Nordfriedhof Thomas Mann und die "Scheißviecher"

Die Aussegnungshalle am Nordfriedhof im Originalzustand. Foto: Archiv

Die in Thomas Manns „Tod in Venedig“ erwähnten Sphinxe am Nordfriedhof sollen rekonstruiert werden. Ein erster Schritt zur Wiederherstellung des Originalzustands

 

Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Anfang September stellte die Münchner CSU-Stadträtin Ulrike Grimm beim Oberbürgermeister den Antrag, aus Anlass des 200-jährigen Bestehens der Münchner Friedhofsverwaltung im nächsten Jahr die beiden verschwundenen Sphinxe vor der Aussegnungshalle des Münchner Nordfriedhofs rekonstruieren zu lassen.

Eine gute Idee. Diese Figuren aus dunklem Granit kommen bekanntlich zu Beginn von Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ (1912) unter Anspielung auf die Offenbarung des Johannes als die „beiden apokalyptischen Tiere“ vor. In einem Punkt irrt Frau Grimm allerdings: Das Verschwinden der beiden Figuren geschah nicht aufgrund eines Stadtratsbeschlusses der „50er oder 60er Jahre“, sondern war das eigenmächtige Werk eines Münchner Baurats, der Ende der sechziger Jahre meinte, die „Scheißviecher“ müssten weg.

Die drastische Bemerkung zeigt, wie sehr diese Sphinxe mit Hahnenkopf, Heiligenschein und Schrifttafeln („Sehet zu, wachet und betet“, Markus 13, 33) ihrer Funktion als Grab- und Totenwächter lange Zeit entsprochen haben. Sie wirkten, so nahe am Gehsteig gelegen, einfach unheimlich.

Inschriften in Goldlettern

Wie der Münchner Friedhofsexperte Erich Scheibmayr im Sommer 1997 wusste, waren die Figuren zunächst ausgelagert und danach an einen jungen Steinmetz aus Niederbayern gegen eine geringe „Anerkennungsgebühr“ abgegeben worden. Der Vorgang ist jedoch, wie vom Stadtarchiv München damals auf Anfrage mitgeteilt wurde, aufgrund fehlender Unterlagen nicht mehr nachvollziehbar.

Wenn man aber schon daran gehen sollte, die historische, von dem Architekten Hans Grässel 1896/99 geschaffene Situation am Portal der Aussegnungshalle aus den „wenigen existierenden Bildvorlagen“ (Grimm) zu rekonstruieren, dann sollte auch daran gedacht werden, die vermutlich durch Kriegseinwirkung ebenfalls verschwundenen „Inschriften in Goldlettern“ wieder anzubringen. Ihre Texte stammen aus der römisch-katholischen Totenmesse und wurden von Thomas Mann in seiner Beschreibung bewahrt: „Sie gehen ein in die Wohnung Gottes“ und „Das ewige Licht leuchte ihnen“.

Diese Inschriften innerhalb eines farbig behandelten Flächenschmucks in schwach polierten Reliefs befanden sich allerdings nicht, wie Professor Terence J. Reed (Oxford) angibt, am Portikus; dessen Inschriften nach Psalm 115, 1 („Nicht uns, Herr! Nicht uns, sondern Deinem Namen gieb Ehre.“) sind, wie man heute sehen kann, sorgsam renoviert. Die fehlenden Inschriften aus der Totenmesse standen vielmehr darüber, oben im Tympanon der Vorhalle, neben und zwischen den drei Oberlichtfenstern, umgeben von Engeln und Kreuzen.

Und wenn man schon einmal dabei wäre, könnten bei der Gelegenheit auch die fehlenden Verzierungen an den beiden Seitengebäuden der Vorhalle wieder angebracht werden.

Auf jeden Fall sollte der Antrag der Stadträtin um den einen Punkt erweitert werden, mit einer Informationstafel oder einem Schaukasten die einstige Situation darzustellen.

 

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