Neues Buch über die Sexualität des Kinis König Ludwig II. und die Frauen - „Wenigstens bisexuell“

Küssen konnte man als Frau nur seine Büste: postmortale Ludwig-Verehrung auf einer Postkarte. Foto: Allitera Verlag

Dreitausend Bücher soll es über Ludwig II. geben. Eines fehlte noch, meinte Alfons Schweiggert. Er forschte und schrieb es. Jetzt stellt er es in München vor.

 

München - Der 68-jährige Erziehungswissenschaftler ist Forscher, Vorsitzender der „Karl-Valentin-Gesellschaft“ und Autor. Er beschäftigt sich mit historischen Figuren Bayerns und vor allem mit der Zeit Ludwig II. Die AZ hat ihn zum Interview getroffen.

AZ: Herr Schweiggert, viele Ludwig-Verehrer sagen: Lassen Sie doch den König in Sachen Sexualität in Ruhe! Das geht niemanden etwas an!

ALFONS SCHWEIGGERT: Das würde stimmen, wenn nicht alles damit zusammenhinge: Die Politik des Königs durch seinen Rückzug, seine Bausucht als Ventilfunktion und seine Absetzung, die sich nach dem aktuellen Stand der Forschung eben auch auf den „moralischen Irrsinn“ bezog, seine Beziehung zu Männern.

Warum schreiben Sie dann ein Buch mit dem Titel „Ludwig II. und die Frauen“?

Weil ich nach langen Recherchen festgestellt habe: Ludwig hatte auch sehr enge Bindungen an Frauen! Nach Sigmund Freud ist jeder Mensch bisexuell, nur dass sich das dann stärker ausdifferenziert. Und der amerikanische Sexualforscher Alfred Charles Kinsey hat das ja dann in eine Skala eingereiht.

Aber körperlichen Kontakt zu Frauen gab es nie?

Keinen nachweisbaren. Übrigens auch nicht zu Männern, was über Küsse und Umarmungen hinausging. „Keine Küsse mehr! Reinheit! Königtum!“, hat er in sein Tagebuch verzweifelt geschrieben, nachdem er einen geliebten Mann umarmt hatte. Für Ludwig war Sexualität sündig und widersprach seinem Ideal vom Gottesgnadentum.

Gab es Küsse mit Frauen?

Keine nachgewiesenen, wenn man davon absieht, dass sich seine Cousine, die Kaiserin Elisabeth, darüber lustig gemacht hat, dass er ihre Hand fast weggeküsst hätte. Oder die französische Kaiserin Eugénie hat ihm am Bahnhof einen Kuss gegeben, was Ludwig sehr inspiriert hat. Und das Gerücht, Ludwig hätte wegen eines Kusses seiner Verlobten, der Herzogin Sophie, die Verlobung aufgelöst stimmt auch nicht.

Aber genau diese Entlobungsgeschichte ist doch ein Zeichen für das Desinteresse Ludwigs an Frauen!

Auch da muss man genauer hinschauen: Sophie ist ja nicht die arme Hingehaltene. Es gibt Anzeichen, dass Ludwig schon in der Verlobungszeit vom Verhältnis Sophies mit dem Fotografen Hanfstaengel wusste und als Gentleman Sophie aus der Hochzeitsverpflichtung entließ. Er hat dann ihre Büste in den Hof geschmissen, die Verlobungsmedaillen-Entwürfe zerstört und das Klavier, auf dem sie für ihn gespielt hatte, verschenkt. Aber es stimmt schon: Ludwig interessierte sich nicht für „sinnliche Gelüste“ oder Kinderkriegen, da gibt es ja viele Aussagen dazu. Aber er verehrte Frauen, viele verheiratete und gerade auch ältere als er.

Das sagt man ja gerade homosexuellen Männern oft nach.

Es war seine Form, Sex auszuschließen und intelligente Gesprächspartner zu haben.

Dieses emanzipierte Frauenbild ist sehr modern.

Das ist bei Ludwig ambivalent: Denn einerseits ist er auch ein Kind seiner Zeit und hat das romantische Bild der Frau als zartes, anbetungswürdiges Wesen. Umgekehrt liebt er vor allem selbständige, tatkräftige, sogar politische Frauen. Das geht so weit, dass er mit ihnen speiste, auch wenn sie schon längst tot waren. Er dinierte zum Beispiel mit der Pompadour und unterhielt sich mit ihr. Ludwig war ein „Illusions-Fanatiker“. Das stand einer wirklich engen Beziehung zu Menschen im Wege. Da hätte man sich auf das Gegenüber einlassen müssen, und der andere wäre nie so gewesen, wie man ihn sich erträumt hat.

Was können Sie zusammenfassend zu Ludwigs Sexualität sagen?

Ludwigs Biografie ist die eines sexuell orientierungslosen Mannes, dessen Tragik darin besteht, nichts ausleben zu können: aus verkorksten religiösen Vorstellungen heraus, aus Reinheitskult, aus einer narzisstischen Störung und aus einer frühkindlichen Bindungsstörung heraus.

Nur weil seine Amme starb, als er sieben Monate alt war?

Aber das war einschneidend: Die üppige Bäuerin aus Miesbach starb im März 1846, Ludwig wurde abrupt abgestillt, erkrankte lebensbedrohlich, magerte ab! Seine Mutter, Königin Marie, war in Berlin. Sie sah er erst kurz vor seinem ersten Geburtstag wieder. Zu ihr hatte er ein gespaltenes Verhältnis: Er fand sie zu einfältig, was ihm unangenehm, ja peinlich war. Und zum Vater hatte er gar keine Beziehung. Der war introvertiert, schwer krank und konnte mit Kindern nichts anfangen. Und wenn er in Erscheinung trat, dann als strafender Vater, der angeblich auch geschlagen hat.

Ludwig hatte Bindungsängste, aber eben auch eine große Bindungssehnsucht nach Frauen.

Nehmen wir die ungarische Schauspielerin Lila von Bulyowsky: Der hat Ludwig „brünstige Liebkosungen“ per Brief geschickt, sie war drei Tage bei ihm in Hohenschwangau, die Königin Mutter hat ihr eine Abfindung gezahlt, damit sie aus München verschwinde, da Ludwig sonst nie heiraten würde. Also man sieht, Ludwig war nicht misogyn, kein Frauenfeind, auch wenn die Bulyowsky gemeint hat, er sei kalt wie ein Fisch gewesen.

Aber Ludwig blieb ein Sexidol für Frauen – über seinen Tod hinaus.

Ja, er bekam waschkörbeweise Liebesbriefe, die er wegwerfen ließ. Und in den Köpfen der Frauen ist er als schöner Adonis in Erinnerung geblieben, weil er sich zurückgezogen hat, als er sich nicht mehr schön fand. Bei früheren Audienzen sind Frauen ohnmächtig geworden und noch bei seiner Aufbahrung am Sarg. Das ist natürlich ein hysterisches Schwärmen.

Insgesamt scheint die homosexuelle Komponente für Ludwig wichtiger gewesen zu sein.

Ja, wenn man so etwas wie eine Skala macht, sicher schon. Aber wichtig ist mir: Frauen haben eine große Rolle in seinem Leben gespielt. Darum kann ich den Konservativen und Königstreuen, die seine Homosexualität nicht wahrhaben wollen, ironisch zurufen: Wenigstens bisexuell!

Alfons Schweiggert: „Ludwig II. und die Frauen“ (Alitera Verlag, 304 Seiten, 24,90 Euro).

Alfons Schweiggert stellt am Mi, 20. April, um 19 Uhr das Buch in der juristischen Bibliothek im Rathaus vor. Anmeldung unter 089 / 13 92 90 46.

 

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