Neue Ausstellung Fundstücke aus dem KZ Dachau: Vom Dunkeln ans Licht

Gabriele Hammermann und Albert Knoll in der neuen Ausstellung der Gedenkstätte. Foto: Petra Schramek

Löffel, geflickte Schuhe, rostiger Stacheldraht: Eine Ausstellung in der Gedenkstätte in Dachau zeigt 100 Funde aus archäologischen Grabungen, die viel über den Alltag der Häftlinge in den KZ-Außenlagern in München erzählen.

 

München - Eine improvisierte Reibe sorgt für Gänsehaut: Ein Häftling hat sie aus einem Stück Weißblech gehämmert. Wofür war sie gut? Dieser archäologische Fund macht klar, wie groß der Hunger gewesen sein muss. Im KZ-Außenlager Allach im Münchner Norden. "Solche Reiben dienten Häftlingen in Feldmoching zum Zerkleinern von Wurzeln und Kräutern", erklärt Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Wo sie konnten, rupften die Inhaftierten Grünzeug aus – um Vitamine zu bekommen.

Fundstelle: Früher Konzentrationslager, heute Wohnsiedlung

Die verbogene Raspel gehört zu den 100 Fundstücken aus der archäologischen KZ-Grabung in Feldmoching. Das Ausgrabungsstück ist Teil der berührenden Ausstellung "Zeitspuren", die ab Montag in der KZ-Gedenkstätte Dachau zu sehen ist. Einen Container Material, rund 1.000 Funde, haben die Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege 2016 und 2017 in Feldmoching aus der Erde gebuddelt: darunter Reste vom Lagerzaun, einen Stahlhelm und den Hörer eines deutschen Feldtelefons. Auch Kämme und Zahnbürsten sind erhalten, die den Zwangsarbeitern gehörten. Das Areal, auf dem das Konzentrationslager war, ist heute die Wohnsiedlung Ludwigsfeld.

Vom Dunkeln ans Licht: In zwölf Schaukästen sind die Funde aus der Erde ausgestellt, dazu gibt es Info-Tafeln, Filmmaterial und Interviews mit Überlebenden. Besucher spüren so etwas vom Alltag, der Not, der Willkür und der Gewalt, der insgesamt 20.000 Männer und Frauen in Feldmoching während des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt waren. Auch die Zeit nach der Befreiung des KZ am 30. April 1945 wird beschrieben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die US Army das Lager. Davon zeugen gefundene Coca-Cola-Flaschen und Kondomverpackungen. Das untersuchte Grundstück, früher das OT Lager (auch Judenlager genannt), ist in den 50er Jahren einfach mit Asphalt zugepflastert worden. Wo die KZ-Holzbaracken waren, arbeitete dann ein Schrotthändler mit der Adresse Granatstraße 12. Danach löste ihn ein Verkäufer von Gebraucht-Lkw ab. 1952 hatte die Stadt München der Hauptteil des KZ bereits mit 650 Wohnungen der "Siedlung Ludwigsfeld" überdeckt. Ein Bauvorhaben, aus Bundesmitteln finanziert.

Zeitzeugen-Aussage führt zur Entdeckung einer Grabstelle

Warmes Essen bestand im Außenlager Allach aus einer Suppe von "Steckrüben mit Brennnesseln" berichtet der polnische Zeitzeuge Edward in einem Video. Als ihm seine Schüssel gestohlen wird, wird ihm die Suppe in die Mütze geschöpft, aus der sie zu Boden tropft, erzählt er.

Viele der Zwangsarbeiter schufteten auch als Arbeitssklaven für BMW, etwa Max Mannheimer. Er war als junger Mann im KZ Allach interniert. Der Münchner Jude wusste von einem Massengrab auf dem Gelände, nahe der früheren Krankenbaracke, das er gesehen hatte. Weil die Siedlung Ludwigsfeld bald mit Neubauwohnungen nachverdichtet werden soll, hat das Landesamt für Denkmalpflege in zwei Grabungen 2016/17 das verdächtige Grundstück Granatstraße 12 aufwendig untersucht. Eigentümer ist heute Hirmer.

Im Norden des ehemaligen Judenlagers stießen Archäologen 2017 tatsächlich auf zwölf Skelette. "Alle hatten schwere Verletzungen, wie Knochenbrüche", erzählt Hammermann: "Ihre Rippen- und Oberarmbrüche zeugen davon, dass die Misshandlungen der SS schwerwiegend waren", sagt sie.

Gedenkstein für die Grabstelle?

Das Kriegsende ist 75 Jahre her. Kinder hatten beim Spielen in der Siedlung Ludwigsfeld immer wieder menschliche Knochen gefunden, berichtet Anwohnerin Anusch Thiel (72). Über mögliche Massengräber im Boden unter den Wohnhäusern der Siedlung Ludwigsfeld war jahrzehntelang spekuliert worden. 1955 hat das französische Ministerium für Kriegsopfer 111 Tote von dem früheren Lagergrund exhumiert. Sie sind auf dem KZ-Ehrenfriedhof am Leitenberg beerdigt. "Die zwölf Skelette, die 2017 ausgegraben wurden, waren dabei vermutlich übersehen worden", wird auf einer Info-Tafel erläutert. Im Dezember 2017 sind diese KZ-Opfer auf dem Dachauer Waldfriedhof bestattet worden.

Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, hofft, dass die Stadt München der entdeckten Grabstelle in der Siedlung Ludwigsfeld einen Gedenkstein stiftet. Rein theoretisch kann das von den Archäologen "gesäuberte" Areal ab sofort zu Bauland werden – ein hoch sensibles Projekt. Inzwischen gibt es den Vorschlag, auf dem Grundstück des ehemaligen Judenlagers eine Grundschule zu bauen.

Bebauung des Areals: "Wir leben hier auf blutigem Boden"

Überlebende des Lagers, ihre Angehörigen und ein Teil der Einwohner von Ludwigsfeld halten eine Bebauung dieser "befleckten" Erde für "pietätlos". Wie die Ludwigsfelderin Anusch Thiel vom örtlichen Kulturverein K.U.G.E.L: "Wir leben hier auf blutigem Boden. Auch wenn München neue Wohnungen braucht. Ludwigsfeld ist der falsche Platz dafür. Ich wünsche mir einen Gedenkort für das Konzentrationslager. Alles andere ist unwürdig."

Ein Relikt aus der NS-Zeit auf dem Gelände ist bewusst zerstört worden: Die Archäologen hatten bei ihrer Flächengrabung einen unterirdischen Bunker freigelegt: einen gemauerten Splitterschutzgraben. Wieso blieb der nicht erhalten? Albert Knoll von der KZ-Gedenkstätte Dachau vermutet: "Um das Areal benutzbar zu machen, für die Zukunft."


Die Sonderausstellung "Zeitspuren" ist täglich von 9 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei (KZ Gedenkstätte Dachau, Römerstr. 75).

Lesen Sie hier: Münchner zerstören Nazi-Statue an der Feldherrnhalle

Lesen Sie hier: Als im Dachauer KZ eine tödliche Seuche ausbrach

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading