Fenster vorbei geradelt war, wurde diesem Hinweis nicht weiter nachgegangen.

Es mussten erst vier weitere Unschuldige sterben, bevor den Ermittlern klar wurde: Die Radfahrer aus der Bad-Schachener-Straße waren keineswegs harmlose Passanten. Die Männer hießen Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos und waren die gesuchten Mörder von mittlerweile zehn Menschen.

Nachdem die beiden sich umgebracht und Beate Zschäpe die gemeinsame Wohnung in Zwickau angezündet hatte, entdeckte die Spurensicherung in den Trümmern 68Zeitungsartikel über die Ceska-Morde, etliche davon aus der Abendzeitung. Auf der AZ-Ausgabe vom 30.8.2001 wurden Zschäpes Fingerabdrücke festgestellt. Neben den Artikel „Obsthändler mit Kopfschuss hingerichtet“ über den Tod von Habil Kilic hatten die Killer eine rote „4“ gemalt – für den vierten Mord der NSU-Serie.

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