Nikolaus Harnoncourt gestorben Ein Rebell, der zum Weltstar wurde

Erwin Ortner, Nikolaus Harnoncourt und die Solisten Ruben Drole, Johannes Chum, Laura Aikin und Elisabeth Kulman (v.l.) nach Beethovens „Missa solemnis“ im Großen Festspielhaus. Foto: Salzburger Festspiele/Neumayr

Der Dirigent und Cellist Nikolaus Harnocourt starb im Alter von 86 Jahren

 

Im vergangenen Sommer leitete er noch Beethovens „Missa Solemnis“ bei der Ouverture Spirituelle der Salzburger Festspiele. Er wirkte hinfällig und kam auf Krücken. Aber das alte Feuer glühte noch. Im Dezember erklärte Nikolaus Harnoncourt seinen Rückzug vom Dirigieren. Am Samstag starb er im Alter von 86 Jahren. Er sei friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen, gab sein Sohn in einer Stellungnahme bekannt.

Schon während seines Studiums in Wien beschäftigte sich der 1928 in Berlin geborene und in Graz aufgewachsene Spross eines niederösterreichischen Adelsgeschlechts mit historischen Instrumenten. 1952 wurde er Cellist bei den Wiener Symphonikern. Wenig später gründete er mit seiner Frau Alice Hoffelner den Concentus Musicus Wien, mit dem er barocke Streichermusik im Originalklang aufzuführen begann.

Bekannt wurde Harnoncourt mit tänzerischen, klein besetzten Aufnahmen der Passionen von Johann Sebastian Bach. In einer Zeit, als diese Musik mit orgelhaftem Streichervibrato, Opernsängern und von Riesenchören aufgeführt wurde, war dies eine Provokation. Später bekämpfte er die apollinische Glätte bei Mozart. Seine Feldzüge gegen die Tradition befeuerte der Dirigent durch pointierte Interviews und Aufsätze.

Harnoncourt redete gern Fraktur. Er liebte es, Werke zum ersten Mal „richtig“ zu spielen. Dabei waren auch seine Deutungen oft recht eigensinnig: Claudio Monteverdis Oper „Il ritorno d’Ulisse in patria“ führte er allerdings in einer poppig bunten Riesenorchester-Version auf, die sich an dessen „L’Orfeo“ orientierte, obwohl der Komponist bei seinen späten Opern nachweislich nur eine Handvoll Musiker beschäftigte. Und am Ende von „L’incoronazione di Poppea“ ließ er die Harfe rauschen, als würden Nero und seine Geliebten einen wagnerianischer Liebestod sterben.

Heute macht das niemand mehr so. Der 1975 in Zürich mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle begonnene Monteverdi-Zyklus hat diese Opern für das Standard-Repertoire gewonnen. Harnoncourt verstand sich nie als Wissenschaftler, sondern als Praktiker. Ohne seine lässige Inkonsequenz wäre es nie gelungen, die historische Aufführungspraxis als allgemein akzeptierten Stil für barocke und klassische Musik durchzusetzen. In den späten Aufnahmen ließ der Dirigent auch mehr Wiener Musizierlust als früher zu.

Seit Harnoncourt hören wir Bach und Mozart anders - und besser

Und noch wichtiger: Ende der 1970er Jahre begann Harnoncourt das historisch orientierte Musizieren auf die Arbeit mit normalen Symphonieorchestern zu übertragen. Diese früher unübliche Vielfalt der Stile gehört heute zum handwerklichen Standard. Er dirigierte das Concertgebouw Orkest Amsterdam, die Berliner Philharmoniker und eroberte zuletzt auch die Hochburg der klassisch-romantischen Tradition: die Wiener Philharmoniker. Zweimal leitete er auch das Neujahrskonzert mit Werken der Strauss-Dynastie.

Erst nach dem Tod seines Intimfeindes Herbert von Karajan durfte er bei den Salzburger Festspielen auftreten. Hier brachte er mit dem Chamber Orchestra of Europe einen aufregend wilden Beethoven-Zyklus heraus. Harnoncourt studierte Opern von Mozart ein und dirigierte denkwürdige Bruckner-Aufführungen. Seinen Traum, eine Einstudierung von Alban Bergs „Lulu“, konnte er wegen nachlassender Sehkraft jedoch nicht mehr verwirklichen.

In München war Harnoncourt eher selten zu hören. In der Ära Everding gastierte der bahnbrechende Züricher Monteverdi-Zyklus im Nationaltheater. Everding lud den Concentus Musicus bald auch ins wiedereröffnete Prinzregententheater ein. Ein paar Mal dirigierte Harnoncourt in den 1980er Jahren auch die Münchner Philharmoniker. Vor gut zehn Jahren deutete sich eine engere Zusammenarbeit mit dem Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks an. Doch das Programm „Die Wahnsinnsfrau“ mit Musik von Wagner, Brahms und Berg wurde erst verschoben und dann ganz abgesagt.

Harnoncourt verabscheute die Macht-Attitüde anderer Dirigenten. Er verzichtete auf einen Taktstock und stand auch nie auf einem Podium, sondern immer demonstrativ zu ebener Erde auf gleicher Höhe: als Kollege der Orchestermusiker.

Seit seinen Aufnahmen und Konzerten hört man Bach und Mozart anders. Man ist versucht zu sagen: besser. Harnoncourt hat eine neue Ästhetik durchgesetzt. Das schaffen nur ganz wenige Interpreten. Das macht ihn zu einem der wichtigsten Dirigenten der letzten 50 Jahre. Vielleicht war er sogar der wichtigste.

 

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