Neue Präsidentin des Landgerichts Andrea Schmidt: Vom Plattenbau in den Justizpalast

Landgerichtspräsidentin Andrea Schmidt im schönen Lichthof des Justizpalasts. Foto: Bernd Wackerbauer

Andrea Schmidt ist neu an der Spitze des Landgerichts. In der AZ spricht sie über die Herausforderungen des Amts, ihren Glitzer-Trabbi und warum sie keine Opernsängerin geworden ist.

 

München - AZ-Interview mit Andrea Schmidt. Die 60-Jährige ist seit dem Frühjahr die Präsidentin des Landgerichts München I.

AZ: Gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit gab es Diskussionen um den Umzug einiger Zivilkammern vom Justizpalast nach Ramersdorf. Bei den Mitarbeitern sorgte das für Unruhe. Ging gleich gut los für Sie?
ANDREA SCHMIDT: Ja. (Sie lacht). Das war ein turbulenter und auch sehr belastender Start. Aber es hat ja einen guten Ausgang genommen. Wir dürfen im bisherigen Umfang am Stammsitz des Landgerichts München I, dem altehrwürdigen Justizpalast bleiben.

Das war auch Ihre Position in der Diskussion?
Ja. Und ich bin sehr dankbar, dass die Angelegenheit dann doch so rasch entschieden worden ist.

Wie sieht Ihr Präsidentinnen-Alltag aus?
Ich bin ständig zwischen den fünf Häusern, auf die das Landgericht München I verteilt ist, unterwegs. Da das Wetter gerade so schön ist, fahre ich viel mit einem der Dienstfahrräder unseres Gerichts. Das Gericht hat momentan etwa 500 Mitarbeiter. Da gibt es großen Gesprächsbedarf, jeder hat natürlich Anliegen, Wünsche, Sorgen.

Können Sie ein Beispiel für ein solches Anliegen nennen?
Wir haben eine sehr, sehr hohe Fluktuation, insbesondere im richterlichen Bereich. Fast jede Woche kommen neue Kolleginnen und Kollegen. Ein Markenzeichen der Justiz in Bayern ist der regelmäßige Wechsel zwischen Gericht und Staatsanwaltschaft. Da muss man immer zusehen, dass frei werdende Stellen schnell und gut nachbesetzt werden.

Haben Sie lange auf die Position der Präsidentin hingearbeitet oder ergab sich einfach die Gelegenheit?
Das kam sehr überraschend. Ich war zuvor sieben Jahre Abteilungsleiterin im Justizministerium und Leiterin des Landesjustizprüfungsamts, mit einem Wechsel habe ich nicht gerechnet. Aber aufgrund der Wiedererrichtung des Bayerischen Obersten Landesgerichts wurde mein Vorgänger hier beim Landgericht, Dr. Hans-Joachim Heßler, zum Präsidenten dieses Gerichts ernannt und ich bin gefragt worden, ob ich seine Nachfolge antreten möchte. Ich habe mir Bedenkzeit erbeten und durchaus eine ganze Weile überlegt. Weil ich meine bisherige Funktion schon sehr gerne ausgeübt habe.

Oder war da Respekt oder gar Furcht vor der neuen Aufgabe im Spiel?
Ja, natürlich hatte ich auch großen Respekt vor der Aufgabe, ein so großes Gericht zu leiten. Es ist mir aber wirklich sehr schwer gefallen, meine bisherige Funktion aufzugeben. Die Juristenausbildung ist ein wichtiger Bereich, sie liegt mir sehr am Herzen.

Welche Rolle hat Ihr Vater bei der Berufswahl gespielt? Sie wollten doch eigentlich Opernsängerin werden.
Das wäre in eine Katastrophe ausgeartet. Sowohl für mich als auch für die Musikwelt (sie lacht).

In welcher Stimmlage hätten Sie denn gesungen?
Sopran. Aber ich gebe ihnen jetzt keine Kostprobe. Spaß bei Seite, ich komme aus einer Juristenfamilie. Mein Vater war da immer skeptisch gegenüber meinen Teenagerwünschen nach einer Musikerkarriere. Er hat die Musik zwar gefördert, aber beruflich doch zu etwas Soliderem geraten.

Wie Eltern so sind.
Ja, genau. Richtig. Und ich habe immer ein wahnsinnig enges Verhältnis zu meinem Vater gehabt.

Also haben Sie auf seinen Rat gehört?
Ja. Aber ich hab’s dann schon auch selbst gemerkt, dass meine Talente woanders liegen.

Das kann ich leider nicht beurteilen, weil Sie mir nichts vorsingen wollen.
Glauben Sie mir, es ist besser so.

Andere Frage: Wie kamen Sie in den 90er Jahren nach Dresden?
Ich bin gefragt worden, ob ich im dortigen Justizministerium das Referat für Gerichtsorganisation übernehmen möchte. Und das habe ich dann gemacht. Das war sehr spannend, man konnte viel bewegen. Und ich dachte mir: Wenn schon, denn schon: Und habe mir dann eine Plattenbauwohnung gemietet in einem richtigen hässlichen Plattenbau.

Und hatten einen Trabi als Dienstwagen?
Nein, den habe ich mir privat angeschafft, weil ich mobil sein wollte. Das war ein Dienstwagen des TÜV dort, er hat 40 D-Mark gekostet. Dann hab ich mir Schablonen gebastelt und "August, der Starke" mit rosa Glitzersprühfarbe auf die Motorhaube gesprüht. Und die Sachsen fanden das immer ganz toll. Wenn ich zum Tanken fuhr, hieß es: "Nuu, da kommt ja der August der Starke" (die sächsische Melodie gelingt ihr unfallfrei).

Ihr schönster und Ihr schlimmster Moment als Juristin?
Ich war sehr jung und musste zum ersten Mal auftreten als Staatsanwältin in einer Strafverhandlung beim Amtsgericht Starnberg. Irgendein Ladendiebstahl. Es hat eine Beweisaufnahme stattgefunden und es hat sich herausgestellt, der Angeklagte war nicht der Dieb, der konnte das nicht gewesen sein. Ich war hoffnungslos überfordert und wusste schlichtweg nicht, was ich im Plädoyer beantragen sollte. Gottseidank war da ein sehr erfahrener Amtsrichter, der hat mir dann signalisiert, was ich tun musste.

Nämlich selber Freispruch beantragen?
Ja. Das war wirklich das peinlichste Erlebnis. Der Schönste war vielleicht, als ich die Leitung des Landesjustizprüfungsamtes übertragen bekommen habe. Das habe ich wirklich gerne gemacht.

Was ist Ihr Ausgleich zum Job?
Ich reise sehr gerne, möglichst mit der ganzen Familie. Meine Töchter sind schon erwachsen, aber sie kommen immer noch gerne mit.

Wie alt sind ihre Töchter?
Die "Kleine" ist 24, die "Große" 25.

Beides keine Juristinnen?
Noch nicht. Aber sie studieren beide Jura. Ich hätte mir fast gewünscht, dass eine vielleicht mal Musik studiert, aber es ist wohl besser so.

Sie haben als Präsidentin des Landgerichts einen Wunsch frei. Was wünschen Sie sich?
Gefährlich (sie zögert einen Augenblick). Ein kleines bisschen mehr Gestaltungsfreiheit würde ich mir manchmal wünschen. Und ein kleines bisschen mehr Geld, über das ich selbstverantwortlich entscheiden kann. Das ich selbstverantwortlich ausgeben kann. Ohne Bittgänge.

Lesen Sie hier: Zu teure Mieten - Der Justiz gehen die Bewerber aus

 

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