Nida-Rümelin im Interview Rousseau, der aufgeklärte Rebell

Rousseau für alle“: Unter diesem Motto feiert die Stadt Genf den 300. Geburtstag ihres Sohnes Jean- Jacques Rousseau. Zu seinen Lebzeiten wurde der Philosoph in seiner Heimatstadt weniger geschätzt. So gehört ein weiterer Jahrestag zum Rousseau- Gedenken dieser Wochen dazu: Vor 250 Jahren veranlassten die Genfer Behörden, zwei Hauptwerke des Jubilars zu verbrennen, die pädagogische Lehrschrift „Émile“ und das politische Traktat „Du Contrat Social“ (Vom Gesellschaftsvertrag).

In der AZ erklärt der Münchner Philosophie- Professor Julian Nida-Rümelin den Klassiker.

AZ: Herr Nida-Rümelin, welche Partei würde Rousseau heute bei uns wählen?

JULIAN NIDA-RÜMELIN: Das ist gar nicht so einfach. Bei Rousseau gibt sich der Einzelne als Bürger dem Gemeinwesen hin. Er vegisst seine eigenen Interessen und versucht das Beste für die gesamte Bürgerschaft zu realisieren. Wo passt er heute hin? Er wäre sicherlichnicht rechts angesiedelt, sondern eher links. Rousseau vertritt Elemente, die jetzt die Piraten betonen, nämlich den politischen Mitwirkungsgedanken aller Beteiligten. Er hat Elemente der Sozialdemokratie, zum Beispiel wenn er meint, man solle das Eigentum beschränken, die Gesetze sollten so sein, dass die Unterschiede nicht zu groß werden. Und er hätte eine Sympathie für die Grünen: Nicht im Sinne von „Zurück zur Natur“, das Zitat stammt gar nicht von Rousseau, sondern indem er seine gewisse Skepsis gegenüber der Eigendynamik der Zivilisation formuliert.

AZ-Interview mit Julian Nida-Rümelin. Der 57-jährige gebürtige Münchner ist Professor für
Philosophie an der LMU, war Kulturreferent der Stadt
und Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder

„Eine einzige neue Pflanze zu entdecken, ist mir hundertmal lieber als fünfzig Jahre lang dem Menschengeschlecht zu predigen“, schrieb Rousseau. War er ein Menschenfeind?

Rousseau war zweifellos ein extrem labiler Charakter, der sich auch mit Menschen, die ihm sehr wohl gesonnen waren, gerne zerstritten hat. Er war ein Sonderling und auch ein Polemiker, der durchaus Schwierigkeiten hatte, sein eigenes Leben zu organisieren. Er war lange Zeit abhängig von wohlhabenden Damen. Er fühlte sich nicht imstande, seine eigenen Kinder großzuziehen. Und im Alter hatte er wohl regelrechte Wahnvorstellungen. Man darf also auch bei ihm nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.

„Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch überall in Ketten.“ (Contrat Social)

Dennoch hatte Rousseaus Werk unmittelbaren politischen Einfluss.

Rousseau spielt natürlich für die Franzosen eine zentrale Rolle, als Säulenheiliger der Französischen Revolution. Liberté, égalité, fraternité – das ist ja ganz von Rousseau inspiriert. Auf der anderen Seite ist er ein Autor, der zwischen Aufklärung und Romantik changierte. Die Romantik war in Deutschland eine wesentlich stärkere Bewegung als in Frankreich. Und hier fielen Rousseaus Gedanken auf fruchtbaren Boden: die Naturverehrung, die Vorstellung, es gäbe ein natürliches Leben außerhalb der Zivilisation. Der Gedanke einer ursprünglichen Freiheit, die man unter den modernen Bedingungen wieder herstellen sollte durch die Etablierung der Republik.

Wäre Rousseau mit unserem Grundgesetz einverstanden?

In zentralen Punkten nicht: Das Repräsentationsprinzip lehnt er ja ab, er wäre zweitens nicht mit der starken Rolle der Parteien einverstanden. Er ist gegen „Parteiungen aller Art“, weil diese zur Zusammenfassung von Privatinteressen statt zur Gemeinwohloptimierung führen. Und er vertritt die problematische Sicht der „vollkommenen Entäußerung des Bürgers“ an die Republik. Letztendlich hat der Bürger bei Rousseau keinen Schutz vor staatlichen Übergriffen. Wenn die Versammlung also nach einer Beratung beschließt, jene Menschen werden enteignet oder gar umgebracht, dann ist das bindend wie jeder andere Beschluss. Da ist ein durchaus totalitäres Element bei ihm zu erkennen.

Und genau das hat ja während der Französischen Revolution zur Schreckensherrschaft der Jakobiner geführt.

Man kann es weiter fassen: So sehr ich Rousseau in vielen Aspekten schätze, aber seine Gedanken haben auch zu den Fehlentwicklungen des Totalitarismus im 20. Jahrhundert beigetragen.

Was hätte ihm am Grundgesetz gefallen?

Natürlich der Gedanke „Alle Macht geht vomVolke aus“. So steht es im Grundgesetz, so sieht es Rousseau.

Die soziale Ungleichheit innerhalb Deutschlands oder Frankreichs würde ihn sicher stören.

Ja, aber vielleicht nicht so sehr aus Gründen der Ungerechtigkeit der Besitzverteilung. Er sieht die Gefahr, dass zu große Ungleichheit die politische Gemeinschaft sprengt. Wenn die einen über alles verfügen und die anderen in Abhängigkeit geraten und gar nicht mehr frei sind, dann ist das mit einer Republik – wie er sie versteht – nicht vereinbar.

Rousseaus Gedanke der direkten Mitbestimmung kann doch nur auf kleinerer Ebene funktionieren, niemals für ein ganzes Land oder ein Gefüge wie die EU.

So wird das meistens gesehen, ich bin mir aber gar nicht so ganz sicher, ob man da Rousseau gerecht wird. Erstens steht es auch im Grundgesetz, dass die Macht des Volkes durch Wahlen und Abstimmungen zum Ausdruck gebracht wird. Wir haben aber Abstimmungen nur auf Länderebene, diese Form der direkten Demokratie ist auf Bundesebene nicht realisiert. Und zum Zweiten könnte man sagen: Die technischenMöglichkeiten mittels Internet erlauben heute ja eine direkte Demokratie, auch über Landesgrenzen hinweg. Allerdings geht etwas verloren, was Rousseau wesentlich war: der Austausch von Argumenten in der Versammlung.

Rousseau könnte mit vielen seiner Gedanken doch auch Säulenheiliger der Occupy-Bewegung sein?

Im Gegensatz zu der 68er-Bewegung ist der heutige Protest ziemlich theoriefrei. Das hat auch etwas Sympathisches, überspitzt gesagt: Es entfällt die dogmatische Auseinandersetzung über die richtige Interpretation bestimmter Textstellen bei Marx. Die jetzigen Proteste sind viel pragmatischer, auf der anderen Seite kann diese Theorielosigkeit auch große Probleme bereiten: Man kann die Frage nach einer Alternative nicht mehr beantworten. Die Kritik am Kapitalismus ist gut begründet: aber wie denn dann? Zentralverwaltung kann ja nicht die Antwort sein. Da ist die jetzige Protestbewegung bislang relativ hilflos.

Wenn man eine Straßenumfrage machen würde: Welchen Philosophen kennen Sie?

Dann fiele der Name Richard David Precht sicherlich häufiger als der Rousseaus. Stört Sie diese Boulevardisierung der Philosophie? Gegen Richard David Precht habe ich überhaupt nichts, zumal er selbst bescheiden ist und sich nicht als Philosoph, sondern als Vermittler sieht. Problematisch finde ich eher eine Figur wie Peter Sloterdijk, der als der deutsche Großphilosoph gilt, sich auch als solcher sieht, obwohl in seinen Büchern philosophisch wenig Substanz ist.

„Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt“ (aus „Émile“)

Aber ich glaube nicht, dass Richard David Precht die Tür für die Philosophie aufstoßen musste. Es gab in den letzten Jahrzehnten ein ansteigendes Interesse an Philosophie, was wohl auch damit zusammenhängt, dass die Philosophie sich zunehmend praktischen Fragen zugewandt hat. Eine Rolle hat nach meiner Einschätzung auch Jostein Gaarders Bestseller „Sofies Welt“ gespielt. Die Menschen interessieren sich für ethische Fragen in der Wissenschaft und Wirtschaft. Ich bekomme jedenfalls viele Einladungen zu Kongressen.

Hat der Philosoph auf dem Kongress der Investmentbanker mehr als eine Alibifunktion?

Die Gefahr der Alibifunktion besteht. Viele Menschen haben aber seit der Weltfinanzkrise den Eindruck, dass es so einfach nicht weiter gehen kann. Das Bedürfnis nach Orientierung ist groß. Und da ist auch die Philosophie auf einmal wieder gefragt.

Welche Chancen haben denn die Philosophen auf dem Arbeitsmarkt, abseits der Universitäten?

Das ist bei uns leider noch nicht ganz so weit wie in den USA: Dort gilt ein Absolvent eines philosophischen Studiums als Experte im logischen Denken, als Fachmann für präzises Analysieren. Das macht ihn vielseitig einsetzbar. Und das merken auch immer mehr Menschen bei uns.


Die Münchner VHS bietet Vorlesungen zum Philosophengeburtstag an: „Rousseau und die Hoffnung auf politische Selbstbestimmung“ (Donnerstag, 20 Uhr, Gasteig, Raum 0.115); „Rousseau – Vordenker der Demokratie und Antidemokratie“ (Freitag, 18 Uhr); „Rousseau und Habermas im Diskurs“ (Freitag, 20 Uhr) Eintritt: je 6 Euro

 

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