Neue CD Philip Bradatsch über "Jesus von Haidhausen"

Philip Bradatsch (zweiter von rechts) mit seiner Band, den Cola Rum Boys. Foto: Sebastian Weidenbach

Philip Bradatsch wollte sein neues Album „Jesus von Haidhausen“ live präsentieren, dann kam die Corona-Krise

 

Für „Ghost On A String“ erhielt der Münchner Rockmusiker Philip Bradatsch den AZ-Stern des Jahres 2018. Nun ist sein neues Album „Jesus von Haidhausen“ erschienen, auf dem er erstmals auf Deutsch singt.

AZ: Herr Bradatsch, ich nehme an, Sie haben in der Krise auch etwas anderes im Kopf als Musik.
PHILIP BRADATSCH: Das Thema bestimmt im Moment alles. Es ist auch auf einer rein persönlichen Ebene eine Katastrophe, weil mir laufend Konzerte abgesagt werden. Man weiß auch nicht, wann die Clubs wieder anfangen zu buchen.

Für welchen Zeitraum sind Konzerte abgesagt worden?
Bisher für März und April, aber ich gehe davon aus, dass noch mehr kommt.

Und auch Ihr Album, an dem Sie sicher lange gearbeitet haben, erscheint mitten in der Krise.
Als Musiker sollte man eigentlich Timing haben ... Aber vielleicht bleiben die Leute ja zuhause und bestellen ganz viele Platten. Ich weiß allerdings gar nicht, ob sie im Moment so empfänglich dafür sind. Aber sie werden sich daheim mit etwas beschäftigen müssen. Man kann nicht monatelang in einem Panikzustand verharren.

Lassen Sie uns über das Album reden. Sie singen nicht mehr auf Englisch, sondern erstmals auf Deutsch. Wieso?
Seit dem ersten Tag mit meiner früheren Band Dinosaur Truckers haben Leute gesagt: Ihr müsst das auf Deutsch machen. Ich habe dagegen eine Abwehrhaltung eingenommen. Ich habe zwar immer mal wieder auf Deutsch geschrieben, dachte aber nie, dass sich das nach mir anhört. Ich hatte auch nie viel deutsche Musik gehört. Aber dann habe ich vor ein, zwei Jahren auf einer Tour in Finnland auf dem Rücksitz eines Autos in einem Rutsch „Jesus von Haidhausen“ geschrieben – und seitdem kein einziges englisches Lied mehr.

Ihre Texte klingen, als ob sie vom Bob Dylan der mittleren 60er Jahre beeinflusst wären. Richtig?
Ja. Aber auch die Beat-Lyrik der 60er fand ich immer cool. Textlich finde ich auch Jeff Tweedy von Wilco super, mir gefällt die ganze Band sehr gut. Ich versuche immer, bildhaft zu schreiben, mag alles, was ein bisschen abstrakt ist. Ich bin kein Fan von Zeigefinger-Lyrik.

Und wie ist’s, auf Deutsch zu singen?
Die Sprache ist sperriger, es fließt nicht so. Man muss eine eigene Art finden, zu singen, damit es nicht in Schlagergefilde abdriftet.

Sie haben das Album mit Ihrer Band „Cola Rum Boys“ aufgenommen. Wie ist sie entstanden?
Bei meinem letzten Album „Ghost On A String“ habe ich alle Instrumente außer Schlagzeug selbst aufgenommen. Danach stand ich vor der Frage, wie ich es live mache. So wurde die Band gegründet. Die Musiker kommen alle wie ich aus Kaufbeuren.

Erstaunlich, dass man in einem eigentlich recht kleinen Ort im Allgäu so gute Musiker findet.
Es gab lange eine ziemlich große Musikszene in Kaufbeuren. Das hat sich dann erschöpft, erholt sich aber gerade wieder ein bisschen. Aber die Jungen, die nachkommen, gehen natürlich nach Augsburg und München. In Sachen Konzerte und Clubkultur wird es nach meinem Empfinden in kleineren Städten immer schwieriger.

Wo ist Ihr Hauptquartier?
Meines ist seit zwei Jahren in München. Aber wir haben einen riesigen Proberaum mit Aufnahmestudio in Kaufbeuren. Es wäre schön, wenn man so etwas in München haben könnte, aber das wäre unbezahlbar.

Wie ist es, als Musiker in der teuren Stadt München zu leben?
Meine Frau und ich haben das Glück, das gefunden zu haben, was keiner findet: eine relativ günstige Behausung. Ich bin viel unterwegs, spiele viel, und so läppert es sich zusammen. Da merke ich keinen großen Unterschied zu Kaufbeuren oder Augsburg, wo ich früher gelebt habe. Wenn Geld da ist, ist’s hübsch und man kann ausgehen. Und wenn nicht, dann halt nicht.

Leben Sie nur von der Musik?
Ich mache zu 80 Prozent Musik, zu 20 Prozent arbeite ich als Übersetzer. Aber die Arbeit dreht sich oft um Musik, ich übersetze zum Beispiel Musikerbiographien.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Ich habe mit zehn Jahren angefangen, Gitarre zu spielen, da fand ich die Gitarristen toll, die jeder toll findet: Jimmy Page und die ganzen anderen Gitarrengötter. Dann habe ich alte Bluesmusiker wie Robert Johnson oder Blind Willie McTell entdeckt. Von da aus bin ich zu den Songwritern wie Neil Young oder Bob Dylan gekommen. Wenn ich meine Plattensammlung ansehe, bin ich in den 60er, 70er, 80er Jahren verhaftet. Die Sachen, die man als 15- bis 20-Jähriger hört, lassen einen nicht mehr los.

Und wie sind Sie Profimusiker geworden?
Bei meiner ersten Band, den Dinosaur Truckers, hatten wir alle mehr oder weniger nichts zu tun und beschlossen: Wir probieren das jetzt mal ein Jahr lang. Wir haben wild drauf los gebucht und in den skurrilsten Kaschemmen gespielt. Aus einem Jahr sind vier Jahre geworden, dann war ein bisschen die Luft raus, die Band ruht seither. Und ich habe gesagt: Ich mache weiter. Ich habe eine Soloplatte gemacht, glücklicherweise kam Trikont ins Spiel, und so kam eins zum anderen.

Haben Sie eine Ausbildung gemacht, um einen Plan B zu haben?
Das Einzige, was ich mir auf die Fahnen schreiben kann, ist eine nach drei Wochen abgebrochene Kochlehre. Es gibt kein Netz und keinen doppelten Boden. 


Hintersinnige Apokalypse

Ob Philip Bradatsch auf Englisch singt oder wie hier auf Deutsch: Es klingt sehr gut. „Jesus von Haidhausen“ ist ebenso gelungen wie das Vorgängeralbum, für das Bradatsch den AZ-Stern des Jahres erhielt.

Herausragend ist das monumentale, achtminütige Eröffnungsstück: „Alte Gebäude“ baut sich über ein düster-schönes Gitarrenriff ganz allmählich auf, im Hintergrund irrlichtern Synthiefrequenzen, die nichts Gutes verheißen. „Ich habe Angst vor alten Gebäuden, und den Knochen, die darin begraben liegen“, singt Bradatsch im Refrain, der nach über zwei Minuten zum ersten Mal einsetzt. Dann steigt die Band ein, und immer bedrohlicher türmen sich diese alten Gebäude auf. Die ganze Stimmung hat etwas, man zögert, es zu schreiben: Apokalyptisches. „Was nutzt Dir all Dein Grund, wenn er großflächig brennt?“, fragt Bradatsch.

Doch zwischen den Strophen dreht er mit einem fast sonnigen Riff die Stimmung immer wieder kurz ins Positive. Und als er gegen Ende, als die Band aufdreht, noch eine wunderbare zweite Gitarrenstimme darüber legt, schimmert Licht in diese düsteren alten Gebäude.

Das Stück und das ganze Album haben einen sehr schönen, warmen Sound: Es wurde in einem komplett analogen Vintage-Studio in Hamburg aufgenommen – also nicht als Computerdatei, sondern auf Tonbändern. Toll sind auch das epische Schlussstück „Rundfunkempfänger“ und die geradlinige Rocknummer „(Ich weiß wirklich überhaupt nicht) Was Du eigentlich noch von mir willst“: Sie erinnert an Wilco, vor allem das einprägsame Synthie-Motiv.

„Er steht Dir gut dieser Heiligenschein, es kann halt nicht jeder einzigartig sein“, heißt es da, und es ist nicht die einzige hintersinnige Zeile auf dem Album. In „Kriege“ singt Bradatsch: „Mein ganzes Leben habe ich Kriege geführt, nur um zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man verliert“. Die Platte „Jesus von Haidhausen“ hingegen ist ein Gewinner-Album. 

Philip Bradatsch: „Jesus von Haidhausen“ ist als Vinyl und Download unter trikont.de erhältlich


 
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