Neues Buch Billy Bragg: "Die drei Dimensionen der Freiheit"

Billy Bragg wollte sein Buch im März in der Muffathalle vorstellen. Wegen der Krise wurde der Termin auf August verschoben. Foto: Jacob Blickenstaff

Der große Songwriter Billy Bragg hat ein luzides Buch über die Glaubwürdigkeitskrise westlicher Demokratien geschrieben

 

Unsere Welt war schon vor Corona aus den Fugen geraten, auch wenn ein Blick zurück jetzt natürlich verklärend wirkt. Der britische Liedermacher Billy Bragg, seit vier Jahrzehnten eine linke Ikone und politische Instanz in England, hat sich in in seinem politischen Weckruf „Die drei Dimensionen der Freiheit“ über die Krise westlicher Demokratien Gedanken gemacht. Dieses ungemein luzide Buch sollte jeder gelesen haben, der sich darüber Gedanken macht, wie man nach Corona wieder freiheitliche Gesellschaften organisiert.

AZ: Mr. Bragg, Sie haben Ihr Buch aus einem Vortrag entwickelt, den Sie vor Managern der Bank of England gehalten haben. Warum laden die den bekanntesten linken Liedermacher des Landes ein?
BILLY BRAGG: Wenn man einen Job wie ich macht, droht immer die Gefahr, ein Publikum zu erreichen, das ohnehin schon deine Meinung teilt. Deshalb fand ich die Möglichkeit spannend, vor Menschen zu reden, die meine Weltanschauung ganz sicher nicht teilen. Und das war auch das erklärte Ziel von denen. Ich habe es genossen und sie haben mir den Bunker mit Englands Goldreserven gezeigt, ganz tief unter der Erde: Plötzlich stehst Du in einem Raum voller Sonnenlicht, so wirkten auf mich die Lichtreflexe von den aufgestapelten Goldbarren. Es war surreal.

Ihr Buch handelt von der Glaubwürdigkeitskrise westlicher Demokratien.
Ich habe mich gefragt: Wie kommt es, dass unter dem Begriff der Freiheit Menschen beleidigt werden und die freie Rede zum Kriegsschauplatz verkommen ist? Freiheit ist ein nicht definiertes Argument, wir müssen eine andere Perspektive einnehmen: Freiheit kann es nur geben, wenn wir Liberalität, Gleichheit und Verantwortlichkeit mitbedenken. Ich wollte mit dem Buch einen Rahmen basteln, durch den man neu auf die Welt schauen kann. Wir alle wissen doch: Die Weltfinanzkrise von 2008 war keine Krise des Kapitalismus, sondern eine Krise der Verantwortlichkeit.

Sie zeigen stringent auf, welch großen Einfluss Friedrich A. von Hayeks Buch „Die Verfassung der Freiheit“ auf neoliberale Politiker weltweit hatte – mit verheerenden Folgen.
Unglücklicherweise wurde Hayeks Buch zum einflussreichsten wirtschaftspolitischen Buch des späten 20. Jahrhunderts. Es war natürlich gedacht als eine Reaktion auf die unmittelbare Nachkriegspolitik von Labour, die in England den Sozialstaat überhaupt erst möglich gemacht hat: die Idee eines Staates, der sich um seine Bürger sorgt. Hayek argumentierte, die größte Bedrohung der Freiheit sei die Regulierung von Märkten durch Eingriff des Staates.

Margaret Thatcher lehnte den Sozialstaat ab. Sie war der Meinung, dass jeder für sein Glück selbst verantwortlich sei.
Das besondere an Margaret Thatcher war ja, dass sie die letzte Premierministerin gewesen ist, die geboren wurde, bevor der Sozialstaat errichtet wurde. Die Tatsache, dass sie sich eine Zeit davor vorstellen konnte, ist der Grund für ihre Politik des Egoismus. Alle Premiers, die danach kamen, hatten vom Sozialstaat profitiert und sahen das als eine positive Sache.

Die Geschichte der britischen Popkultur wäre ohne die Errichtung des Sozialstaats gar nicht möglich gewesen.
Nein, nicht nur John Lennon kam von einer Kunstschule. Und was noch wichtiger war: Es gab nicht so viel Druck auf Arbeitslose. Ich konnte in den 70er Jahren noch arbeitslos sein und dabei an meiner Musikkarriere basteln. Ich musste nicht sofort irgendwas nachweisen oder Kurse belegen. Es gab diesen zeitlichen Raum, sich zu entwickeln, etwas anderes zu machen. Heute verliert man sofort den Anspruch, wenn man nicht nachweist, dass man sich schnell um andere Arbeit bemüht. Die persönliche Ausbildung, die ich genossen habe, war, wenn man so will, vom britischen Steuerzahler bezahlt.

Junge, unbekannte Künstler haben es heute viel schwerer.
Auf jeden Fall – und man merkt das auch daran, dass es weniger junge Bands aus der Arbeiterklasse gibt. Die meisten kommen aus Mittelstandsfamilien, die sie unterstützen konnten. Während der 70er und 80er Jahre waren praktisch alle Punk-, Rock- und Popstars aus der Arbeiterklasse, die von den Privatschulen waren die totale Ausnahme.

Haben Sie eigentlich die gleiche künstlerische Freude daran, einen politischen Essay zu verfassen wie einen poetischen Song?
Es sind zwei verschiedene Möglichkeiten, eine andere Perspektive auf die Welt aufzuzeigen. Wenn einem das in einem drei Minuten langen Popsong gelingt, ist das ein großartiges Gefühl. Die Herausforderung, so ein Buch zu schreiben, ist aber eine viel größere. Ich meine nicht nur die monatelange Recherche, sondern auch die Genauigkeit in der Argumentation. Aber wenn ich einen Song über Verantwortlichkeit geschrieben hätte, wäre mir niemals die Aufmerksamkeit geschenkt worden, die ich durch das Buch erhalten habe. Popmusik hat nicht mehr die Avantgarderolle in der Jugendkultur. Als ich 19 Jahre alt war, also im Jahr 1977, gab es nur eine Möglichkeit sich auszudrücken: Gitarre lernen, Songs schreiben und raus auf die Bühne. Das sieht in der Internetzeit natürlich ganz anders aus.

Als ich 19 Jahre alt war, habe ich Ihre Songs gehört, am liebsten „Waiting For The Great Leap Forward“ – das Warten auf den großen Sprung, der natürlich nie kam.
Utopia kommt nie, darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass man sich und die Dinge in die richtige Richtung bewegt.

Wir bewegen uns allerdings in vieler Hinsicht in die falsche Richtung, beispielsweise in die Richtung des Populismus. Wie behalten Sie Ihre Kampfeslust und Ihren Optimismus?
Manchmal ist das Glas wirklich nur halbvoll. Aber wenn du eine Person bist, die das Glas immer halbleer sieht, dann wird es einfach schwer, ein Künstler zu sein, der andere inspiriert. Ich bin allerdings auch in einer privilegierten Position. Wenn ich auf etwas sauer bin, mache ich daraus einen Song, spiele ihn und werde auf meinen Konzerten dafür beklatscht. Diese Zustimmung lädt die Batterien immer wieder neu auf. Und es ist meine Aufgabe als Künstler, das Publikum mit einem ähnlichen Gefühl nach Hause zu schicken, ihren Mut wieder aufzuladen.

Sie haben mit 20 Jahren in Ihrem größten Hit gesungen: „Ich will die Welt nicht verändern, ich bin nicht auf der Suche nach einem neuen England, ich suche nur ‘ne neue Freundin.“ Aber Sie wollten doch die Welt verändern.
Das ist das große Paradox, wenn man Billy Bragg ist. Das Leben besteht aber glücklicherweise nicht nur aus Politik, und eine neue Freundin ist mit 20 sicher auch eine neue Welt. Die Botschaft von „New England“ war, dass es sehr schwer ist, den Kampf immer weiter zu führen, wenn man nicht auch mal kuschelt.

Sind Ihre Konzerte also ein Kuscheln unter Gleichgesinnten?
Ja, wir haben vielleicht alle eine ähnliche Haltung in der Halle, aber wenn die Leute wieder rausgehen, könnten sie mit ihrer Einstellung schnell allein in ihrer Umgebung oder am Arbeitsplatz sein. Und manchmal braucht man so ein Gemeinschaftserlebnis als Bestätigung. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. 1978 ging ich zum Konzert „Rock Against Racism“, es kamen über 100 000 Menschen. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich nicht der Einzige bin, der sich wegen des wachsenden Rassismus Sorgen machte. Dieses Erlebnis war noch überwältigender, als The Clash an diesem Tag live zu sehen.

Sehen Sie eigentlich eine Chance, dass die Brexit-Spaltung der englischen Gesellschaft kurzzeitig überwunden werden kann?
Nein, dafür bräuchte man auch eine neue Generation von Politikern, die verantwortlich handeln. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt. Jede Gesellschaft muss ihre Geschichte aufarbeiten. Deutschland hat das seit Jahrzehnten gemacht, wir haben unser Erbe des Empires nie richtig aufgearbeitet. Unsere Politiker verhalten sich noch immer so, als regierten sie ein Weltreich, als müssten sie sich nicht als gleichwertige Partner mit den anderen Europäern an den Tisch setzen. Unsere „Sonderrolle“ ist eine gefährliche Idee. Wir sehen uns als etwas, was wir schon lange nicht mehr sind. Ich glaube, das ist die Wurzel für den Brexit.    

Billy Bragg stellt „Die drei Dimensionen der Freiheit“ (Heyne Encore, 142 Seiten) am 31. August in der Muffathalle vor
 

 

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