"Nichts kann mich mehr retten" Jutta Winkelmann: Kampf gegen den Krebs als Comic

Der Kampf gegen den Krebs als Comic- so versucht Jutta Winkelmann ihr Schicksal zu verarbeiten. Ausschnitte daraus, sehen Sie jetzt in unserer Bilderstrecke. Foto: Weissbooks

Die 68er-Ikone Jutta Winkelmann hat ihre Krebserkrankung als Comic inszeniert: „Ich wollte das Elend zumutbarer machen“.

 

München - Sie war das Sinnbild für alles Schöne, Freie und Freizügige: Hippie-Girl und 68er-Ikone Jutta Winkelmann (67) teilte sich mit ihrer Zwillingsschwester Gisela Getty Männer, Drogen und das Leben im Sonnenschein. Das Leiden hat sie allein. Vor 15 Jahren wurde bei der Wahl-Münchnerin, die jahrelang in einem Harem mit Rainer Langhans wohnte, Brustkrebs diagnostiziert. Eine Brust wurde entfernt, sie galt als geheilt.

Bis vor vier Jahren der nächste, noch schlimmere Schock kam: Knochenkrebs. Mittlerweile ist er im ganzen Körper verteilt. Zwischen Chemo und Palliativstation hat sich Jutta Winkelmann mit ihrem Laptop auf dem Schoß die Schmerzen, Ängste, aber auch hoffnungsvollen Momente von der Seele geschrieben. Ihr radikales und schonungslos ehrliches Krebs-Tagebuch „Mein Leben ohne mich“ (Weissbooks Verlag, 368 Seiten, 24 Euro) erscheint heute – in bunter Comic-Form.

AZ: Frau Winkelmann, die wichtigste Frage vorab: Wie geht es Ihnen?

JUTTA WINKELMANN: Nicht so supergut. Vor einem Jahr war ich beim Arzt, der sagte: „Ich habe Ihre Werte gesehen und kann nicht verstehen, dass Sie vor mir sitzen. Sie müssten längst tot sein.“ Das hat mich zum Schmunzeln gebracht. Ich wiege jetzt 34 Kilo, kann nichts essen, nicht mal Wasser trinken, muss mich dauernd übergeben. Ich glaube, der Magen ist nun auch von Metastasen befallen. In der Leber sind sie schon, im Bauchfell, die Rückenwirbel sind eingebrochen, ach, eigentlich ist der Krebs überall.

Wie ertragen Sie den Krebs, die Schmerzen, das alles?

Mal besser, mal schlechter. Abends nehme ich stärkere Sachen, in der Früh freue ich mich, wenn ich noch aus dem Bett hochkomme. Die letzte Chemo, zu der mich die Ärzte auf letzter Strecke überredet hatten, habe ich überhaupt nicht vertragen. Da war auch klar, dass sie mir nicht mehr helfen kann. Ich bin quasi austherapiert, nichts kann mich mehr retten oder heilen.

Wie schaffen Sie es, nicht durchzudrehen?

Das war und ist ein langer Weg – und ein langsamer. Wenn man so will, ist es irgendwann einfacher. Ich hatte gehofft, eine Bremse treten zu können. Mein Sterben aufhalten zu können. Dem ist aber nicht so. Wir alle wissen ja, dass wir irgendwann sterben müssen. Doch wenn man kurz davor ist, ist es viel brutaler. Ich hab’ mich einfach zu sehr an das Leben gewöhnt. Selbst im Angesicht des Todes ist die eigene Endlichkeit unvorstellbar.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

In manchen Momenten freue ich mich auf eine Erlösung. Wenn es besonders dunkel um mich ist. Wenn ich sauwütend auf den Krebs bin, ihn am liebsten in eine Tonne treten möchte und mir denke: Verdammt, ich habe doch so sehr gekämpft! Ich war ein extrem aktiver Mensch und bin jetzt extrem eingeschränkt. Ich kann nichts mehr machen, nur rumliegen. Aber dann taucht selbst in den schwärzesten Situationen ein Licht auf. Dann geht es wieder, ich habe plötzlich wieder Kraft, tolle Gespräche, skype mit meiner Tochter in Berlin, solche Sachen.

Sie wohnen bei Ihrem Sohn Severin. . .

. . . und meiner indischen Schwiegertochter, ja. Obwohl ich das nicht wollte. Ich liebe meine Freiräume. Aber anders ging es nicht. Ich habe gemerkt, dass ich Hilfe brauche. Und siehe da: Heute genieße ich das total. Nicht alleine sein zu müssen, aber trotzdem Ruhe für mich haben zu können. Wir leben mit einer Leichtigkeit zusammen, die enorm wichtig ist. Nicht nur Depri-Stimmung und Gespräche über den Tod. Wir haben eine freundliche, lässige Atmosphäre, lachen viel zusammen. Humor hilft.

Das Krebs-Tagebuch von Jutta Winkelmann: "Ich will egoistisch sein"

Haben Sie deshalb auch Ihr Buch mit bunten Comics gestaltet?

Ich wollte das Elend ertragbarer machen. Zumutbarer. Es ist ja schon alles schlimm genug. Ein bisschen Farbe, Überspitztheit und ein Augenzwinkern, wenn man so will, helfen. Und es hat für mich Distanz zu mir selbst geschaffen. Ich war beim kreativen Gestalten nicht nur Opfer. Das tat gut.

Wie wichtig sind Freunde wie Rainer Langhans oder Helge Schneider?

Gute Geister helfen, klar. Ihre Besuche und Gespräche sind heilsam und wohltuend.

Haben Sie eine To-Do-Liste, was Sie noch machen oder erleben wollen?

Eine Liste nicht, aber klare Vorstellungen. Ich habe mit Menschen wieder Kontakt aufgenommen und mich ausgesprochen, das war mir am Wichtigsten.

Bereuen Sie etwas?

Einiges. Das hat mich lange beschäftigt und das war auch schmerzhaft, ich musste mir selbst vergeben. Ich war oft eifersüchtig, beleidigt. Ich bereue alle Lieblosigkeiten. Wir alle dürfen uns nichts vormachen: Letztlich geht es doch nur um die Liebe. Ob mit dem Partner, dem Kind oder Nachbarn – wie gehen wir mit anderen Menschen um?

Der Kampf von Jutta Winkelmann: "Ich will noch leben"

Wie fühlt sich das Leben kurz vorm Tod an?

„So schnell stirbt’s sich nicht“, sagte ein Chemo-Arzt zu mir. Er hat recht. Das ist schon irre. Mein Kopf ist heute von Alltäglichkeiten befreit, ich habe auch die schlimmen Erinnerungen ablegen können. Mein Kopf-Kino ist heute rein positiv. Ich liege nachts oft wach und denke über mein schönes Leben nach. Dann freue ich mich richtig.

Denken Sie auch über Ihre Beerdigung nach?

Oh, nein, da hab ich noch keine Pläne geschmiedet. Ich weiß nur: Ich will zu den Würmern, sie sollen ein bisschen was zu beißen haben. Obwohl an mir ja nicht mehr viel dran ist (lacht).

Setzen Sie sich Ziele – etwa: Bis Weihnachten packe ich’s?

Absolut. Weihnachten will ich schaffen. Nicht wegen eines tollen Essens, das geht ja eh nicht mehr. Sondern wegen der Menschen, die mir wichtig sind und dieser besonderen Besinnlichkeit.

 

0 Kommentare