Neue Musik Die Donaueschinger Musiktage klingen ungewohnt politisch

Ein Musiker des Nadar Ensemble probt bei den Donaueschinger Musiktagen für die Uraufführung «Generation Kill». Foto: dpa

Die Donaueschinger Musiktage wollen Neue Musik gestalten. Das Verhältnis von Mensch und Maschine beim Inszenieren und Komponieren steht diesmal im Mittelpunkt.

 

Killerspiele und Klassik, Mensch und Maschine, Klangexperimente und Kontroversen: Die Donaueschinger Musiktage sind im 91. Jahr des Bestehens ihrem Anspruch gerecht geworden, Neue Musik zu gestalten. Drei Tage lang standen in der Schwarzwald-Kleinstadt Donaueschingen musikalische Versuche, gewagte Töne, klingende Installationen und ungewohnte Präsentationen auf dem Programm. Im Gegensatz zu den Vorjahren zeigte sich das Festival, das am Sonntag zu Ende ging, ungewohnt politisch – auch in eigener Sache.

Donaueschingen gilt als das weltweit älteste und bedeutendste Festival für Zeitgenössische Musik. Es wird jährlich vom Südwestrundfunk (SWR) organisiert. Die SWR-Orchester sind die zentralen Klangkörper des Festivals. Auch in diesem Jahr erwies es sich als Experimentierfeld junger Komponisten, als Forschungslabor der Musik, als Marktplatz neuer Ideen.

28 Uraufführungen von Komponisten aus 15 Nationen kamen auf die Bühne. Alle Aufführungen waren ausverkauft – und dies im zehnten Jahr in Folge, wie Festivalchef Armin Köhler in seiner Bilanz am Sonntag erklärte. Es wurden rund 10 000 Konzertbesucher gezählt. Stefan Prins überzeugte mit seiner Komposition „Generation Kill“. Der 33 Jahre alte Belgier rückte kriegerische Videospiele ins Zentrum. Er installierte Videogames, diese gaben den Impuls für Töne. „Kriege werden heutzutage wie Videospiele geführt, mit einer immer durchlässiger werdenden Grenze zwischen Realität und Virtualität“, sagte er – und führte mit seiner Uraufführung vor Augen, wie Kriegsszenarien die Klänge der Musik bestimmen können. „Die Playstation-Generation hat auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt das Kommando übernommen“, sagte Prins.

Der Berliner Helmut Oehring (51) verwendete andere Mittel. Seine Inszenierung „Wörter in die Luft“ hatte den Syrien-Konflikt zum Thema. Oehring nahm die Zitate eines syrischen Bloggers als Grundlage. Er ließ syrische Künstlergruppen mitwirken, Solisten und Chor nutzten die Gebärdensprache. Sie verdeutlichen so auch den Titel der Uraufführung, „Wörter in die Luft“ – eine Botschaft gegen Krieg.

Überschattet wurden die Musiktage von einer Etat bestimmten Entscheidung: Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart fusioniert 2016 mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, es sollen dadurch fünf Millionen Euro pro Jahr gespart werden. Der Rundfunkrat hat die umstrittene Fusion Ende September beschlossen. Die Kulturszene befürchtet, dass Donaueschingen leidet, wenn die Musiker sparen müssen. Ärger und Frust sitzen tief. Ihren Unmut machte die Szene deutlich, unter anderem mit einer publikumswirksamen Aktion beim Eröffnungskonzert. 

Im Kern widmete sich Donaueschingen dieses Jahr dem Zusammenspiel von Technik und Musik. Mit vielen Aufführungen und Installationen wurde die Frage thematisiert, wer heute bestimmend ist: Der Mensch oder die Maschine? Eine allgemeingültige Antwort gab es erwartungsgemäß nicht. Das Festival, so viel ist deutlich, wird an und mit der Frage weiter experimentieren.

 

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