Neue CDs Kirill Petrenko und Vladimir Jurowski dirigieren Tschaikowsky

Kirill Petrenko. Foto: Sophia Kembowski/dpa

Der gegenwärtige und der künftige Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper mit neuen Tschaikowsky-CDs

 

Der eine geht, der andere kommt. Zum Ende der Spielzeit 2019/2020 wird Kirill Petrenko die Bayerische Staatsoper verlassen, an der seit 2013 höchst erfolgreich wirkt. Als Generalmusikdirektor nachfolgen wird ihm Vladimir Jurowski, der bei seinen hiesigen Gastspielen schon mächtig Eindruck gemacht hat. Wie es der Zufall will, sind nicht nur beide Dirigenten in Russland geboren, sondern auch noch im selben Jahr 1972 – Petrenko im sibirischen Omsk, Jurowski in Moskau.

Da drängt sich ein Vergleich ihrer neuen CD-Alben, die beide der Musik von Peter Tschaikowsky gewidmet sind, geradezu auf. Noch interessanter wird die Sache, weil Jurowski das Akademische Staats-Sinfonieorchester „Evgeny Svetlanov“ leitet, dessen Chef er seit acht Jahren ist, Petrenko aber die Berliner Philharmoniker, bei denen er im Herbst als Chefdirigent anfängt.

Das Bessere ist des Guten Feind

Wie kann das traditionsreiche, aber hierzulande kaum präsente russische Orchester mit dem deutschen Spitzenensemble mithalten? Zunächst einmal gar nicht schlecht. In der Gesamtaufnahme von Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“, hier eingespielt in der seltenen Originalversion der wenig geglückten Uraufführung von 1877, hinterlassen die Staatsakademiker den Eindruck präziser Durchordnung. Der Gesamtklang ist transparent, alle Gruppen haben ihren Platz und mischen sich auf angenehme Weise. Da zahlt sich wohl aus, dass Jurowski, wenn man nach seinen bisherigen Auftritten urteilt, eine äußerst klare Zeichengebung pflegt, die mitunter ans Eckige grenzt.

Legt man dann aber die Symphonie Nr. 6 „Pathétique“ in der Version der Berliner Philharmoniker unter Petrenko auf, relativiert sich der für sich genommen positive Eindruck etwas. Gegen diese muskulösen, geschmeidigen, schmelzenden Streicher und die phantasievollen Bläsersolisten hat das Orchester aus Moskau nicht wirklich eine Chance.

Was an sich eine sehr ordentliche Leistung ist, verblasst im Direktvergleich doch merklich. Wo die Berliner immer wieder Glanzlichter setzen und somit aufhören lassen, verharrt das Staats-Sinfonieorchester in einem tendenziell gleichmacherischen Durchschnittsmaß.

Jurowski ist es in Moskau nicht so gut gelungen wie in London beim dortigen Philharmonic Orchestra, wo er seit 2007 Chef ist, die Klangkultur auf ein herausragendes Niveau zu bringen. Das Bessere ist des guten Feind.

Wenn Musiker abheben

Natürlich kann man einwenden, dass nur wenige Klangkörper gegen die Berliner Philharmoniker bestehen können. Zugegeben: Das ist ein unfairer Wettbewerb. Doch ganz kann man auch Vladimir Jurowski als interpretatorische Persönlichkeit nicht aus der Kritik ausnehmen. Wäre es nicht möglich gewesen, die verschiedenen Tänze des „Schwanensees“ lebendiger und mitreißender zu tanzen, die instrumentalen Finessen Tschaikowskys lustvoller auszuloten?

Was hingegen Petrenko bei seinem ersten Konzert mit den Berliner Philharmonikern nach seiner aufsehenerregenden Wahl zum Chefdirigenten mit der „Pathétique“ machte, steht auf einem anderen Blatt. Der Mitschnitt dokumentiert, wie er mit den ansteckend inspirierten Musikern geradezu abhebt.

Er bringt die einzelnen Gruppen zum Tanzen, wohlgemerkt in einem Werk, das in den Ecksätzen eigentlich von existenziellem Ernst niedergedrückt wird – ohne diesen je zu verharmlosen. Das ist eine Interpretation, die bei einem so allseitig präsenten Stück auf wahrlich sensationelle Weise neue Wege eröffnet.

Peter Tschaikowsky: „Schwanensee“, Vladimir Jurowski (Pentatone); Symphonie Nr. 6 h-moll „Pathétique“; Kirill Petrenko (Berliner Philharmoniker Recordings)

 

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