Notunterkunft in der Schulturnhalle Planegg: Schüler und Flüchtlinge Tür an Tür

Bis vor ein paar Wochen ist hier noch Handball oder Volleyball gespielt worden, nun leben in dieser Sporthalle 200 Flüchtlinge. Foto: privat

Wenn die Schulturnhalle zur Unterkunft wird: Ein Report aus Planegg. Dort raten die Helfer den Bürgern: „Schenken Sie ein Hallo, ein Lächeln“.

Matthias (11) wird ziemlich rüde abgewiesen: „Geh weg, das ist hier kein Streichelzoo!“ Der Gymnasiast vom Planegger Feodor-Lynen-Gymnasium darf nicht mehr in die Turnhalle II schlendern. Zwei Security-Leute versperren ihm den Weg. Denn die große Schul-Turnhalle dient nun in der dritten Woche als Notquartier: für inzwischen 200 Asylbewerber – allesamt junge Männer aus Ländern wie dem Senegal, Mali, Somalia, Eritrea, Nigeria, Syrien, Pakistan, Irak und Albanien.

„Mama, gut, dass die nicht gestorben sind, sondern hier bei uns“

Dass deswegen der Sportunterricht ausfallen musste und am Nachmittag der Parkour-Kurs, findet der Sechstklässler zwar schade. Mehr aber auch nicht. Irgendwie ist das völlig nebensächlich, wenn der Junge über das Elend einer Flucht nachdenkt, die jeder dieser Männer in seiner Schulturnhalle hinter sich hat.

Matthias hat eine Ahnung, was der Begriff Folter bedeutet. Er weiß von den Enthauptungen des IS – und von der Lebensgefahr, in der manche der Männer in ihrer Heimat geschwebt haben. „Mama, gut, dass die Jungs nicht gestorben sind, sondern dass sie jetzt hier sein können bei uns“, sagt er mit dem tiefen Ernst seiner elf Jahre.

So neugierig und freundlich sind viele der jugendlichen Gymnasiasten am Feodor-Lynen-Gymnasium (FLG). Kurz nach dem 22. Juni, als die ersten Flüchtlinge angekommen waren, gab es bereits gemeinsame Fußball-Aktionen. „Die Flüchtlinge spielen so toll, sie kennen ganz viele Balltricks“, schwärmt Matthias.

Kontaktverbot - wegen der Versicherung

Doch inzwischen gibt es von 7 bis 16 Uhr ein Kontaktverbot zwischen Schülern und Asylbewerbern. Die Kicker auf beiden Seiten waren schockiert, als nach den Hausaufgaben ihr Fußballspiel abrupt abgebrochen wurde. Mit dem Argument: „Stopp! Die Flüchtlinge sind nicht versichert. Wenn einer euch reingrätscht und euch dabei aus Versehen blöd verletzt, zahlt keine Versicherung“, erklärten die Verantwortlichen der Nachmittagsbetreuung.

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Matthias und seine Freunde sind traurig über das seltsame versicherungstechnische Problem. Und die Flüchtlinge? Vermutlich vermissen sie den Kontakt noch mehr. „Ich glaube, sie haben nichts verstanden. Das alles ist echt blöd. Eran aus Nigeria spielt wirklich cool, und Skateboard fährt er auch“, sagt Matthias.

Die schriftliche Erlaubnis seiner Mutter, dass ihr Sohn jederzeit mit den Asylbewerbern aus der Turnhalle wieder Fußball spielen dürfe, wird in der Schule nicht akzeptiert.

Dabei ist Langeweile das Hauptproblem im Planegger Notquartier. Englische, französische und arabische Zeitschriften oder Zeitungen fehlen. Wichtig wären auch Wörterbücher, Ventilatoren und Fahrräder. In der ganzen Halle gibt es keinen Fernseher.

Die Schulleitung des Feodor-Lynen-Gymnasiums sammelt Tischtennisschläger, Skateboards und Sportschuhe. Im Sekretariat steht bereits ein gut gefüllter Umzugskarton.

Den Tag rumbringen – nicht leicht, zumal Fußball nun verboten ist

Viele hier kommen aus den Krisengebieten in Afrika: Zu fünft oder sechst stehen oder sitzen die unbegleiteten Flüchtlinge im Schatten der Schule.

Der Eingang ihres Not-Quartiers ist abseits des Schulhofs, aber doch in Sichtweite. Die Männer plaudern, spielen mit Handys, bringen irgendwie den Tag rum – gut bewacht von einer fünfköpfigen Security-Mannschaft.

„So sicher waren diese schwarzen Männer in ihrem Leben noch nie“, scherzt Herbert Veit. Wenn jemand so einen Scherz machen darf, dann er.

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Veit betreut seit 23 Jahren im Helferkreis Asyl Planegg-Krailling ehrenamtlich Asylbewerber. Er findet die Lage auf dem Planegger Schulhof zwar nicht rosig, als Übergangs-Lösung aber erträglich. Obwohl die Polizei inzwischen sechs Mal wegen Streiterein, einem brennenden Müllcontainer und einem geklauten Handy angerückt ist.

Die Eltern der Gymnasiasten sind alarmiert: Sie haben Angst vor Ansteckung, weil bei einem Asylbewerber die Krätze diagnostiziert worden ist. Es gibt Appelle, keine Miniröcke zu tragen. Lehrerinnen wollen Schülerinnen vor der großen, rein männlichen Asylbewerber-Gruppe schützen.

Das alles stört Herbert Veit: „Die Elternschaft am Gymnasium ist leider sehr besorgt. Aber ihre Ängste sind überflüssig. Die jungen Asylbewerber wissen genau, wie sie sich hier zu benehmen haben, wenn sie Asyl erhalten wollen.“

Schüler und Flüchtlinge Tür an Tür: Auch wenn die Kombination nicht ideal ist und viele im Würmtal misstrauisch macht, hat Herbert Veit einen Wunsch: „Wenn Sie auf der Bahnhofstraße oder an der S-Bahn auf unserer Flüchtlinge treffen, probieren Sie es aus, sagen sie Hallo. Es passiert Ihnen nichts. Sie werden sehen, die Männer grüßen einfach nur wahnsinnig freundlich zurück.“

Diese Kleinigkeit den oft wohlsituierten Würmtal-Bürgern mit auf den Weg zu geben, ist ihm sehr sehr wichtig. Paolo Puosi (53), Sportlehrer und Koordinator vom Asyl-Helferkreis, besucht fast jeden Abend die 200 Männer in die Schul-Turnhalle. Er bittet um das Gleiche: „Schenken sie ein Hallo, ein Lächeln – oder eine Chance.“

 

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