Neue CD AZ-Kritik: So ist "Rough And Rowdy Ways" von Bob Dylan

Der fotoscheue US-Singer-Songwriter Bob Dylan vor etwa einem Jahrzehnt. Foto: Sony Music/dpa

Bob Dylan veröffentlicht mit "Rough And Rowdy Ways" sein 39. Studioalbum.

 

Hier ist es also: das erste Rockalbum eines Nobelpreisträgers. "Rough And Rowdy Ways" hätte so oder so für einigen Wirbel gesorgt, schließlich präsentiert der 79-jährige Bob Dylan hier seine ersten neuen Lieder seit 2012. Aber der Literaturnobelpreis 2016 hat den König noch weiter vom Fußvolk der Songwriter entrückt – mehr Aufmerksamkeit dürfte er selten bekommen haben. Nie zuvor wurde jedenfalls so viel über einen neuen Dylan-Song berichtet wie über "Murder Most Foul", den er Ende März vorab veröffentlichte, und erstmals erreichte er mit einer Single Platz eins der Billboard-Charts, in der Sparte "Rock Song Digital Sales".

In einem einzigen Interview in der "New York Times" hatte sich Dylan vorab zum neuen Album geäußert – und unprätentiös festgestellt, dass er stets mehr oder weniger dem Stil treu bleibe, den er am besten drauf habe. Das klang schön schrullig aus dem Mund eines Mannes, der für seine ewigen Schlenker berühmt ist, der 1965 von Folk zu Rock wechselte und damit für einen revolutionären Moment der Musikgeschichte sorgte, der mal wie Neil Diamond in Las Vegas daherkam und dann den Gospel des Herrn sang. Und der sich zuletzt mit drei Alben voller Songs des "Great American Songbook" vor Frank Sinatra verbeugte.

Gespickt mit Verweisen

Und doch hatte Dylan recht: Alle anderen Platten seines gefeierten Spätwerks sind seit dem meisterhaften "Love & Theft" von 2001 stilistisch recht konsistent. Und hier fügt sich auch "Rough And Rowdy Ways" ein. Die neuen Stücke sind wieder gespickt mit Verweisen, mit Zitaten aus der Bibel und aus Popsongs, mit Blues-Floskeln und Shakespeare-Motiven. Der Nobelpreisträger stellt sich wie immer auf die Schultern von Riesen.

Das fängt beim Albumtitel an, der den Jimmie Rodgers-Song "My Rough And Rowdy Ways" nur minimal verkürzt. Der Titel des getragenen Eröffnungssongs "I Contain Multitudes", der ebenfalls vorab veröffentlicht wurde, stammt aus "Song Of Myself" des Dichters Walt Whitman.

Ich, das sind viele: So ließe sich das frei übersetzen, und welcher Künstler könnte das eher von sich behaupten? Er sei ein Mann der Widersprüche, ein Mann wechselnder Stimmungen, singt Dylan zu gestrichenem Bass, perlender Akustikgitarre und dezenter Steel Guitar. Was ihn sonst noch ausmache, deutet er mittels Namedropping an: Edgar Allen Poe und sein "Tell Tale Heart" nennt er, William Blake, Beethovens Sonaten und Chopins Préludes, dazu Warren Smiths halbvergessene Sun-Single "Red Cadillac And A Black Moustache", die Dylan mal wunderbar gecovert hat.

Nur einmal liegt er furchtbar daneben: "I’m just like Anne Frank, like Indiana Jones / And them British bad boys, The Rolling Stones", reimt er. Das Holocaust-Opfer neben der Actionfigur: Die Zeilen klingen rhythmisch wunderbar und sind doch taktlos.

Das ewige Phantom

Autobiographisches lässt sich auch in anderen Songs erahnen: In "False Prophet" scheint Dylan mit Räudiger-Straßenköter-Stimme anzudeuten, wie schwer man daran trägt, ein messianisch gefeierter Songwriter zu sein. "I opened my heart to the world and the world came in", das sei der Beginn des ganzen Schlamassels gewesen, und: "I climbed the mountains of swords on my bare feet". Wer aber glaubt, etwas über den Eroberer aller künstlerischen Gipfel zu wissen, dem kräht er in der nächsten Strophe zu: "You don’t know me, darlin’". Und überhaupt: Er sei ganz anders, als seine geisterhafte Erscheinung nahelege.

Immerhin offenbart dieses ewige Phantom Dylan quer durch das Album vieles, was er liebt: Da ist von Ricky Nelsons "Mary Lou" die Rede, von Frank Sinatras "Only The Lonely" und "In The Wee Small Hours", von den Beatpoeten Ginsberg, Corso und Kerouac, die wie er auf der falschen Seite der Gleise geboren seien. Im flotten Blues "Goodbye Jimmy Reed" taucht der Geehrte gar im Titel auf. Und dem vergessenen R&B-Sänger Billy "The Kid" Emerson erweist Dylan durch einen gewohnt frechen Diebstahl die Ehre: Der Stop-Time-Blues "False Prophet" ist eine musikalisch fast identische Neuauflage von dessen "If Lovin’ Is Believing", der B-Seite einer Sun-Single aus dem Jahr 1954, die nur Liebhaber wie Dylan kennen.

Im 17-minütigen "Murder Most Foul", das die zweite der beiden CDs komplett beansprucht, singt der Erzähler von John F. Kennedys Mord - einer Verschwörung! -, und von der Gegenkultur der Sechziger. Dann fordert er den DJ Wolfman Jack auf, eine schier endlose Playlist abzuarbeiten: von Jelly Roll Morton und Oscar Peterson bis zu den Eagles und Fleetwood Mac. Die Corona-Klausur dürfte für Hardcore-Fans nicht lang genug gewesen sein, um Dylans Musik-Empfehlungen durchzuackern.

Der besingt außerdem die Musen ("Mother of Muses"), die ihn weiter in ihren Armen schaukeln mögen, besingt den Tod und die letzten Dinge, die Ewigkeit und den ewigen Niedergang: Von "Armageddon" und dem "Judgement Day" ist mehrfach die Rede. Aber diese mal düstere und morbide, mal tröstliche und oft sehr lustige Poesie steht eben nicht für sich. Ihre Wirkung entfalten seine Zeilen stets erst gesungen, wie Dylan in seiner Nobelpreis-Rede suggerierte, erst als Musik. Und da setzt Dylan diesmal unter anderem auf populäre Stile der Fünfziger Jahre.

Eine tolle Begleitband

Etwa in "I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You", einem wunderschönen Schieber mit sehr gefühlvollem Crooning, mit Doo-Wop-Gesang im Hintergrund und einer Marimba, die für schummriges Hawaii-Feeling sorgt. Typischer sind die drei Blues-Nummern wie das langsame "Crossing The Rubicon": Die raunzt Dylan mit der Autorität seiner knarzigen, abgrundtief gebrochenen Stimme und mit unübertrefflicher Phrasierungskunst. Seine tolle Begleitband hält sich, wie auf dem ganzen Album, dezent im Hintergrund, begleitet so karg wie effektiv.

Der mit Abstand beeindruckendste Song ist "My Own Version Of You": Zwei absteigende Läufe – einer gemächlich, einer sich bedrohlich steigernd – ergänzen sich zu dem perfekten Sound für Dylans Horror-Geschichte: Da zieht einer durch Klöster und Leichenhäuser und sucht die nötigen Einzelteile, um ein Wesen nach seinen Vorstellungen zusammenzuschrauben. Al Pacino aus "Scarface" und Marlon Brando aus "Der Pate" werden reingemantscht und, apropos Namedropping, das fertige Geschöpf soll dann Klavier spielen wie Leon Russell.

Man ist versucht, in dieser Frankenstein-Story eine lustige Analyse von Dylans Schöpfung zu erkennen, vor allem seines Spätwerks, bei dem er immer wieder Altbekanntes nach seinem Geschmack neu montiert. Auf dem sehr guten Album "Rough And Rowdy Ways" geht er darüber hinaus, verbeugt sich immer wieder explizit bei vielen, die ihn inspiriert haben. Falls er sie in seiner Nobelpreisrede vergessen haben sollte, hat er das nun nachgeholt.

Bob Dylan: Rough & Rowdy Ways (erschienen bei Sony Music)
 


 
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