"Nicht lukrativ genug" Münchner Krankenhäuser müssen Abteilungen für Kinder schließen

Paul Nöllke.
Das Klinikum rechts der Isar: Hier schließt im Juni 2020 die Abteilung für Kinderpsychosomatik. Einen Ersatz gibt es noch nicht. Foto: AZ/Archiv

Mediziner schlagen Alarm – die ersten Krankenhäuser müssen Abteilungen für Kinder schließen.

 

München - "Unsere Jüngsten sind in Gefahr!", warnt der Ärztliche Kreis- und Bezirksverband München (ÄKBV). Der Grund: Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitssystems sorge dafür, dass manche Krankenhäuser ganze Abteilungen für Kinder reduzieren oder sogar komplett schließen.

Abteilungsschließungen wegen Ökonomisierung und Fachkräftemangel

"Das hat konkrete Auswirkung auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen", warnt Christoph Emminger, Vorsitzender des ÄKBV im Gespräch mit der AZ. "Mitten in München, dieser reichen Stadt, stehen wir vor einer kritischen Situation."

Zusammen mit dem Münchner Ärzteparlament und zwei Experten hatte sich der ÄKBV mit der Versorgungssituation für Kinder und Jugendliche beschäftigt. "Wir sehen, dass es hier vor allem zwei Probleme gibt", erklärt Emminger. "Das eine ist der Fachkräftemangel, das andere der Fakt, dass viele Abteilungen für Krankenhäuser nicht lukrativ genug sind."

Gesundheitliche Versorgung von Kindern oft nicht lukrativ

Emminger erzählt von Fällen, in denen Kinder nach Augsburg oder Ingolstadt gefahren werden mussten, weil es in München keine freien Betten gab. "Das ist eine Belastung für Kinder und Eltern." Auch dass die Eltern oft betreut werden müssen, wenn das Kind im Krankenhaus liegt, sei in den Kostenkalkulationen nicht berücksichtigt. "So ist die gesundheitliche Versorgung von Kindern oft nicht lukrativ."

Ein Beispiel, wie dieses Kosten-Nutzen-Prinzip sich schon jetzt auf die Versorgung von Kindern auswirkt, zeigt sich gerade im Klinikum rechts der Isar. Hier wird im Juni 2020 die Kinderpsychosomatik schließen. Schuld daran sei die "ungünstige Kosten-Erlös-Struktur". In der Spezialklinik wurden Kinder behandelt, die zum Beispiel an Essstörungen, Depressionen oder Traumafolgestörungen leiden. Einen Ersatz für die weggefallenen 14 Behandlungsplätze und die Ambulanz gibt es noch nicht.

Der ÄKBV richtet nun einen Appell an die Politik. Diese soll klinische Einrichtungen für Kinder und Jugendliche erhalten und stärken, mehr Plätze für Kinder- und Jugendpsychiatrie schaffen und diese Abteilungen von den Zwängen einer Ausrichtung auf Gewinnerzielung befreien. "Die Fallpauschalen DRG und PEPP gefährden die pädiatrische Versorgung", kritisiert Emminger.

Engpass hat auch Auswirkungen auf Kinderärzte

Von dem Problem sind auch Kinderärzte in München betroffen. "Wenn es in speziellen Abteilungen für Kinder zu wenige Plätze gibt, dann müssen Kinderärzte das auffangen," erklärt Emminger.

In der Vergangenheit wurde schon von verschiedenen Stellen gewarnt, dass es in München auch zu wenige Kinderärzte gebe. Wenn man die Stadt als Gesamtfläche betrachtet, ist das zwar nicht der Fall, allerdings sind manche Viertel unterversorgt. Vor allem in Milbertshofen und Riem gab es in der Vergangenheit zu wenige Kinderärzte.

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