Neue Serie bei Sky Julia Jentsch über „Der Pass“

Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek ermitteln in „Der Pass“. Foto: Sky/Sammy Hart

Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek sind die Stars in der spektakulär guten Serie „Der Pass“ des Bezahlsenders Sky

 

Eine Leiche liegt genau an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Also müssen Beamte beider Länder ermitteln, geleitet von der Deutschen Ellie Stocker (Julia Jentsch) und dem Exil-Wiener Gedeon Winter (Nicholas Ofczarek). Weil sie es mit einem Serienmörder (Franz Hartwig) zu tun haben, bleiben sie länger ein Team – und was für ein gegensätzliches und erinnerungswürdiges: Sie ist engagiert, freundlich und offen, er ein Zyniker, der mit der Welt, seinem Beruf und der Moral abgeschlossen zu haben scheint, ein Wiener mit tiefschwarzem Schmäh, der sich kleidet wie ein „Hurentreiber“, wie ihm einer seiner Halbweltkontakte attestiert. Die Leistungen aller Hauptdarsteller sind spektakulär, und „Der Pass“ ist mit gewaltigem Abstand die beste deutschsprachige Serie, die Sky bisher produziert hat: intelligent, spannend, süchtigmachend.

AZ: Frau Jentsch, schauen Sie selbst Serien?
JULIA JENTSCH: Viel weniger, als ich gern schauen würde. Ich war meistens sehr begeistert von dem, was ich gesehen habe, aber wenn der Sog einsetzt, habe ich oft nicht genügend Zeit. Wenn ich mir eine Nacht um die Ohren schlage und früh aufstehen muss, ist die Woche schwer zu meistern. Vielleicht brauchen andere ja weniger Schlaf. Ich bin fasziniert, wie viele Menschen es schaffen, viele Serien zu gucken.

Welche Serien haben Sie begeistert?
Ich war sehr neugierig auf „Babylon Berlin“, für mich als Berlinerin war das toll. „The Handmaid’s Tale“ hat mich total begeistert, auch wenn ich da nur einige Folgen sehen konnte. Ich habe auch die erste Staffel von „Top Of The Lake“ verschlungen, außerdem mochte ich „Broadchurch“ und „Die Brücke“.

Zurzeit entstehen in Deutschland sehr viele Serien. Spüren Sie das als Schauspielerin, bekommen Sie mehr interessante Angebote?
Ich habe jetzt in kurzer Zeit zwei Serien gedreht. Und es wird tatsächlich viel gedreht, das ist ein Boom. Viele finden Serien spannend, weil sie die Chance bieten, auch andere Arten von Geschichten zu erzählen. Ich bin gespannt, ob das so bleibt oder ob es irgendwann auch wieder genug sein wird.

Ihre neue Serie „Der Pass“ entwickelt einen sehr starken Sog. Können Sie erklären, wieso?
Das ist schwer zu beurteilen, wenn man den nächsten Schritt jeweils schon kennt. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es daran liegt, dass die Serie verschiedene Stränge erzählt und sich jeweils Zeit lässt, etwas aufzulösen. Man hat immer das Gefühl, da kommt noch etwas Neues, und eine Person, die unwichtig erscheint, wird doch noch wichtig. Und man merkt, dass mit den Hauptfiguren einiges passiert, dass sich die Charaktere verändern. Da entsteht eine Neugierde: Wo wird das hinführen? Irgendwann nimmt man auch die Perspektive des Täters ein, plötzlich begleitet man ihn.

Ist das nicht heikel?
Das muss passieren, damit man sich für ihn interessiert. Franz Hartwig hat einen tollen Serienkiller geschaffen, man merkt: Auch er hat Gefühle und wunde Punkte, hat Verletzungen erlitten. Das macht die Person vielschichtig und interessant. Trotzdem wird sie nicht sympathisch.

Cyrill Boss und Philipp Stennert haben die Serie gemeinsam geschaffen und inszeniert. Wie war die Arbeit mit zwei Regisseuren?
Erstaunlich gut. Ich hatte vorher Bedenken, obwohl man ja weiß, dass es fantastische Regieduos wie die Coen Brothers gibt. Gerade in der Vorbereitung war ich total verunsichert und ratlos. Wenn eine neue Drehbuchfassung kam, wusste ich nicht: Wen rufe ich jetzt an? Muss ich das doppelt erzählen? Aber ab dem ersten Drehtag haben sich die Bedenken komplett aufgelöst, weil man merkte: Sie haben einen Grund, das zu zweit zu machen. Sie sind total eingespielt, mögen und schätzen sich sehr. Der eine ist begeistert, wenn der andere eine Idee hat. Es war egal, mit wem ich gesprochen habe, es ging nie etwas unter, sie haben sich harmonisch ergänzt. Manchmal haben sie auch getrennt gedreht. Da gab es zwei Filmsets, so dass wir an einem Tag noch mehr Pensum schaffen konnten.

Sie und Nicholas Ofczarek spielen höchst unterschiedliche Ermittler. Sie ist offen und freundlich, er eine gestrandete Persönlichkeit mit Drogenproblemen und Mafiaverbindungen und im Auftreten meistens unwirsch. Was ist das für ein seltsames Paar?
Ich habe die ersten drei Folgen bei der Wien-Premiere gesehen. Nicki sagte zu mir: „Die beiden, das geht ja gar nicht – aber es ist toll!“ Ich finde es auch spannend, dass die beiden so unterschiedlich sind. Wollen die sich wirklich antun, miteinander zu arbeiten? Dennoch spürt man, dass sie etwas verbindet: Er hat seine Macken, sie ist auf ihre Art auch manchmal nervig, aber beide lassen den anderen sein, wie er ist, und erkennen seine Qualitäten an.

Nicholas Ofczarek dreht in der Rolle mächtig auf. Hat das eine Wirkung darauf gehabt, wie sie Ihre Rolle angelegt haben?
Das ist alles schon so geschrieben, ich wurde beim Dreh nicht mit etwas Neuem konfrontiert. Er hat diese zupackende Sprache, die eine gewisse Brutalität und Komik hat, er hat seine Geschichte, seine Abhängigkeiten. Sie ist die scheinbar unproblematische, engagierte Kommissarin, aber sie entwickelt sich, und deshalb ist die Figur auch spannend. Ich habe mich so für die Rolle begeistert, weil die Figur am Ende so anders ist als am Anfang.

Ist es schwerer oder leichter, eine solche Entwicklung über acht Folgen darzustellen, als in einem neunzigminütigen Film?
Ob eine Entwicklung schwer oder leicht zu spielen ist, hängt davon ab, wie sie geschrieben ist. Was bietet das Drehbuch für Szenen oder Momente, um etwas zu zeigen? Da ist es egal, ob das ein Kurzfilm ist, ein 90-Minüter oder eine Serie.
Es gibt in Deutschland viele Krimis und viele Ermittlertypen. Aber einen wie diese Ellie, die lange so offen und freundlich ist, sieht man nie.

Mit den gleichen Worten hat das Cyrill Boss auch gesagt, das war sein Interesse. Er sagte, eine solche Figur möchte er gern sehen, aber es gibt sie nicht.
Am Ende weiß man aber, wieso das so ist: Die Figur wird im Zuge der Ermittlungen härter, und das ist plausibel bei dem Stress, dem sie ausgesetzt ist. Die Regisseure haben viel recherchiert und immer wieder gehört: Viele Leute, die mit diesen Härtefällen konfrontiert sind, schaffen es irgendwann nicht mehr und wechseln den Beruf. Das geht schon ans Eingemachte.

Als rein deutsche Produktion wäre diese Serie so kaum möglich. Diesen düsteren Schmäh, den Nicholas Ofczarek einbringt, gibt es nur in Österreich, oder?
Ich habe diese Sprache schon immer gern gehört. Wir haben auch viele Dialekte in Deutschland, aber mir fällt keiner ein, der so zupackend ist und auch manchmal etwas Dreckiges hat. Die Österreicher bringen etwas sehr Eigenes, Spannendes mit. Aber ich bin froh, dass das nicht zum Thema gemacht wurde. Man könnte ja auch darauf herumreiten. Ich finde es charmant, dass es am Anfang vorkommt – da sind die Deutschen natürlich schon am Tatort, als die Österreicher eintreffen, und es wird ein bisschen gefrotzelt. Aber dann ist es auch gut.

 

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