Neue TV-Doku Rudi Dolezal: So war meine erste Begegnung mit Whitney Houston

Regisseur Rudi Dolezal kam ganz nah an Whitney Houston ran. Foto: Doro Films USA

Kaum zu glauben: Am elften Februar jährt sich der Todestag von Whitney Houston bereits zum sechsten Mal. Einer der Whitney Houston über viele Jahre lang kannte und ihre berufliche Karriere begleitet hat, ist der österreichische Produzent Rudi Dolezal (60). Dieser setzt der Film-Diva nun ein filmisches Denkmal: Er drehte die Dokumentation "Whitney Houston – Close up"", die der Sender Servus TV an ihrem Todestag um 20:15 Uhr ausstrahlt.

Die zweistündige Produktion, die im 18jähriger Arbeit entstanden und nun erstmals im TV zu sehen ist, erzählt die Geschichte der unvergleichlichen Musikerin - von ihrem kometenhaften Aufstieg bis hin zum Fall. Dolezal – mit Whitney Houston eng beruflich verbunden – bekam wiederholt die Möglichkeit, den Weltstar mit seiner Kamera zu begleiten. Sie selbst stellte ihm bei ihrer Europa-Tournee 1999 einen handgezeichneten Pass - "To Rudi Dolezal, anywhere I want to go" - aus, der ihm und seinem Kamerateam Zugang in alle Backstage-Bereiche ermöglichte. In der 2018 fertiggestellten Dokumentation verbindet Rudi Dolezal bisher unveröffentlichtes Filmmaterial der 1999er Tour mit neu gedrehten Interviews.

AZ: Können Sie sich noch an Ihre allererste Begegnung mit Whitney Houston erinnern?
RUDI DOLEZAL:
Ich habe sie zum ersten Mal in einem Hotelzimmer in Montreux getroffen – anlässlich der Veröffentlichung ihres allerersten Albums. Das war im Jahr 1984. Damals kam eine schüchterne und konservativ angezogene - hier in Deutschland würde man fast sagen "eine Klosterschülerin" – herein, die damals natürlich nicht geraucht und nicht getrunken hat. Sie war damals sehr, sehr schüchtern bei einem ihrer ersten Interviews. Clive Davis hatte damals zu mir gesagt: "Die musst du interviewen, denn sie wird einmal der größtes Star". Und das habe ich gemacht. Das war alle also meine allererste Begegnung. Ich habe dann in den Jahren danach einige Interviews für das deutsche und österreichische Fernsehen gedreht. Was ich bei dieser ersten Begegnung aber niemals gedacht hätte ist, dass sie einmal einer der größten Stars der Welt mit einer, wie ich meine, besten Stimme überhaupt wird. Und schon gar nicht, dass ich einmal die Möglichkeit haben würde so eng mit ihr an einem Projekt zusammenzuarbeiten.

Was erfährt man über Whitney Houston was man bisher noch nicht wusste?
Man sieht Whitney in Situationen wie sie noch niemand gesehen hat. Man kommt ihr so nah wie man ihr noch nie gekommen ist. Wir haben beispielsweise direkt nach einem ihre Auftritte ein Interview gemacht: verschwitzt, im Bademantel und nur fünf Minuten nachdem sie sich drei Stunden die Seele aus dem Leib gesungen hat. Das ist eines der ehrlichsten Interviews, das sie jemals gegeben hat. Sie spricht darin auch über Probleme, zum Beispiel über Probleme mit ihrer Tochter oder dass Problem des Alleinseins wenn das Konzert vorbei ist. Hinzu kommen großartige Konzertmitschnitte vom Höhepunkt ihrer Karriere, aber auch von früheren und späteren Zeitpunkten. Neben den Interviews mit ihren Weggefährten und der Familie sind auch fünf exklusiv Interviews mit Whitney zu sehen, die noch nie veröffentlicht wurden. Diese habe ich von 1984 bis zu ihrem Tod gedreht."

Wie kam es zu diesem Film?
Ich habe wie erwähnt mit Whitney schon ab den achtziger Jahren, seit ihrem ersten Album, immer wieder Interviews für das deutsche und österreichische Fernsehen für meine Sendung "Musikszene" geführt. So haben wir uns kennen gelernt. In den neunziger Jahren habe ich sehr viel für die Plattenfirma von Clive Davis gearbeitet und für ihn zahlreiche Videos gedreht wie zum Beispiel für die Gruppe No Mercy. Whitney war sein Liebkind, quasi seine Erfindung. Eines Tages rief mich also Clive Davis, mit dem ich sehr gut befreundet bin, an und sagte: "Pass einmal auf, Rudi, ich hab’ da ein Problem: Whitney bekommt den wichtigsten Award in den USA, ‚Entertainer auf the Decade, also ‚Sängerin des Jahrzehnts’. Sie beginnt aber übermorgen ihre Welttournee in Mannheim, genau am Tag der Fernsehsendung. Ich möchte, dass du dorthin hinfährst und einen Song aufnimmst. Und Whitney steht auf der Bühne und sagt, dass es ihr leid tut dass sie nicht dabei sein kann. Gesagt, getan. Ich habe es gemacht. Ich hatte nur zwei Tage Vorwarnung. Whitney kannte mich damals ja bereits. Sie kam dann wegen dieses Videos am nächsten Tag in meinen Schneideraum in Wien. An einem verregneten Sonntagnachmittag, gemeinsam mit ihrer Managerin. Es musste direkt nach Amerika gesendet werden, aber vorher von ihr abgenommen werden. Das Ganze hat nur fünf Minuten gedauert, denn mein Team und ich hatten gute Arbeit geleistet. Wir waren also rasch mit der Arbeit fertig und Whitney sagte an diesem Tag im Jahr 1999 zu mir: "Was können wir jetzt noch machen? Wir haben den Abendflug gebucht und haben jetzt noch ein paar Stunden Zeit." Und ich antwortete: "Wenn du jetzt schon da bist, dann würde ich dir gerne noch einen anderen Film von mir zeigen." Ich war ein ambitionierter junger Regisseur, 40 Kilo weniger als heute (lacht). Und sie war von dieser Idee begeistert. Sie fragte mich, über wen ich noch einen Film gemacht hätte. Und ich antworte: "Mit Freddie Mercury." Und sie sagte: "Oh, ich bin ein Riesen-Fan von ihm." Es handelte sich um meine Dokumentation "Freddie Mercury – The Untold Story", die unter anderem einen Grammy und die Goldene Rose gewonnen hat. Sie hat sich den Film angeschaut und war begeistert. Und sie hat mich gefragt: "Hast du noch mehr?". Und ich habe ihr von meinem Film mit den Stones in Argentinien erzählt. Diesen Film wollte sie ebenfalls unbedingt sehen. Und mitten in diesem Film sagt sie: "Stop, stop, stop" und: "Rudi, ich möchte dass du genau so einen Film auch über mich machst".

Wie haben Sie reagiert?
Ich sagte: Wir können gleich morgen damit anfangen. Und wir haben am nächsten Tag damit angefangen: um 12:00 Uhr mittags im Hotel Hyatt in Köln - gemeinsam mit einem Kamerateam. Ich bin ihr dann drei Monate lang nicht von der Pelle gerückt und habe gefilmt und gefilmt und gefilmt. So entstand eben das "Close up". Diesen Titel habe ich damals noch mit ihr gemeinsam ausgesucht. Es ist eine Nahaufnahme: die Künstlerin Whitney Houston rund um diese Tournee. So wie man sie vorher noch nicht gesehen hat: In der Garderobe, beim Streit im Schlafzimmer mit ihrem Freund Bobbi, im Privatflieger, bei der privaten Party im Hotelzimmer.... So entstanden über 100 Stunden Material, das bislang unveröffentlicht blieben. Dazu habe ich noch zwei große Konzertaufzeichnungen gemacht, eine davon in Leipzig und eine in Rotterdam t. Im Film zu sehen sind zudem zahlreiche Interviews, die ich nach dem Tod von Whitney gedreht habe: unter anderem mit Jennifer Hudson, mit Clive Davis, natürlich mit ihrer Familie, mit ihrer Assistentin, die Whitney leider tot in der Badewanne tot aufgefunden, mit ihrem Bodyguard, der noch versucht hat sie zu reanimieren, mit dem Stimm-Spezialist, mit dem sie noch versuchte, ihre Stimme zu reparieren, und, und, und. Ich habe in den Jahren 2012, 2013 und 2014 insgesamt noch 60 Interviews in den USA geführt. Und das Ergebnis ist nun dieser 60minütige Film, der bei Servus TV am elften Februar ausgestrahlt wird."

Wie haben Sie sie am Ende Ihres Lebens erlebt?
Sie war bis zum Schluss in dieses Filmprojekt involviert. Ich wusste auch von ihren Drogenproblemen. Ich wollte eigentlich zu diesem Thema noch ein Interview mit ihr machen. Aber das hat sie verweigert. Denn sie war in einer absoluten Verleugnung ihres Drogenproblems. Es werden sich viele fragen: Warum hat der Dolezal schon in den 90ern dieses Material gedreht, es bislang aber nie veröffentlicht? Der Grund war eben, dass wir bei dieser Tournee im Jahr 1999, als sie am Höhepunkt ihrer stimmlichen Fähigkeiten war, kein Wort über Drogen gesagt haben. Denn damals waren auch noch keine Drogen zu sehen. Dann aber wurde sie 2000 bei den Oscars nach Hause geschickt, weil sie den Text zu ihren Songs nicht mehr wusste weil sie im Kokainrausch war. Und ich habe damals zu Whitney gesagt: "Wir können nicht einen Film veröffentlichen in dem das Thema Drogen nicht thematisiert wird". Ich hatte damals schon einen Ruf zu verlieren: Der Freddie Mercury Film war schon veröffentlicht. Ich habe ihr damals vorgeschlagen: "Lass uns doch einfach noch ein kurzes Interview in deinem Haus in New Jersey machen. Du musst auch nicht viel mehr sagen als: ‚Ja: ich habe ein Drogenproblemen und ich arbeite daran.’ Die Fans werden das lieben." Das kam für sie aber nicht in Frage: "Ich habe kein Drogenproblem". Sie hat das damals komplett verleugnet. Und ich habe gesagt: "Gut, wenn wir das nicht inkludieren können, dann veröffentlichen wir das Material nicht." Und somit blieb es über viele Jahre lang liegen. Es gab mehrere Versuche mir das Material abzukaufen. Aber ich habe all diese Angebote abgelehnt, weil ich keine Agentur bin, sondern ein Filmemacher. Ich hatte Whitney damals etwas versprochen: Als sie an diesem verregneten Nachmittag sagte: "Mach einen solchen Film über mich wie du ihn über Queen und die Stones gemacht hast". Das war mein Versprechen an sie und nur deswegen hat sie mich so nah heran gelassen. Versuche von Clive Davis oder auch von Oprah Winfrey, mir das Material abzukaufen, habe ich abgelehnt. Denn unser Abkommen war nicht, dass ich das Material drehe und an den Meistbietenden verkaufe. Ich bin also einer der wenigen Menschen, die "Nein" zu Clive Davis gesagt haben und immer noch im Musikgeschäft sind." (lacht).

Sie hatten damals bei der Welttournee 1999 auch einen exklusiven Backstage Pass mit Zugang zu allen Bereichen von ihr persönlich ausgestellt bekommen. Wie kamen Sie zu dieser Ehre?
An dem besagtem verregneten Sonntag habe ich zu ihr gesagt, dass die Dokumentation über die Stones nur deswegen so gut geworden ist weil ich authentisch filme. Nämlich dann wenn es passiert. Ich bin nicht wie ein Hollywood-Regisseur, der jemanden dreimal auf die Bühne gehen lässt, an einem Tag an dem gar kein Auftritt ist. Ich will die Anspannung im Gesicht von Mick Jagger sehen. Ich habe zu ihr gesagt, dass sie mich alles filmen lassen soll. Wir könnten danach darüber diskutieren können, ob wir es verwenden oder nicht. Ich habe ihr gesagt, dass wir diese Szene nicht nachstellen können. Das hat sie verstanden und dann einen Backstage-Pass genommen und mit silbernen Stift darauf geschrieben: "To Rudi Dolezal, anywhere I want to go you". Ich konnte also überall hin. Ich habe diesen Pass immer noch.

Wie eng war der Kontakt kurz vor Ihrem Tod?
Ich hätte eigentlich bei den Grammys, zu der Zeit als sie gestorben ist, sein sollen. Ich war immer bei der Party von Clive Davis, die einen Tag vor den Grammys stattfinden. Ich bin auch fast jedes Jahr bei den Grammys - auch wenn ich nie einen gewinne (lacht). Leider hatte ich mir in diesem Jahr kurz zuvor beim Tauchen den linken Mittelfußknochen von beiden Seiten gebrochen. Ich hatte deshalb keinen Gehgips, sondern musste im Rollstuhl sitzen. Und ich dachte mir: "Im Rollstuhl bei den Grammys - das lasse ich lieber aus." Und somit war ich an diesem Wochenende nicht dort. Whitney hatte damals Pläne für eine neue Platte. Sie wollte mit dem Rauchen aufhöre, um ihre Stimme zu schonen. Der Stimmfachmann, der auch in meinem Film zu sehen ist, hat ihre Stimme damals wieder so hinbekommen, dass sie wieder zu 70 Prozent in Ordnung war. Sie hatte große Pläne für die Zukunft. Ich wollte mich damals eigentlich mit ihr treffen und mit ihr sprechen. Nur wie es so oft ist im Leben: Es hat es nicht geklappt. Am Tag nach ihrem Tod haben bei mir dann die Telefone nicht aufgehört zu klingeln. Denn alle haben gewusst, dass ich dieses Filmmaterial habe.

Könnten Sie sich noch an Ihre letzte Begegnung mit ihr erinnern?
Ich möchte jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, denn das ist etwas sehr Privates. Ich kann nur sagen, dass ich beunruhigt über ihren damaligen Zustand war. Ich war damals allerdings nicht der Dokumentarfilmer, sondern der Bekannte.

Würden Sie sich als einen Freund bezeichnen?
Als Freund nicht, aber ich war schon nah dran an der Familie. Ich war wie gesagt besorgt in welchem Zustand sie war. Und habe sie ermutigt, mit den Drogen aufzuhören. Ich habe einige Begegnungen in meinem Leben mit Menschen gehabt, die Probleme mit Alkohol oder Substanzen haben. Man kann nur bis zu einem gewissen Grad von außen auf diese Person einwirken. Wer rückfällig werden will, der findet immer einen Weg. Das sagt auch der Drogentherapie von ihr in meinem Film. Das Problem, dass ihr passiert sein dürfte: Ich glaube, dass es ein Unfall war. Sie war davor eine Zeitlang clean. Ich weiß das, denn ich hatte mit ihr telefoniert. Sie scheint - und das hat mir auch ihr Drogen-Therapeut bestätigt - rückfällig geworden zu sein. An einem Tag als sie eine Party besuchte, in diesem Lokal habe ich ebenfalls gedreht. Menschen, die längere Zeiten ihrer Substanz nicht genommen haben, machen oft den Fehler, dann wieder so viel zu nehmen wie sie üblicherweise genommen haben. Das kann der Körper aber möglicherweise nicht verkraften. Es scheint zu einer Ohnmacht oder zu einem Anfall gekommen zu sein. In der Badewanne. Und deswegen ist sie ertrunken. Ein fürchterlicher Tod für die schönste Frau, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Eine der drei wunderbarsten Stimmen der Welt: Aretha Franklin, Barbara, Whitney Houston.

Die Tochter von Whitney Houston, Bobbi Kristina, hatte ein ähnlich schlimmes Schicksal. Hatten Sie zu ihr auch Kontakt?
Ja, ich habe ihre Tochter sehr gut gekannt. Ich habe sie auch gefilmt als sie ganz klein war. Und als sie das erste Mal zu ihrer Mutter mit auf die Bühne gegangen ist. Ich wollte für diesen Film mit der Tochter dreimal Interviews führen und die Kameras standen schon bereit. Aber es klappte nie weil sie drüber war. Weil sie high war. Die Managerin hatte immer abgesagt und wir mussten das Interview immer wieder verschieben. Es fand dann leider nicht mehr statt.

Der Todestag von Whitney Houston jährt sich nun zum sechsten Mal. Wie empfinden Sie das? Denken Sie: Das war doch erst gestern?
Am 6. Februar war der Todestag von Falco, mit dem ich alle Videos gedreht habe. Ich bin es inzwischen gewöhnt, dass an den Todestagen dieser Menschen meine Statements gefragt sind da ich mit diesen gearbeitet habe. An einem Tag wie dem 11. Februar, dem Todestag von Whitney, frage ich mich nach wie vor: Warum musste das sein? Warum hat ihr niemand geholfen? Warum musste eine der wunderbarsten Frauen mit einer der großartigsten Stimmen so elendig zu Grunde gehen? Gerade in Amerika sterben wahnsinnig viele Menschen an Drogen. Das Opiatproblem ist ein riesiges. Whitney war eben nur eine sehr berühmte Person. Jeden Tag sterben Menschen an Drogen, auch in Deutschland und Österreich, überall auf der Welt. Wegen Heroin, Kokain… Es ist ein Problem unserer Gesellschaft das wir zu wenig erkennen. Eines eine vielen Opfer dieses Problems war Whitney Houston. Welche tollen Songs hätte sie noch gesungen? Wie oft hätte sie uns noch glücklich machen können? Diese Fragen stelle ich mir noch heute. "Close up" ist der wichtigste und beste Film meines Lebens. Ein Film an dem ich 18 Jahre lang gearbeitet habe."

Die AZ-App für Android und iOS

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null