Neuer Trainer, Abstiegskampf, Machtspielchen TSV 1860: Das große AZ-Kriseninterview mit Gerhard Poschner

Gerhard Poschner: Der 45-Jährige ist seit April Geschäftsführer Sport des TSV 1860 und spielte in seiner aktiven Zeit unter anderem für den VfB Stuttgart, Borussia Dortmund und die Löwen. Foto: sampics/Augenklick

Gerhard Poschner im AZ-Interview: Hier erklärt der Sport-Geschäftsführer, was für den neuen Trainer spricht, warum von Ahlen scheiterte – und äußert sich zu Magath und dem Machtkampf bei den Löwen.

 

AZ: Herr Poschner, Sie haben in dieser Woche Markus von Ahlen entlassen müssen und mit Torsten Fröhling den ehemaligen U21-Trainer zum neuen Chef befördert. Sie wirken gelöst. Oder täuscht der Eindruck?

GERHARD POSCHNER: Es ist doch klar, dass mit solch einer wichtigen, unerfreulichen Entscheidung eine enorme Anspannung verbunden ist. Wenn das nicht so wäre, würde das ja bedeuten, dass mir alles egal wäre. Jetzt verspüre ich eine Vorfreude auf Samstag. Gelöst werde ich aber erst sein, wenn wir gegen St. Pauli gewonnen haben.

Ist es diese Vorfreude, die man auch seit Mittwoch auf dem Platz sieht? Man hat das Gefühl, dass seit Monaten nicht mehr so viel gelacht wurde.

Das ist eine natürliche Arbeitsfreude. Das ist Torstens Credo. Für ihn bedeutet gutes Arbeiten eben auch Spaß haben. Unsere Situation hat viel mit der Psyche der Spieler zu tun. Da ist dieser Faktor enorm wichtig. Ein neuer Trainer kann in unserer aktuellen Situation ohnehin nicht mehr viel im physischen und athletischen Bereich machen.

Wäre das denn nötig?

Nein, das möchte ich an dieser Stelle betonen. Markus von Ahlen hat die Mannschaft in einem guten Zustand übergeben.

Wo muss Torsten Fröhling dann ansetzen?

Natürlich kannst du taktisch deine persönliche Note einbringen. Aber der Schwerpunkt wird bestimmt der mentale Zustand der Mannschaft sein. Und da wird Torsten Fröhling mit seinem Charakter sicherlich einen großen Einfluss auf die Spieler haben.

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Was hat er selbst denn für einen Charakter?

Er ist ein sehr mutiger, unkomplizierter Mensch mit einer sehr positiven Grundeinstellung zum Leben. Das überträgt er auf die Menschen, mit denen er arbeitet. Deswegen war er auch von Anfang an Teil unserer Überlegungen.

Danach sah es aber nicht aus.

Weil wir mit anderen Trainern gesprochen haben, was doch völlig normal ist. Mit Torsten Fröhling musste ich aber kein mehrstündiges Gespräch mehr führen, weil ich ihn bereits seit zehn Monaten kenne. Länger gesprochen haben wir mit anderen Trainerkandidaten. Wir haben uns persönlich mit ihnen getroffen und uns am Ende für unseren Mann entschieden.

Warum?

Weil er alle Komponenten mitbringt, die uns wichtig waren...

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..außer Zweitliga-Erfahrung.

Ja und nein. In der Praxis ist das richtig. Aber er war bei vielen unserer Spiele im Stadion und beobachtet die Liga aus natürlichem Interesse. Bei einem Trainer aus dem Ausland hätte dieses Argument daher größeres Gewicht gehabt. Bei Torsten Fröhling halte ich das deswegen für zweitrangig. Er ist der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Hatte Fröhling schon Angebote anderer Vereine aus dem Profi-Bereich?

Wenn er ein solches Angebot gehabt haben sollte, hat er es nicht an uns herangetragen. Das heißt für mich im Umkehrschluss, dass, selbst wenn er ein solches gehabt hätte, es ihn nicht interessiert hat.

Er ist der dritte Trainer dieser Saison. Ist er die letzte Hoffnung des Vereins? Und auch Ihre letzte Hoffnung?

Er ist DIE Chance für den Verein. Was mich betrifft, spielt das dagegen überhaupt keine Rolle. Der Verein muss langfristig unabhängig von Namen funktionieren. Klar ist aber: Kurzfristig sind die nächsten Ergebnisse existentiell wichtig.

Diese Ergebnisse hat Markus von Ahlen nicht liefern können. Woran hat das gelegen?

Ganz ehrlich möchte ich über die Vergangenheit nicht mehr sprechen. Ich bin davon überzeugt, dass wir am Ende der Saison unser Ziel Klassenerhalt erreicht haben werden. Und dann wird jeder seinen Anteil daran gehabt haben.

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Trotzdem: Haben Sie zu lange an von Ahlen festgehalten?

Wir konnten vor der Winterpause eine Entwicklung erkennen. Deswegen haben wir ihm das Vertrauen in der Vorbereitung geschenkt. Und diese Entwicklung hat sich bis zur 45. Minute gegen Heidenheim fortgesetzt. Was dann aber in der Halbzeitpause mit der Mannschaft passiert ist, ist nicht zu erklären. Nibelungentreue gibt es bei mir nicht. Sonst wäre Markus von Ahlen heute noch Trainer.

Wo wir schon von Vertrauen sprechen...

Oh je, ich ahne, was jetzt kommt...

Kommen wir zum Thema Politik. Dem Vernehmen nach tobt bei 1860 ein interner Machtkampf. Inwiefern hat das die Trainerfrage beeinflusst?

Auf diese Frage kann ich nur grundsätzlich antworten, nicht auf uns bezogen. Ich sage nicht, dass es so ist, aber politische Machtkämpfe und Eitelkeiten gehen immer zulasten des Sports.

Okay, dann bleiben wir im Konjunktiv: Hätte Felix Magath ein Kandidat für 1860 sein können?

Das wäre fern meiner Realität.

Genauso wie jede andere „große Lösung“, die Investor Hasan Ismaik gerne gehabt hätte?

Ich kann nur sagen, dass ich von Hasan Ismaik weder direkt noch indirekt zu einem Namen gedrängt worden bin.

Also war kein großer Name in der Verlosung?

Namen machen keine Punkte. Aber Punkte machen Namen.

Haben Sie in den letzten Tagen darüber nachgedacht, zurückzutreten?

Ich habe in den vergangenen Tagen oft darüber nachgedacht, dass im Sinne der Sache jeder einen Schritt zurücktreten muss.

 

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