Neue CD Vladimir Jurowski dirigiert Schostakowitsch

Der Dirigent Vladimir Jurowski. Foto: dpa

Vladimir Jurowski, der designierte Musikchef der Staatsoper, erweist sich als erstklassiger Interpret der Musik von Dmitri Schostakowitsch

 

Der Countdown läuft. Im Herbst 2021 beginnt seine Zeit an der Isar. Zugegeben, als Vladimir Jurowski vor rund zwei Jahren offiziell zum Nachfolger von Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper ernannt wurde, gab es durchaus Anlass zu Skepsis. In der Zwischenzeit hat sich jedoch der russische Dirigent gewaltig entwickelt. Das offenbart auch eine neue Einspielung der zwei Violinkonzerte von Dmitri Schostakowitsch.

Auf ihr präsentiert sich Jurowski gemeinsam mit Alina Ibragimova und dem „State Academic Symphony Orchestra of Russia ‚Evgeny Svetlanov‘“. Schon allein die dunkel und klar grundierten Einleitungen der Werke offenbaren Jurowskis unerhörtes Feingespür, die Atmosphäre zielgenau und kunstvoll zu verdichten. Statt Schostakowitsch mit hysterischem Überpathos samt kalkuliertem Leidensdruck wirkungsvoll zu veräußerlichen, führt Jurowski mit dem stupenden Orchester tief hinein in das Schattenhafte dieser Partituren.

Musik als Affront

Davon profitiert gerade auch Ibragimova, zumal ihr Spiel geschärft genug ist: im besten Sinn. Denn die russisch-tatarische Geigerin aus London denkt die Solostimmen nicht aus dem Geist der Phrase, sondern betont oftmals jede einzelne Note – mit scharfer Attacke. Auf diese Weise agiert Ibragimova auch mit dem von ihr mitbegründeten Chiaroscuro Quartet. Sie kreiert eben keinen Deko-Schönklang, und der wäre bei Schostakowitsch ohnehin deplatziert.

In den Violinkonzerten hört Ibragimova „Ereignisse“, um nicht zuletzt auf die Entstehungskontexte anzuspielen: „Russland unter Stalin, der Kalte Krieg, das menschliche Leiden im Unterdrückungsregime“. Tatsächlich hat Schostakowitsch das Violinkonzert Nr. 1 Ende März 1948 vollendet. Kurz zuvor, im Februar 1948, erreicht die zweite große Kulturkampagne des Diktators Josef Stalin die Musik. Noch dazu geriert sich der Spätstalinismus antijüdisch.

Wenn Schostakowitsch in der finalen „Burlesque“ jüdisches Volkskolorit verarbeitet, ist dies faktisch ein Affront. Für diese Aufnahme haben Ibragimova und Jurowski die Original-„Burlesque“ eingespielt, bei der die Solovioline das Thema „attacca“ einführt und nicht das Orchester. Zuvor wird im dritten Satz die barocke Passacaglia reflektiert. Mit ihrer Melodie über einem ostinaten Bass ist diese Form eng mit Trauer und Tod verbunden, so etwa in der Oper „Dido and Aeneas“ von Henry Purcell. Dieser Semantik folgt auch Schostakowitsch.

Kritik am Hier und Jetzt

Sein Violinkonzert Nr. 1 lässt Schostakowitsch zunächst in der Schublade schlummern. Erst nach dem Tod Stalins wird das Werk 1955 uraufgeführt: mit dem Widmungsträger David Oistrach unter Jewgeni Mrawinski. Beim Violinkonzert Nr. 2 von 1967 geht es reibungsloser. Trotzdem kann die teils sperrige, schroffe Klangsprache des späten Schostakowitsch samt nervösem Schlagwerk die scharfzüngige Kritik am Hier und Jetzt nicht verbergen.

Man muss die zeithistorischen Kontexte nicht kennen, um den Musiken ein ungeheures Konfliktpotential anzuhören. Zwischen Pathos und Groteske ist es nur ein schmaler Grat, und genau das machen Ibragimova und Jurowski in jedem Takt erfahrbar. Dabei riskiert Ibragimova auch die fragilste Stille, was die Solokadenzen zu Großereignissen werden lässt – mutig, stark und ehrlich.    

Schostakowitsch: „Violin Concertos“ (Alina Ibragimova, State Academic Symphony Orchestra „Evgeny Svetlanov“, Vladimir Jurowski, bei Hyperion)

 

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