Neues Buch Johannes Schiltberger: Ein Münchner am Ende der Welt

Das Gemälde "Pelzhändler von Kairo" des Malers Jean-Léon Gérôme zeigt Martin Arz auf seinem Romancover. Foto: ho

Im Jahr 1394 verlässt der erst 14-jährige Johannes Schiltberger seine Heimatstadt für einen Kreuzzug. Die Reise des Bayern führt ihn bis nach Sibirien, doch bis heute ist er weitgehend unbekannt. Jetzt gibt es einen Roman über ihn.

 

München - Er wird als der deutsche Marco Polo bezeichnet – und doch kennt Johannes Schiltberger, der 1380 in München geboren wurde, kaum jemand. Mit gerade einmal 14 Jahren verlässt er seine Heimatstadt, mit 16 Jahren schließt er sich als Knappe dem Kreuzzug von Nikopolis an – und kehrt erst 33 Jahre später zurück. Dazwischen liegen unzählige Jahre Gefangenschaft, Schlachten, aber auch eine Route, die ihn durch die Türkei, über die Mongolei bis in den Kaukasus führte.

Seine Erlebnisse beschreibt Schiltberger nach seiner Rückkehr 1427 in einem Reisebericht. Diesen hat sich der Autor Martin Arz als Ausgangspunkt für seinen Roman „Die wilde Reise des unfreien Hans S.“ (16,99 Euro) genommen und die Erlebnisse seines Romanhelden bis ins kleinste Detail nachrecherchiert. Im Interview mit der AZ erzählt Arz, wer der unbekannte Münchner war, in welcher Zeit er lebte – und warum es so schwer ist, sich von ihm ein Bild zu machen.

AZ: Herr Arz, Johannes Schiltberger wurde 1380 in München geboren – in welche Familie hinein?
MARTIN ARZ: Es wird vermutet, dass er aus einem Adelsgeschlecht oder aus einem Landadelsgeschlecht stammt: die Schiltberger. Doch das sind alles Spekulationen – er selber erwähnt weder seine Eltern noch seine genaue Herkunft.

Wie kann man sich München zur Zeit Johannes Schiltbergers vorstellen?
München war kurze Zeit vorher die deutsche Hauptstadt gewesen, weil Kaiser Ludwig der Bayer hier seine Residenz hatte. Aber nachdem Ludwig gestorben war, ging es zur Zeit Schiltbergers ziemlich wüst her. Da gab es Aufstände der Patrizier gegen den Adel. In den 1390er Jahren ist das Herzogtum Bayern ja zerfallen in das Herzogtum Bayern München, Bayern Ingolstadt und Bayern Landshut. Schiltberger hat München in einer ziemlich unruhigen Zeit verlassen.

Mit gerade mal 14 Jahren zieht er als Knappe in einen Kreuzzug – ist das nicht viel zu jung?
Vom Alter her war das damals durchaus üblich. Eine Knappenausbildung begann in der Regel mit acht oder neun Jahren und endete meistens mit 17 oder 18. Das, was wir uns heute unter Kindheit vorstellen, gab es nicht. Kinder mussten mitarbeiten. Wenn sie in einem wohlhabenderen Zuhause aufgewachsen sind, dann haben sie noch Lesen und Schreiben gelernt.

Das konnte Schiltberger offenbar, wie sein Reisebericht beweist. Wie ist dieser aufgebaut?
Der Reisebericht ist aus heutiger Sicht ziemlich langweilig, entspricht aber den Reiseberichten der Zeit. Er ist nicht chronologisch. Er schreibt etwa: Das waren die Städte, die ich besucht habe. Und dann listet er Städte aus allen möglichen Ländern und Regionen nacheinander auf, und da stehst du dann als heutiger und fragst: Wie war jetzt seine Reiseroute? Das geht ja gar nicht, er war jetzt hier in Kairo und im nächsten Satz schreibt er Samarkand. Er schreibt auch, was für mich verwunderlich ist, teilweise über Situationen, die er eigentlich sehr emotional erlebt haben muss. Er war zum Beispiel neun Monate im Kerker eingesperrt in Gefangenschaft. Wo auch viele seiner Kameraden gestorben sind. Das schreibt er alles immer relativ kurz.

Hatten Sie nach der Lektüre das Gefühl, ihn zu kennen?
Aufgrund seines eigenen Buches ist er mir relativ fremd geblieben. Man kann ihn sehr schwer fassen, weil er sehr unpersönlich bleibt. Aber ich glaube, das ist der Zeit geschuldet und nicht ihm. Zum Beispiel: Er ist 33 Jahre weg und beschreibt in seinem Reisebericht überhaupt keine Liebesbeziehung. Oder er schreibt, dass er mit Freunden am Schluss aus der Gefangenschaft flieht, aber diese Freunde werden nie namentlich erwähnt oder näher beschrieben. Es war damals im 14./15. Jahrhundert halt nicht üblich, zu schreiben: Meine Kumpels und ich sind einen Saufen gegangen und dann haben wir anschließend noch die Mädels flachgelegt. Er wollte ja eine bestimmtes Bildungsbürgertum erreichen, und das wollte sich höchstens an Beschreibungen von Städten und Religionen ergötzen, nicht an erotischen Abenteuern.

Welches Land muss ihn als Münchner am meisten beeindruckt haben?
Er beschreibt ziemlich ausführlich Ägypten, ich glaube, das hat ihn sehr beeindruckt, obwohl er da nur wirklich kurz war. Und obwohl der Hof in Samarkand, im heutigen Usbekistan, sehr prachtvoll gewesen sein muss, schreibt er nicht so viel darüber. Es ist aber sehr schwer zu deuten, was er empfindet. Und er war immerhin der erste Europäer, der Sibirien beschreibt. Also muss er tatsächlich in Sibirien gewesen sein. Es gibt ja immer wieder die Diskussion, ob es ihn überhaupt gegeben hat.

Genau wie bei Marco Polo, mit dem er von manchen verglichen wird. Was glauben Sie?
Allein aufgrund der Beschreibung von Sibirien glaube ich schon, dass es ihn gegeben hat.

Wie ging es nach seiner Rückkehr mit ihm weiter?
Er verschwindet dann im Nichts. Er schreibt ja selber, dass er 1427 zurückkommt, nach 33 Jahren in der Heidenschaft, wie es so schön heißt. Er kommt über einen ziemlich abenteuerlichen Weg zurück, nämlich über Polen. Was er dann hier gemacht hat, weiß man nicht. Er muss vermutlich, weil er so weit gereist war und so viele Sprachen konnte, am herzoglichen Hof ein gern gesehener Gast gewesen sein. Und es ist auch zu vermuten, dass er einen Gutshof oder einen Landsitz bekommen hat, wo er dann den Herbst seines Lebens verbracht hat.

Lesen Sie auch: Fahrrad-Umfrage - Radler: Das sind Münchens gefährlichste Kreuzungen

 

0 Kommentare