Neues Sachbuch D'Annunzio besetzt Fiume

Gabriele D'Annunzio (mit Spazierstock) und seine Mitstreiter in Fiume, dem heutigen Rijeka. Foto: Wikimedia Commons

Vor 100 Jahren besetzte der italienische Dichter Gabriele D’Annunzio die Stadt Fiume. Es war die Generalprobe für den italienischen Faschismus

 

Als er auf dem Balkon des Palastes erschien, entfuhr der Menge ein gewaltiger Schrei, so wird berichtet. „Italiener von Fiume!“, sprach der Dichter. „Hier bin ich! Weiteres habe ich nicht zu sagen.“ Aber dann fügte er nach einer Pause hinzu: „Wir sind wenige gegen viele, wir sind wenige gegen die ganze Welt. Nicht nur, was unseren Mut angeht, sondern auch, was unsere Zahl angeht, werden wir uns vervielfachen.“

Der Redner war der italienische Schriftsteller Gabriele D’Annunzio. Vor 100 Jahren erzwang er mit seinen Getreuen, den „Arditi“, in einer Kaserne nahe Venedig die Herausgabe einiger Lastkraftwagen. „Fiume oder der Tod“, riefen die etwa 2500 Freischärler. Sie durchquerten das Hinterland der Halbinsel Istrien und näherten sich der zwischen Italien und Jugoslawien umstrittenen Stadt Fiume.

Lassen Sie auf mich schießen!

Auf dem Weg wollte sie der General des von ihren Landsleuten kommandierten alliierten Besatzungskorps aufhalten. Mit den Worten „Lassen Sie direkt auf mich schießen“ schritt D’Annunzio auf den Kommandeur zu und erzwang so den Durchmarsch. Am 12. September zogen sie in der heute als Rijeka bekannten Hafenstadt in der Kvarner Bucht an der kroatischen Adriaküste ein. Die etwa einjährige Herrschaft des Dichters gilt als Generalprobe für den Faschismus italienischer Prägung. Der Journalist und Historiker Kersten Knipp hat diese Episode in einem bisweilen fahrigen, aber trotzdem außerordentlich lesenswerten Buch mit dem Titel „Die Kommune der Faschisten“ beschrieben – als einen Ort der rechten Gegenkultur, in der italienischer Nationalismus, Futurismus, Anarchismus und Proto-Faschismus zusammenfanden.

Knipp holt – und das ist notwendig – weit aus: bei der gescheiterten Modernisierung des auch nach der nationalen Einigung von 1870 gespaltenen Italien und dem Kriegseintritt auf der Seite der Alliierten im Ersten Weltkrieg, von dem sich das Land nicht nur die Brennergrenze und die Hafenstadt Triest, sondern auch einen Teil Dalmatiens erhoffte. Doch am Ende sprach man 1919 von einem „verstümmelten Sieg“: Die Italiener fühlten sich betrogen, weil bei den Friedensverhandlungen in Versailles nicht alle Forderungen durchgesetzt wurden.

In dieser Krise wurde der Schriftsteller zum Politiker. Der 1863 in Pescara geborene D’Annunzio hatte als fiebriger Symbolist und typischer Vertreter der Fin-de-Siècle-Literatur begonnen. „Seine Novellen sind psychopathische Protokolle, seine Gedichtbücher sind Schmuckkästchen; in den einen waltet die strenge nüchterne Terminologie wissenschaftlicher Dokumente, in den andern eine beinahe fieberhafte Farben- und Stimmungstrunkenheit“, so Hugo von Hofmannsthal 1893 über den Schriftsteller.

Eine Kette von Erregungen

Aber D’Annunzio berauschte sich nicht nur an der Sprache und an Frauen wie der Schauspielerin Eleonora Duse, sondern auch an Flugzeugen. Im Ersten Weltkrieg entwickelte er Strategien für den Bombenkrieg und griff mit Torpedobooten ein österreichisches Kriegsschiff an. Er flog sogar bis Wien, um dort propagandistische Flugblätter abzuwerfen - ein durchaus lebensgefährliches Unternehmen.

D’Annunzio verstand den Krieg als Kunst - als nicht abreißende Kette von Erregungen. 1918, nach dem Waffenstillstand, fühlte er sich „unnütz und abscheulich“, wie er seiner damaligen Geliebten Olga Levi Brunner schrieb. „Der Egozentriker“, schreibt Knipp, „sehnt sich zurück nach dem Krieg, zu den Kämpfen, die ihm nicht nur eine Aufgabe, sondern einen Lebenssinn beschert hatten.“

Da kommt ihm der Streit um Fiume sehr gelegen. Bei den Versailler Verhandlungen soll die Stadt dem neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zugeschlagen werden. Unter österreichischer Herrschaft gehörte die Stadt zum ungarischen Reichsteil der K.-&-k.-Monarchie Die Regierung in Budapest hatte im 19. Jahrhundert italienische Kaufleute zur Niederlassung eingeladen, um sie gegen die kroatische Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. 1910 bildeten sie die Mehrheit: Rund 24 000 Italienern standen in der Stadt 15 000 Kroaten gegenüber.

Schon 1907 war D’Annunzio in der Stadt gewesen, um sein Drama „La nave“ zu lesen: als patriotische Solidaritätserklärung an jene, die schon damals den Anschluss an Italien forderten. Nach dem Krieg wurde Fiume zum Symbol der nationalen Würde. Nationalisten, Mussolinis Faschisten und Futuristen forderten die Stadt als Preis für den Kriegseintritt, während sich die Regierung in Rom vergeblich um Mäßigung bemühte.

Nacktbaden und Yoga

Dann besetzte D’Annunzio mit Hilfe demobilisierter Elitetruppen die Stadt. Viele Legionäre, so heißt es, nahmen wie der Dichter Kokain, einige spazierten nackt durch die Stadt. „Fiume stellt für die Legionäre einen Garten Eden dar, ein Eldorado aller Lüste, und für die anderen Freiwilligen ein Schlaraffenland“, so ein Zeuge. Der den antiken Griechen verpflichtete Dichter badete nackt im Meer, einige seiner Gefährten taten es ihm nach.

Von Guido Keller, einem Flieger wie D’Annunzio, wird berichtet, er habe in einem Rundbrief an psychiatrische Krankenhäuser dazu aufgefordert, alle als ungefährlich, aber verrückt geltenden Insassen nach Fiume zu schicken - eine Idee, die aus einem der Futuristischen Manifeste stammen könnte. Keller gründete aber auch einen Yoga-Kreis, um die Revolutionäre zu neuen Menschen zu formen.

Insofern ist es nicht abwegig, wenn für Knipp eine Spur von Fiume zu den Hippies führt. Auch sie verstanden Politik primär als ästhetisches Projekt. Die andere Spur führt in den italienischen Faschismus: D’Annunzios pathetische Reden, Paraden und die demonstrative Verachtung der Bürgerlichkeit etwa durch die Eliteeinheit „Arditi“, deren Motto „Me ne frego“ auf deutsch ungefähr „Es ist mir scheißegal“ bedeutet.

D’Annunzio erließ eine Verfassung, die die rechtliche Anerkennung der Gewerkschaften, Pressefreiheit sowie das Wahlrecht für Frauen vorsah. Er selbst wollte, nach dem Vorbild eines altrömischen Diktators, nur für kurze Zeit herrschen, solange das Fest der Euphorie anhielt. Lange dauert es nicht. Im Dezember 1920 erklärte D’Annunzio Italien den Krieg, ehe seine Herrschaft von einem italienischen Kriegsschiff beendet wurde. Davor, im Verlauf der Verhandlungen, warf Guido Keller noch über dem Parlament in Rom als Zeichen der Verachtung Rüben ab.

Abgründe der Moderne

Fiume war kurz Freistaat und blieb bis 1947 italienisch. D’Annunzio zog sich in eine Villa am Gardasee zurück und pflegte bis zu seinem Tod im Jahr 1938 den eigenen Mythos. Benito Mussolini, der als Realpolitiker D’Annunzios Abenteuer skeptisch gegenüberstand, wurde 1922 Ministerpräsident einer Koalitionsregierung. Aber er inszenierte seine Machtübernahme als „Marsch auf Rom“ und übernahm die dramatische Geste mit in die Hüften gestemmten Händen bei Ansprachen, die auch Hitler kultivierte.

Zur Erklärung des heutigen deutschen Rechtsextremismus taugt D’Annunzios Abenteuer nur bedingt. Knipp verfolgt im Schlusskapitel seines Buchs allerdings überzeugend die italienische Spur weiter bis zu Berlusconi und den heutigen Rechtspopulisten. Gelesen wird D’Annunzio heute auch kaum mehr. „Politisch hat er die Abgründe der Moderne aufblitzen lassen, nicht in kritischer, sondern in demagogischer Absicht“, heißt es auf der letzten Seite des Buches. „Bei allem Dank, den man ihm kulturell schuldet, ist er doch politisch ein Typus, von dem man hofft, er habe sich überlebt.“

Kersten Knipp: „Die Kommune der Faschisten“ (wbg/Theiss, 288 S., 25 Euro). Der Autor hat im gleichen Verlag auch das Buch „Im Taumel: 1918: Europas Sturz und Neubeginn“ (424 S., 29.95 Euro) herausgebracht

 

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