Neue Studie Mehr als 90.000 Tote jährlich durch Krankhausinfektionen

Viele Kliniken haben in den vergangenen Jahren ihre Hand-Hygiene verbessert. Trotzdem gibt es in Deutschland noch 15.000 Todesfälle durch Krankenhausinfektionen pro Jahr. Foto: imago

Pro Jahr infizieren sich laut einer neuen Studie 2,6 Millionen Menschen in europäischen Kliniken mit gefährlichen Erregern. Schuld ist nicht nur mangelnde Hygiene.

 

Es ist eine erschreckende Bilanz: In den Kliniken Europas sterben nach einer neuen Studie hochgerechnet 91.000 Patienten pro Jahr an Krankenhausinfektionen. Die Autoren gehen von 2,6 Millionen entsprechenden Ansteckungen aus, die jedes Jahr europaweit Ursache von 2,5 Millionen beeinträchtigten oder verlorenen Lebensjahren sind.

Zu den Infektionen zählen Lungenentzündungen oder Sepsis

Die Wissenschaftler hatten in ihre im Fachblatt „Plos Medicine“ veröffentlichten Untersuchung sechs häufige Krankenhausinfektionen aufgenommen. Dazu zählen Lungenentzündungen, Sepsis sowie Harnwegs- und Wundinfektionen.

„Die Studie ist die beste, die ich zu diesem Thema gesehen habe“, sagt Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité. „Das deckt sich auch mit unseren Annahmen.“

In Deutschland sind jährlich etwa 500.000 Patienten betroffen

Für Deutschland schätzt sie die Zahl der Krankenhausinfektionen pro Jahr auf 500.000. Es wird angenommen, dass diese bis zu 15.000 Todesfälle verursachen. Ein Drittel der Ansteckungen gilt als vermeidbar – etwa durch bessere Hygiene.

Bei den Hochrechnungen wurden Infektionen, die durch multiresistente Erreger ausgelöst wurden, bewusst nicht separat ausgewiesen. Sie sind in die Gesamtzahl eingeflossen.

Eine Krankenhausinfektion bekommt ein Patient per Definition in einer Klinik. „Er hatte sie noch nicht, als er aufgenommen wurde und er war auch noch nicht mit diesen Erregern infiziert“, erläutert Gastmeier. „Am ersten und zweiten Tag in einer Klinik sind es in der Regel mitgebrachte Infektionen, ab Tag drei gilt es als Krankenhausinfektion“, ergänzt sie.

Das heiße aber nicht, dass ab dem dritten Tag automatisch Klinikmitarbeiter Schuld daran seien. Denn die Gründe für diese Infektionen sind vielfältig. Patienten benötigen oft invasive Untersuchungen oder Therapien: Sie bekommen Katheter gelegt oder werden an Beatmungsgeräte angeschlossen. „Das alles sind Eintrittsschienen für Erreger in den Körper.“

Oft seien es gar keine fremden Keime aus der Umgebung. „Jeder von uns schleppt Billionen Bakterien mit sich herum“, so die Hygiene-Ärztin. „Zum Beispiel auf unserer Haut oder im Darm – und die dringen dann in den Körper ein.“ Je länger ein Katheter liege, desto größer sei das Risiko dafür.

Gefahr lauert vermehrt auf der Intensivstation

In der Bundesrepublik bekommen rund 3,5 Prozent der Patienten auf Allgemeinstationen eine Krankenhausinfektion, 15 Prozent auf Intensivstationen. In diesem Sommer hat Deutschland neue Zahlen abgefragt. „Wir sind noch in der Auswertungsphase. Aber ich glaube nicht, dass es einen Anstieg gibt“, sagt Gastmeier.

Doch mit einem Rückgang ist auch nicht zu rechnen. Zwar haben viele Kliniken die Hand-Hygiene verbessert und es gibt mehr geschultes Personal. „Doch die Patienten werden immer älter und so anfälliger für Infektionen“, sagt die Expertin.

Auch die Patienten schleppen multiresistente Erreger ein

Zwischen 1000 und 4000 Todesfälle gehen in Deutschland pro Jahr auf das Konto multiresistenter Erreger. Viele Patienten bringen sie bereits mit und es obliegt dem Management dafür zu sorgen, dass sich andere Patienten nicht infizieren.

Bei der Umsetzung habe sich im Vergleich zu früher viel getan, sagt Petra Gastmeier – bis hin zu gezielten Präventionsprogrammen bei Risikogruppen. Doch es komme weiterhin immer auf das Augenmerk der einzelnen Klinikleitung an.

Hoher Einsatz von Antibiotika führt zu Problemen

Möglichkeiten zur Vermeidung von solchen Infektionen sieht die Medizinerin bei der Antibiotika-Verordnung. „Da könnten wir sparen, vor allem im ambulanten Bereich“, sagt die Berliner Expertin. So sollten möglichst keine Breitspektrum-Präparate verordnet werden.

Unklar sei aber, welchen Einfluss die Belastung mit Antibiotika heute durch Umwelt, Lebensmittel und auch Reisen habe.

 

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