Norwegen Oslo: Seefahrer-Abenteuer

Oslo - Die Welle ist größer als alle anderen. Sie bäumt sich auf und schäumt vor Wut. Thor Heyerdahl brüllt seinen Kameraden über das Donnern hinweg zu: „Haltet euch fest!“ Die Männer können nichts mehr tun, das Floß und das Riff entscheiden die Sache nun unter sich. 100 Tage lang schaukelte das Meer sie wie Wiegenkinder in seinem Schoß. Doch in der Brandung vor der Südseeinsel Raroia ist es nicht länger ihr Freund. Heyerdahl überkommen plötzlich Zweifel. Hat er seinen Hypothesen so sehr vertraut, dass er seine Gefährten am Ende in den Tod schickt? Fast 8000 Kilometer legt der junge norwegische Forscher zusammen mit seiner fünfköpfigen Crew 1947 auf einem selbst gebauten Floß zurück. Er tauft es nach Qun Tiksi Wiraqucha, kurz Kon-Tiki, dem Schöpfergott in der Mythologie der Inka. Die Wagemutigen überqueren die Weiten des pazifischen Ozeans, um Heyerdahls revolutionäre Theorie zu beweisen: Polynesien wurde von Südamerika aus besiedelt, nicht von Asien - und zwar mit einem ebensolchen Floß aus Balsaholz.

 

Proviant und Trinkwasser waren unter dem Deck verstaut

101 Tage nachdem die Kon-Tiki in Peru ablegte, erreicht sie mit dem Humboldtstrom den Tuamotu-Archipel - Thor Heyerdahl wurde weltberühmt. Heute ist die Kon-Tiki auf der Museumshalbinsel Bygdøy in Oslo zu bestaunen. Scheinwerfer beleuchten das verblasste Antlitz des Inka-Gottes auf dem zerschlissenen Segel. Deutlich sind am Floß die tiefen Einkerbungen zu sehen, die die Hanfseile in das weiche Holz der Stämme geschnitten haben. Proviant und Trinkwasser waren im Hohlraum unter dem Deck verstaut. Hielten sich alle Männer zur selben Zeit in der Kajüte aus Bambusrohr und geflochtenen Bambusmatten auf, müssen sie sich wie Ölsardinen in der Dose gefühlt haben. Es war Knut Haugland, ein Mitglied der Expeditionsbesatzung, der zusammen mit Thor Heyerdahl die Initiative ergriff und 1950 in Oslo das Kon-Tiki-Museum baute. Er hat es über 40 Jahre geleitet, bevor Thor Heyerdahl jr. den Posten übernahm.

„Der Ruhm meines Vaters war zuerst aufregend, dann wurde mir die Erwartung zur Last, in seine Fußstapfen zu treten“, erzählt der Sohn des berühmten Floßfahrers. Erst mit seiner eigenen wissenschaftlichen Karriere habe sich das gegeben. Thor Heyerdahl jr. wurde Meeresbiologe, studierte unter anderem Wale vor Grönland. Dass sein Vater lange weg sein würde, habe er damals gewusst, aber die Tragweite mit neun Jahren nicht verstanden. „Als er im September 1947 wiederkam, habe ich mir alles erzählen lassen.“ Von dem gigantischen Walhai, den ein panisches Crewmitglied mit einer Harpune in die Flucht zu treiben versuchte, von den Duzenden Haien, die das Floß zeitweise umzingelten.

Die Abenteuer der Expedition kommen nun mit dem Spielfilm „Kon-Tiki“ ab dem 21. März in die deutschen Kinos. Die Weltpremiere der aufwendigsten norwegischen Filmproduktion aller Zeiten fand im neuen Haus der Staatsoper im Beisein von König Harald und Königin Sonja statt. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet gewesen als das markante Gebäude, das mit seinen schiefen, begehbaren Ebenen und dem gläsernen Aufbau selbst wie ein riesiges gestrandetes Floß aus dem Wasser des Osloer Hafenbeckens ragt? Die grundlegende Idee des Osloer Architektenteams Snøhetta war eine frei zugängliche Dachlandschaft als neuer öffentlicher Stadtraum. „Wir fragten uns: Was ist das Typische an der norwegischen Kultur?“, erzählt Tarald Lundevall, Projektleiter der Oper und einer der drei Snøhetta-Partner. Die Antwort: Allmenning - zu Deutsch: die Allmende. Also wurde die Idee des gemeinschaftlich nutzbaren Bodens als wesentlicher Ansatz in den Entwurf übernommen - und von der Stadtbevölkerung gerne angenommen. Heute flanieren bei schönem Wetter auf den rund 20 000 Quadratmeter Dachfläche aus Carrara-Marmor nicht nur Touristen. „Marmor passt zum norwegischen Wetter“, befindet Tarald Lundevall und lässt offen, ob er sich damit auf die winterlichen Eisschollen im Oslofjord bezieht, mit denen die Architektur der neuen Oper häufig verglichen wird, oder eher auf die weißen Nebelschwaben, die sich manchmal so tief über der Stadt hinabsenken, dass sie die Doppeltürme des Rathauses umhüllen.

1982 wurde das Aker-Areal stillgelegt

Der Bau aus Rotklinker, eröffnet 1950 anlässlich der 900-Jahr-Feier Oslos und ausgeschmückt von den besten norwegischen Künstlern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dominierte lange Zeit das Bild der Stadt von der Fjordseite her - zusammen mit dem großen Gelände der Aker-Werft. Doch in den 1970er Jahren geriet die Schiffbauindustrie auch in der Seefahrernation Norwegen in die Krise. 1982 wurde das Aker-Areal stillgelegt. An seiner Stelle wuchsen die Glastürme der Aker-Brygge in die Höhe, die im Stil der Londoner Docklands das moderne Oslo repräsentieren. Hier joggen versprengte Frühaufsteher vor ihren Loftwohnungen über die Promenade. Angehörige der Kreativwirtschaft treffen sich mittags zum Business-Lunch bei Sushi, Tapas oder norwegischer Hausmannskost. Aus der industriellen Rückansicht der norwegischen Hauptstadt wurde die durchgestylte Schauseite zum Fjord. Vom Rathausplatz in unmittelbarer Nähe, der nicht wie üblich im Zentrum, sondern direkt am Hafen liegt, fahren zwischen April und Oktober Fähren über den Fjord zur Halbinsel Bygdøy, wo mehrere Ausstellungen an Norwegens große Seefahrer erinnern.

Im Wikingerschiffmuseum sind die drei am besten erhaltenen Langschiffe der Welt zu sehen. Im Raum gleich nebenan beeindruckt das Segelschiff „Fram“, mit dem Roald Amundsen als Erster die Antarktis erreichte. Doch mit der Anziehungskraft der „Kon-Tiki“ kann auch dieses berühmte Polarforschungsschiff letztlich nicht mithalten.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading