Neuer Film "My Zoe" Julie Delpy im Interview: "Ficken für eine Rolle?"

Diese Mutterliebe ist auch gespeist aus Eifersucht und Überprotektionismus: Isabelle (Julie Delpy) mit Zoe (Sophie Ally). Foto: Warner Bros. Pictures

Für Julie Delpy ist es nicht ungewöhnlich, dass sie für ihren neuen Film "My Zoe" das Drehbuch schrieb, die Hauptrolle spielte, Regie führte und auch noch als Produzentin das Sagen hatte. "Wir Frauen sind Multitasking doch gewöhnt", meint sie lachend. Mit 14 Jahren stand sie zum ersten Mal vor der Kamera. Mit Anfang 20 ging sie nach New York, später nach Los Angeles, wo sie heute noch lebt.

 

AZ: Frau Delpy, soll man auf dem Gebiet der Gentechnik eigentlich alles machen, was machbar ist?
JULIE DELPY: Das ist eine schwierige Frage. Es gibt auf diesem Gebiet große Fortschritte, die ohne Zweifel großartig sind und sehr hilfreich für uns Menschen. Denken wir nur an die Möglichkeit von Transplantationen gespendeter Organe oder die In-vitro-Fertilisation, also die künstliche Befruchtung. Wo ziehen wir da die Grenze? Ist es unmoralisch, wenn man eine Leihmutter in Anspruch nimmt? Wenn man Tiere klont? Und machen wir uns nichts vor: Natürlich ist es heutzutage technisch machbar, Menschen zu klonen. Vom ethischen Standpunkt aus halte ich das für falsch. Was aber, wenn man es trotzdem tut? Genau davon handelt ja mein Film. Wie verantwortungsvoll man mit der Gentechnik umgeht, liegt immer auch in den Händen der Wissenschaftler, die das Know-how haben.

Wissenschaftler neigen dazu, alles zu tun, was möglich ist. Sollte es da nicht Kontrollen oder Regeln geben?
Und wer sollte die aufstellen? Die Regierung? In den USA haben wir schon lange eine regelrechte Opioid-Epidemie. Erschreckend viele Menschen sterben an einer Überdosis Schmerzmittel. Klar ist, dass die Pharmakonzerne nicht etwa an unserer Gesundheit interessiert, sondern nur auf Gewinnmaximierung aus sind. Da haben die staatlichen Kontrollorgane total versagt. Ob man irgendwann einmal tatsächlich Menschen klont oder nicht, wird man sehen. Die Antwort darauf spiegelt auf gewisse Weise auch den Seelenzustand einer Gesellschaft wider.

Ihr Film reflektiert das Thema sehr offen und ohne erhobenen moralischen Zeigefinger.
Das war mir extrem wichtig. "My Zoe" ist eine fast klinische Versuchsanordnung. Ich will damit niemanden beeinflussen. Jeder soll selbst herausfinden, was er vom Menschenklonen hält. Ich habe den Film auch aus einer großen Distanz heraus gemacht. Als wäre ich eine Wissenschaftlerin, die die Möglichkeit hat, ihre verstorbene Tochter klonen zu lassen. Dass sie dabei durch die Hölle geht, ist offensichtlich. Würde ich als Mutter meines Sohnes auch so handeln? Ich habe keine Ahnung.

"My Zoe" ist trotz dieser Distanz ein sehr persönlicher Film geworden, mit dem Sie lange schwanger gingen. Warum hat es Jahre gedauert, bis Sie ihn tatsächlich gemacht haben?
Es ist in der Tat ein sehr persönlicher Film, weil ich mich darin mit meinen Verlustängsten auseinandersetze. Weil ich mir Fragen stelle wie: "Ist so ein tragisches Schicksal wirklich unabwendbar?" Oder: "Was bedeutet der Tod eigentlich?" Dafür eine adäquate filmische Form zu finden, hat viel Zeit gebraucht. Und Lebenserfahrung. Ich war in fast jeder meiner Lebensphasen – als Neunjährige, mit 15, als 30-jährige Frau – Zeugin, als verschiedene Familien, die ich mehr oder weniger gut kannte, ein Kind verloren. Als Elternteil ein Kind zu verlieren, das ist der ultimative Verlust. Wie man damit umgeht, wie man weiterlebt, das wurde fast zu einer fixen Idee. Vielleicht war auch genau diese Verlustangst der Grund, warum ich so lange kein eigenes Kind haben wollte. Ich wollte mich nicht der Gefahr aussetzen, dass es vor mir sterben könnte. Dann bekam ich mit 40 aber doch meinen Sohn Leo. Und das ist das Beste, was mir in meinem Leben je widerfahren ist. Die Angst, ihn zu verlieren, habe ich immer noch. Die bleibt mir, bis ich sterbe.

Sie wollten bei diesem Film auch unbedingt wieder mit Daniel Brühl zusammenarbeiten.
Daniel ist ein guter Freund. Er hat schon in einigen Filmen, bei denen ich Regie führte, mitgespielt. Als wir uns dann in Los Angeles trafen, gab ich ihm das Drehbuch zu "My Zoe" und fragte ihn, ob er die Rolle des Arztes übernehmen wollte. Er hat sofort zugesagt. Und das, obwohl ihm das Thema Menschenklonen ziemlich unter die Haut ging, wie er mir sagte. Denn damals ist er gerade selbst Vater geworden.

Stimmt es, dass es ohne ihn Ihren neuen Film "My Zoe" nicht geben würde?
Ja, Daniel hat meinen Film gerettet. Allerdings nicht als Schauspieler, sondern weil er mit seiner Produktionsfirma Amusement Park bei der Finanzierung des Films eingesprungen ist, nachdem ein paar windige Investoren aus Korea ausgestiegen waren. Die Finanzierung war ausgesprochen schwierig, wie fast alles in meinem Leben. Das ist nicht so einfach, wie es vielleicht von außen den Anschein hat.

Wie meinen Sie das genau?
Für mich ist Ehrlichkeit und Integrität sehr wichtig. Privat und beruflich. Sich in der Haifisch-Filmbranche seine Integrität in all den Jahren zu bewahren, war alles andere als leicht. Ich habe diesen seltsamen Zwang, immer die Wahrheit zu sagen. Das hat mir oft geschadet, aber ich kann nun mal nicht anders. Und da gibt es noch sehr viel, das ich nicht gesagt habe. Warum? Ich fürchte mich einfach vor den katastrophalen Auswirkungen, die das für mich haben könnte. Ich habe meine ganz persönlichen #MeToo-Stories noch nicht veröffentlicht.

Sie haben mir erzählt, wie Sie als junge Schauspielerin in Frankreich von Regisseuren auf die Besetzungscouch eingeladen wurden.
Das war ein Kindergeburtstag im Vergleich zu dem, was ich später in Hollywood erlebt habe. Gott sei Dank wurde ich nie vergewaltigt. Aber man hat mich bedrängt, gemobbt, hat versucht, mich beruflich fertigzumachen. Wissen Sie, das alles ist ein großes Machtspiel inklusive Machtmissbrauch. Dahinter steckt ein System. Und das gibt es nicht nur in der Filmbranche, sondern überall. Der Arzt, der seine Sprechstundenhilfe sexuell nötigt, der Hotel-Manager, der Bäcker, der seine Angestellten schikaniert, wenn sie ihm nicht zu Willen sind. Wenn Leute große Macht haben, kann man nichts gegen sie machen.

Nicht einmal gegen Harvey Weinstein?

Da könnte es gelingen. Aber das ist die große Ausnahme. Er hat es wohl etwas übertrieben. Doch es gibt viele mehr, die in Hollywood immer noch an der Macht sind und gegen die nichts unternommen wird. Es muss auch gar nicht um Vergewaltigung gehen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Da ist der Regisseur, der mir sagt, wie ich eine Rolle in seinem Film bekomme, indem er mir Schauspielerinnen aufzählt, die sich von ihm haben ficken lassen. Ich sage zu ihm: "Ich finde das abscheulich und widerwärtig. Das mache ich nicht!" Er sagt: "Okay, das ist in Ordnung." Ich kriege die Rolle natürlich nicht. Aber das ist nicht alles. Ich kriege auch diese und jene andere Rolle nicht. Auch nicht in Filmen, an denen er gar nicht beteiligt ist. Und ich wundere mich darüber, weil ich mir das nicht erklären kann. Dann erfahre ich, dass er mich aus Rache für die Abweisung überall schlecht gemacht hat. Er hat allen erzählt, dass ich verrückt bin, dass es schwierig ist, mit mir zu arbeiten, dass ich unzuverlässig bin.

Das ist Ihnen passiert?

Ja. Allerdings war das nicht Harvey Weinstein, sondern jemand anderes. Wenn man diesen Typen den Sex verweigert, bedeutet das für eine Schauspielerin oft das Karriereende. Und diese Leute sind fein raus. Denn sie haben ja nichts Illegales gemacht. Sie haben "nur" ihre Meinung gesagt.

Kennen Sie Schauspielerinnen, die sich sexuell erkenntlich zeigten, um eine Rolle zu bekommen?
Machen Sie Witze? Natürlich! Und wenn ich sehe, welche Karrieren sie daraus gemacht haben – dann denke ich schon mal, dass eigentlich ich die Idiotin bin, weil ich Nein gesagt habe. Da muss man schon sehr stark sein, um das durchzustehen. Glücklicherweise hatte ich die Stärke, mich zur Wehr zu setzen. Als mich Harvey Weinstein in sein Hotelzimmer im Four Seasons in New York einlud, wusste ich ganz genau, was da auf mich zukommen würde. Ich sagte damals: "Nein, das mache ich nicht!" Und mein Agent sagte zu mir: "Du bist ein dummes Mädchen!" Freilich habe ich mir dadurch viele Möglichkeiten verbaut. Die Tatsache, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme, ist oft sehr geschäftsschädigend.

Aber sind Sie deswegen nicht auch eine Art Vorbild für die Frauen geworden, die sich nicht korrumpieren lassen wollen?
Das mag schon sein. Aber ich zahle einen hohen Preis dafür. Dabei habe ich das meiste noch gar nicht publik gemacht. Wenn ich wüsste, ich wäre todkrank und hätte nur noch ein paar Monate zu leben, dann würde ich meinen Giftschrank auf jeden Fall öffnen. Und das würde einschlagen wie eine Bombe. Es gibt einige Menschen, die jeden Tag beten sollten, dass ich ein langes und gesundes Leben habe. Oh Gott… vielleicht hätte ich das jetzt gar nicht sagen sollen. Ich hoffe, die bringen mich nicht um!

Sie scherzen.
Ganz sicher nicht! Glauben Sie mir, die würden nicht zögern. Das Hollywood-Filmbusiness hat eine sehr, sehr dunkle Seite.

Ich würde sehr gerne noch über den femininen Aspekt des Filmemachens sprechen. Gibt es den wirklich? Und wie äußert er sich?
In erster Linie sollte sich in einer künstlerischen Arbeit die Persönlichkeit desjenigen ausdrücken, der sie gemacht hat. Und da ist es erst einmal unwichtig, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Allerdings glaube ich, dass es beim Filmemachen einen Aspekt gibt, in dem sich Männer und Frauen sehr unterscheiden – und das ist die Sexualität. Frauen gehen viel sensibler, eben femininer damit um. Das hat oft viel mehr mit Erotik zu tun als mit kruden Sexszenen. Ich gebe zu, das ist ein diffuses Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Aber eines weiß ich ganz bestimmt: Das Leben ist sehr viel komplexer, als dass man es nur auf die Dualität Mann – Frau herunterbrechen kann. Zumindest arbeitet mein Gehirn da anders.

"My Zoe! R/D: Julie Delpy, D/F/GB, 102 Min., seit Donnerstag im Kino


 
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