Noch bis 31. August Dornröschen im Deutschen Theater in München: Aufsässiger Adelsteenie

Da muss erst ein Prinz (Kurosch Abbasi) kommen, um Dornröschen (Sophie Euskirchen) aus dem Schlaf zu reißen. Foto: Hendrik Nix

Das Märchen-Musical Dornröschen erzählt, was eigentlich passiert während die Prinzessin im tiefen Schlaf liegt - zu sehen im Deutschen Theater in München.

 

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ließen in ihren weltberühmten Kinder- und Hausmärchen Lücken. Was, zum Beispiel, geschah während der 100 Jahre, in denen Dornröschen im Schlaf lag? "Rings um das Schloss", liest man bei den Brüdern, "begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloss umzog." Was draußen im Land passierte, wissen die Macher des Musicals "Dornröschen". Es war nicht nur die Herrschaft der bösen Fee Selena, die für Armut und bürgerkiegsähnliche Verhältnisse sorgte, sondern auch die Politik des Königs.

Der Herrscher, der nun wie seine Tochter und sein gesamter Hofstaat in hundertjährigem Schlummer liegt, verjubelte sein Geld mit einer kostspieligen Armee und schwächte, vom Zauberspruch der bösen Fee in Panik versetzt, die Produktivität seines Volks, als er alle Spinnräder beschlagnahmte. Das erfährt man natürlich nur ganz spielerisch nebenbei, denn die Produktion der Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau, der Geburtsstadt der beiden Literaturwissenschaftler und Märchensammler, die im Deutschen Theater gastiert, ist ein märchenhaft launiges Theatervergnügen sowohl für nicht mehr ganz junge Kinder als auch für Erwachsene.

Dornröschen ist die lange ersehnte Tochter Glorias und Albrechts

Librettist Wolfgang Adenberg und Regisseur Alex Balga nehmen sich manche erzählerische Freiheit, um die Vorlage, die sich in zehn Minuten lesen lässt, zu abendfüllenden 110 Minuten auszubauen. Da erfährt man, dass die böse Selena (Franziska Becker) von ihren beiden Schwestern einst verstoßen wurde. Die eine ist Aurora, die gute Fee (Janne Marie Peters), die andere ist Gloria (Lisa-Marie Sumner), die ihre zauberische Feenkraft für die Ehe mit einem Sterblichen, dem König Albrecht (Sascha Oliver Bauer), aufgab.

Dornröschen ist die lange ersehnte Tochter Glorias und Albrechts, die Feen sind also Dornröschens Tanten. Aurora gelang es, das Todesurteil der rachsüchtigen Schwester über die königliche Familie zu einem langen Schlaf abzumildern. Sie erscheint ihrer komatösen Nichte und führt sie im Traum durch ihr bisheriges Leben.

So steht die 17-jährige Prinzessin im Wortsinne neben sich. Wie sie ihre Vergangenheit beobachtet, bildet den Handlungsrahmen. Über die Königstochter erfährt man bei den Brüdern Grimm vor allem, dass sie „schön, sittsam, freundlich und verständig“ ist. Aber brave Kinder sind als Musicalhelden langweilig, und in der Hanauer Adaption wird Dornröschen zu einem sehr heutigen Rotzlöffel. Als sie sich selbst als Neugeborene sieht, lästert sie „Wie verschrumpelt ist das denn?“ und als ihr Prinz Alexander (Kurosch Abbasi) als ihr künftiger Gemahl vorgestellt wird, ist sie bockig: "Ich soll heiraten? Nur über meine Leiche!".

Lichtdesign in zuckerwattigem Pink und Himmelblau

Sophie Euskirchen gibt der schönen und verwöhnten Prinzessin aber bei aller amüsanten Görenhaftigkeit auch die angemessene Anmut. Sie erfreut ebenso wie das übrige Ensemble mit starken Stimmen für die Lieder, die Marian Lux komponiert hat - eingängige Popsongs, gut gelaunter Rock‘n‘Roll und pompöser Chorgesang zu Choreografien mit ironischem Witz (Bart de Clercq).

Und wenn das Lichtdesign in zuckerwattigem Pink und Himmelblau erstrahlt, sieht das Bühnenbild ein wenig aus wie ein Märchenschloss in Disneyland.


Deutsches Theater, bis 31. August, mittwochs bis samstags 19.30 Uhr, sonntags 16 Uhr, Telefon: 55234444.


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