Neues Buch von Horst Teltschik Russisches Roulette

Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßt im Jahr 2007 Präsident Wladimir Putin (M.) auf der 43. Konferenz für Sicherheitspolitik in München, deren Vorsitz damals Horst Teltschik (l.) innehatte. Foto: G. Bergmann / dpa

Der Politologe Horst Teltschik bezichtigt den Westen, jahrelang eine falsche Russland-Politik betrieben zu haben

Bei einer Veranstaltung unseres Verlages vor Jahren in Landshut erzählte Horst Teltschik, der ehemalige außenpolitische Berater Helmut Kohls, eine berührende Geschichte. Von der Vertreibung einer Familie aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs und dem vollständigen Neuanfang in Bayern in den Nachkriegsjahren. Ein Vater mit seiner Frau und seinen Kindern, der am Tegernsee sich aus dem Nichts eine neue Existenz aufbauen musste.

Als dem eigentlich hartgesottenen Politiker am Ende dieser Erzählung die Stimme brach und die Tränen kamen, wurde klar, dass es die Geschichte seines Vaters war, die der Sohn gerade erzählt hatte. Und trotz dieses vollständigen Neubeginns machte der Sohn in der Bundesrepublik Deutschland Karriere. Er wurde in den Zeiten des Umbruchs 1989 der entscheidende Berater von Helmut Kohl. Ein unaufgeregter Beobachter und kluger Ratgeber, ein Mann, der sich nie in den Vordergrund spielte, aber dessen Rolle in der Politik kaum hoch genug eingeschätzt werden kann und der über Parteigrenzen hinweg hoch geachtet wurde.

Jetzt hat Horst Teltschik ein Buch geschrieben, das sich unbedingt zu lesen lohnt: „Russisches Roulette – Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden“. Die wichtigste Botschaft dieses Buches: Frieden in der Welt und auch in Europa kann es ohne Russland nicht geben. Und die zweite genauso entscheidende Botschaft: Die Beziehung zwischen Europa und Russland ist die einer enttäuschten Liebe. Eine Geschichte verpasster Chancen und mangelnder Gesprächsbereitschaft des Westens mit den Politikern Russlands. Und das über Jahrzehnte!

Michail Gorbatschow öffnete die Türen für Deutschland

Teltschiks provozierende These ist: „In Russland wirkte der Phantomschmerz des verlorenen Imperiums nach (nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion) und speiste den Anspruch, weiterhin als unabhängige Weltmacht zu agieren und wahrgenommen zu werden. So reagierte man in Moskau bockig, wenn der Westen es an Respekt fehlen ließ, und wurde allzu oft vom eigenen Argwohn übermannt, statt geschmeidig und pragmatisch zu verhandeln. Im Westen, vor allem in Washington, sonnte man sich dagegen in dem Gefühl, den Kalten Krieg gewonnen zu haben, und behandelte Russland nicht als gleichberechtigten Partner, auch wenn man es auf dem Papier als einen solchen bezeichnete.“

Von Teltschik wird noch einmal mit großer Genauigkeit erzählt, welche Türen sich mit Gorbatschow vor allem für Deutschland öffneten. Welches Vertrauen in vielen Gesprächen und Treffen sich bildete. Und wie die entscheidende Münze der Politik eben Vertrauen und Wertschätzung ist. Russland, das im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen überfallen wurde, hat vor allem an „sicherheitspolitischen Zusicherungen“ Interesse. Darum unterzeichnete Helmut Kohl in der Wendephase 1989/90 sage und schreibe 27 Verträge und Abkommen mit der Sowjetunion, auch um Vertrauen zu schaffen.

Im November 1990 trafen sich alle 34 Staats-und Regierungschefs der KSZE-Staaten in Paris und unterzeichneten die „Charta von Paris für ein neues Europa“. Eine „gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung von Vancouver bis Wladiwostok“ war im Entstehen, eine Blüte der Hoffnung keimte auf, mit Russland als Teil einer Welt, deren Menschen in Frieden miteinander leben wollten.

Warum ging dann alles schief? Teltschiks Antwort: Es war „die schlichte Überforderung durch das enorme Tempo, mit dem die Weltgeschichte voranschreitet“. Plötzlich gab es neue Krisenherde, im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Europa den Jugoslawienkrieg, den Zerfall der Sowjetunion, die Wirtschaftskrise in Russland, den Aufstieg Chinas und Indiens – und einen amerikanischen Präsidenten, der in der neuen Weltordnung die USA als dominierende Weltmacht definierte.

Akribisch arbeitet Teltschik auf, wie mit den Jahren das gute Verhältnis zu Russland aus dem Blick der USA und Europas geriet. Er weist nach, wie wichtig für Putin das Gesehen- und Geschätzt-Werden ist. Und dass es ein unsagbarer Fehler Europas, Amerikas und der Nato war, nur mehr die eigene Perspektive wahrzunehmen und so Russland zu einer zu vernachlässigenden Größe der Weltpolitik abzustempeln und stattdessen die ehemaligen Mitglieder des Warschauer Paktes zu hofieren und in die eigenen Organisationen und Netzwerke aufzunehmen, ohne auf Russlands Interessen zu achten. Plötzlich gab es keine „gesamteuropäische Sicherheitsordnung“ mit Einschluss russischer Interessen mehr. „Wenn man weiß, welche zentrale Bedeutung das Thema Sicherheit für die sowjetische und später für die russische Führung besaß und besitzt, dann wird klar, wie schwer dieses Versäumnis wiegt.“

Das Heranrücken der Nato an die russische Grenze wurde dort als Bedrohung wahrgenommen, Gespräche oder Kompensationen mit Russland gab es immer weniger, stattdessen wurde gegenüber Putin immer häufiger der moralische Zeigefinger gehoben. Teltschik zeigt, wie ungleich der Westen in Fragen der Menschenrechte wertet, vor allem mit Blick auf die Türkei oder Saudi-Arabien, wo vermeintlich eigene Interessen im Spiel sind. Er arbeitet auch die lange Geschichte Russlands mit Serbien oder Syrien auf, ohne die die russische Politik dort gar nicht zu verstehen ist.

Und so machten sich in „Russland vor dem Hintergrund westlicher Dominanz in weltpolitischen Fragen Anzeichen einer Renationalisierung der Sicherheitspolitik bemerkbar“. Wenn der Westen Stärke zeigen wollte und Dominanz, dann musste auch Russland seinen Platz in der Welt neu behaupten. Vor diesem Hintergrund muss auch das vitale Interesse der Russen an der Ukraine für Teltschik viel sensibler bewertet werden, als dies heute geschieht.

Vergeblich hat Putin um Anerkennung im Westen geworben

Am berührendsten ist das glänzende Buch Teltschiks dort, wo er aufzeigt, wie sehr gerade auch Putin – über Jahre – um Verständnis und Anerkennung im Westen warb, aber sich immer wieder eine neue Abfuhr holte. Es ist die Geschichte einer verpassten Chance auf Verständigung und Kooperation, die vor allem durch die schlampige und unsensible Politik des Westens mitverursacht wurde. Diese Geschichte wurde auch von Bush junior geschrieben, so dass man in Russland „den Eindruck gewann, die globale Verbreitung von Demokratie und Freiheit sei nur eine positive Umschreibung von amerikanischem Imperialismus und liefere letztlich bloß einen Vorwand, um die geostrategischen Interessen der USA durchzusetzen“.

Das Buch von Teltschik ist erhellend und bedrückend zugleich. Es zeigt, wie weltweit die Zahl der Krisenherde stark angestiegen ist. Wie statt Entspannung neue Auf- und Hochrüstung angesagt ist. Die Welt ist ein Pulverfass. Hier könnte Russland für Europa ein Partner sein.

Denn Putin ist für Teltschik, den erfahrenen Außenpolitiker, gerade kein Hasardeur, der mit dem Frieden leichtfertig spielt, sondern ein Mann, der durch das Gespräch bewegt werden kann: „Deutschland, Frankreich und Polen könnten gemeinsam ein entscheidender Motor für die Entwicklung konstruktiver Beziehungen zu Russland sein. Die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und die bitteren Erfahrungen während des Kalten Krieges sollten für alle Anlass genug sein, Wege des Dialogs, der Verständigung und der Zusammenarbeit nicht nur untereinander, sondern auch mit Russland zu erarbeiten und zu praktizieren.“

Das Buch von Teltschik ist für jeden, der sich für Politik interessiert, ein Gewinn! Es steckt voller Hintergrundwissen, das gerade die Politiker von heute unbedingt bräuchten. Teltschik ist kein billiger „Putin-Versteher“, wie Kritiker gerne herablassend sagen, sondern ein Mann, der den brüchig gewordenen Weltfrieden kitten will, wenn das überhaupt noch möglich ist. Und da stehen die Chancen mit Russland viel besser als mit so manch anderem Land.

Horst Teltschik: Russisches Roulette – Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden. C. H. Beck Verlag, 234 Seiten, 16,95 Seiten.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading