Neu in den Kammerspielen "América" nach dem Roman von T.C. Boyle - die AZ-Kritik

Mitwählen dürfen wir zwar nicht, aber immerhin macht Donald Trump jetzt schon Wahlkampf in den Kammerspielen. Foto: Kneffel/dpa

„América“ von Stefan Pucher nach dem Roman von T. C. Boyle in der Kammer 1 der Kammerspiele

 

Zur Halbzeit der pausenlos gespielten 160 Minuten entern Bühnenarbeiter den Saal und schlagen eine Schneise in die Sitzreihen. Um Platz für die schick mit Terrakotta geflieste Abgrenzung zu schaffen, müssen allerdings einige Zuschauer „umgesiedelt“ werden. Für den Rest des Abends mimen die Umsiedler im hinteren Teil der Bühne die Gäste des Restaurants „Le Coyote“ und müssen während der Umbaupause auch Texte vorlesen, um die Handlung weiter zu erzählen.

Es wird einiges erzählt, berichtet und monologisiert in dieser Adaption des Romans „América“ von T. C. Boyle, denn Regisseur Stefan Pucher hatte bei der Anfertigung seiner Fassung für die Kammerspiele den Ehrgeiz, möglichst viel von den 400 Seiten über die Rampe zu bringen.

An der Grenze zu Mexiko

Im Jahr 1995 verärgerte Boyle seine Landsleute mit seiner Darstellung von zwei Mal Leben unweit des „Tortilla Curtain“ (so der Originaltitel), durch den Einwanderer illegal aus Mexiko in die USA einwandern: Hier die geschäftstüchtige Kyra und der verträumte Delaney im bald von einer Mauer geschützten Wohnpark am Rand von Los Angeles, dort die 16-jährige América und ihr Freund Cándido aus Mexiko, die im nahen Canyon unter schlimmsten Bedingungen vegetieren müssen.

Für einen kurzen Moment krachen die gegensätzlichen Existenzen buchstäblich aufeinander: Während der Fahrt zum Altglascontainer fährt Delanay Cándido an, bringt den Verletzten aber nicht zum Arzt, sondern steckt ihm 20 Dollar zu. Das schlechte Gewissen nagt danach am Idealisten so lange, bis es am Ende seinen rassistischen Kern bloßlegt. Pucher belässt die Handlung ausdrücklich in ihrem Entstehungsjahr 1995 und lässt referieren, was damals sonst noch geschah: In Bayern, zum Beispiel, stritt man um Kruzifixe in Klassenräumen oder die Öffnungszeiten von Biergärten.

Das Kontinuum zwischen damals und heute stellen Fernsehbilder von Donald Trump her, der über Mauern gegen die Verbrecher und Vergewaltiger aus Mexiko deliriert, und Kyra plappert etwas von „Obergrenze“, als hätte sie eine Horst-Seehofer-Erscheinung gehabt. Diese Behauptung von Aktualität hätte es nicht wirklich gebraucht. Für jene, die die gegenwärtige Nachrichtenlage nur halbwegs im Kopf haben, ist der Zusammenhang mit Europas heutigen Flucht-Szenarien selbsterklärend.

Trocken wie die Wüste

Zu den Qualitäten von Puchers Inszenierung gehört dennoch der sowohl die Zeiten als auch die Räume übergreifenden Blick auf die Figuren, die ihre Selbstreflexion bis in ihre eigene Zukunft treiben können. Zunächst aber werden América (Sylvana Seddig) und Cándido (Gonzalo Cunill) auf Distanz gehalten: Auf der Bühne von Barbara Ehnes werden sie getrennt voneinander in Glaskästen ausgestellt wie exotische Tiere in den Dioramen eines Naturkundemuseums.

Dieses eher beobachtende Konzept überträgt sich nicht immer zugunsten der Dynamik auf die gesamte Spielweise. Wiebke Puls schießt ihre Kyra emotionssparend locker aus der Hüfte, und Jan Bluthardt hat keine Gelegenheit, die Entwicklung vom entrückten Naturschwärmer zum mordbereiten Hassbürger zu spielen. Das spektakuläre Finale, das Boyle in seiner Worst-Case-Dramaturgie der schlimmstmöglichen Wendungen in einer apokalyptischen Abfolge von Feuersbrunst und Erdrutsch spielen lässt, bleibt bei Pucher so trocken wie die nahegelegene Mojave-Wüste.

Münchner Kammerspiele (Kammer 1), 16., 29. Mai, 19 Uhr; 21. Mai, 17. Juni, 19.30 Uhr; 7. Juni, 20 Uhr; 19. Juni, 15 Uhr; Karten unter Telefon 233 96 600

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