Neue Digitalministerin im AZ-Interview Judith Gerlach: "Plötzlich war Markus Söder am Telefon"

Das Umfeld stimmt schon mal: die neue Digitalministerin Judith Gerlach (CSU) in ihren Büroräumen. Foto: Sigi Müller

Im AZ-Interview spricht die neue Digitalministerin Judith Gerlach über ihre künftigen Aufgaben, Lieblingsspiele ihrer Kindheit und bayerische Start-ups.

München - In den Räumen am Oskar-von-Miller-Ring 35 sollte man in diesen Tagen auf seine Füße aufpassen. Vor dem Aufzug steht an diesem Morgen noch eine halb ausgeräumte Werkzeugkiste. Im zweiten Stock sieht es ebenfalls an einigen Ecken noch nach Übergang aus. Immerhin, das neue Büro von Digitalministerin Judith Gerlach ist gerade fertig geworden, der Schreibtisch - bis auf einen schicken PC-Monitor und einen von zwei großen Blumensträußen - noch blütenweiß.

Am Montag ist die 33-jährige Judith Gerlach im Bayerischen Landtag als Chefin für das neue Digitalministerium vereidigt worden. Ein neues Gesicht auf einem neuen Posten – noch dazu in einem Ministerium, das sich mit einem der wohl zukunftsträchtigsten Bereiche überhaupt beschäftigt. Klar, dass die AZ wissen will, was Bayern nun erwartet!

AZ: Frau Gerlach, ist Ihnen 9.30 Uhr eigentlich zu früh? Sie haben ja auf Facebook geschrieben, dass Sie gerne lange schlafen.
JUDITH GERLACH: Das stimmt! 9.30 Uhr geht absolut, aber ich bin tatsächlich nicht der Typ, der um 6 Uhr morgens schon glockenwach ist. Ich muss aber zugeben, dass ich die letzten Tage durchaus früher aufgewacht und mir der Situation wieder bewusst geworden bin. Da war ich ganz schnell wach.

Jetzt sind Sie Digitalministerin. Wie kam es dazu?
Plötzlich habe ich einen Anruf von Ministerpräsident Markus Söder bekommen und wurde gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Es war auch für mich total überraschend.

Gerlach: "Ich habe Respekt vor der Aufgabe"

Und wie haben Sie sich gefühlt, als klar war, dass es klappt?
Mir hat das Herz bis zum Hals geschlagen. Aber wirklich realisiert habe ich es noch nicht. Man versucht, das pragmatisch anzugehen. Das ist ohnehin meine Einstellung.

Sind Sie auch ein wenig nervös zwischen den ganzen "alten Politikhasen"?
Meine Kollegen kenne ich ja schon länger. Da ist keine Nervosität da. Ich habe Respekt vor der Aufgabe. Es ist ein großes Gebiet und eines, das noch in den Kinderschuhen steckt, obwohl die Entwicklung sehr schnell voranschreitet.

Haben Sie sich schon Tipps bei Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung, geholt?
Telefoniert haben wir auf jeden Fall, wir sind ja auch gut befreundet. Ich möchte auch gerne mal zu ihr nach Berlin, zum Austausch oder für eine gemeinsame Veranstaltung. Und ich möchte mich mit ihr kurzschließen, wie man praktische Verknüpfungen schaffen kann zwischen München und Berlin.

Sie sind Juristin. Was qualifiziert Sie als Digitalministerin?
Ich habe den Vorteil, mich schnell in Sachverhalte einarbeiten zu können. Das brauche ich natürlich, weil ich im Bereich Digitalisierung noch nicht komplett versiert bin. Auf der anderen Seite hat mein Aufgabengebiet sehr viel mit Kommunikation zu tun. Ich glaube, dass das Juristen, aber auch mir als Person liegt.

Gerlach erklärt, woran es beim 5G-Ausbau hakt

Als Digitalministerin haben Sie viel zu tun. Geschimpft wird zum Beispiel über Mobilfunklöcher. Hinkt Bayern in der Digitalisierung hinterher?
Laut Statistiken der Vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, d. Red.) sind wir etwa bei schnellem Internet auf den vordersten Rängen. Was nicht bedeutet, dass alles wunderbar ist. Sie haben völlig recht, dass es noch genug zu tun gibt.

Schnelles Internet mit Giga-Anschluss bis 2025 steht ja auch im Koalitionsvertrag. Ist das realistisch?
Das ist ein klares Ziel, das wir umsetzen wollen. Auch der Ausbau des 5G-Mobilfunkstandards soll vorangetrieben werden.

Woran hakt es da bisher?
Das hat mit Vergabestrukturen zu tun, aber auch mit Infrastruktur. Mit dem Sonderprogramm Mobilfunkmasten tragen wir dazu bei, Gemeinden zu unterstützen, die sagen: Wir haben keinen Anbieter, der uns einen Mobilfunkmasten stellt – und wir würden ihn gerne selber betreiben.

Junge Start-ups siedeln sich vor allem in Berlin an. Was kann Bayern tun, um da nicht abgehängt zu werden?
Ein Schritt waren die digitalen Gründerzentren, auch in den ländlicheren Gebieten. Die Gründer werden dort unterstützt mit praktischen Tipps, aber auch finanziell und rechtlich. 

Soll Bayern mit Ihnen digitaler Vorreiter werden?
Natürlich. Sie kennen uns Politiker in Bayern, wir möchten immer die Spitzenposition. Wir dürfen aber gerade im digitalen Bereich uns nicht abhängen lassen. Wir sehen in den internationalen Vergleichen, dass andere Länder einfach weiter sind als wir. Gleichzeitig müssen wir die Menschen vor Ort mitnehmen.

Ist das eine große Herausforderung? Absolut. Ich glaube, dass der Begriff Digitalisierung sehr abstrakt ist und nicht jeder sich darunter etwas vorstellen kann. Das geht mir in manchen Bereichen ähnlich. Es ist wichtig, allen zu zeigen, was für Chancen damit gegeben sind. Denken Sie zum Beispiel an die digitale Medizin oder an Robotik für Menschen mit Behinderung oder den Pflegebereich. Vor einigen Tagen gab es einen Bericht im BR, in dem es darum ging, dass Künstliche Intelligenz mittlerweile Hautkrebs schneller erkennen kann als ein Dermatologe. Nichtsdestotrotz brauchen wir den Dermatologen für die Behandlung und für menschliche Begleitung. Aber auch die Frage, was passiert mit meinem Job?, ist berechtigt. Und der müssen wir uns als Politik annehmen.

Welche Bereiche müssen digital werden, die es jetzt noch nicht sind?
In unserer Bürokratie, die ja häufig kritisiert wird, könnten wir einiges vereinfachen. Auch das liegt, zumindest was die staatlichen Behörden anbelangt, in meinem Bereich. Wir wollen ganz konkret in Bayern bis 2020 alle wichtigen Verwaltungsleistungen online stellen.

Gerlach ist Schafkopf-Verrückt

Im Landtag kam ja bereits der Vorschlag, dass Sie sich einen Twitter-Account anlegen sollten. Machen Sie’s?
Ja. Ich verstehe allerdings nicht, warum jeder sich danach erkundigt. Ich glaube, wer unter Digitalisierung nur Twitter versteht, verkürzt dieses Thema immens. Die digitale Welt ist viel breiter. Natürlich ist es wichtig, auch in den vielen sozialen Medien zu sein. Aber Kommunikation funktioniert nicht nur digital.

Facebook und Instagram haben Sie. Auch WhatsApp?
Ja.

Was ist Ihr meistgenutztes Emoji?
Ich glaube, entweder das Zwinker-Emoji oder der Tränen lachende Smiley. Weil ich eher ein lustiger Typ bin und gerne lache, nutze ich die sehr gerne.

Sie sind ja auch für den Bereich Computerspiele zuständig. Spielen Sie selbst auch? Oder haben Sie früher gespielt?
Ja, aber wirklich früher. Ich habe Nintendo gespielt und das sehr geliebt. Ich hatte einen grünen Nintendo. Aber die letzten fünf Jahre bin ich wenig zum Spielen gekommen.

Nicht mal ein bisschen Candy Crush auf dem Handy?
Nein, wirklich nicht. Obwohl, Schafkopf fällt mir ein. Ich bin Schafkopf-Spielerin. Ich kann ja leider nicht ständig in Bierzelten sein, aber es gibt Schafkopf-Apps und die spiele ich tatsächlich ab und zu. Sie haben zwei noch sehr kleine Kinder.

Welche Ratschläge geben Sie Ihnen für den Umgang mit digitalen Medien?
Ich halte nichts davon, Kinder fernzuhalten von dem Thema, finde es aber auch nicht gut, wenn man als Elternteil die Nase den ganzen Tag am Handy hat. Darauf legen mein Mann und ich wert. Meine Kinder werden das Klassenzimmer ganz anders erleben, als ich es erlebt habe. Die werden vielleicht mehr Tablets vor sich liegen haben als Stift und Zettel. Kinder dafür fit zu machen, ist wahnsinnig wichtig - mit Blick auf die Chancen und Risiken der digitalen Medien.

 

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