Neu im Kino "Wild Rose": Junger Blues

Nach einem Jahr im Knast ist Rose-Lynn (Jessie Buckley) nicht mehr gern gesehen, aber sie geht ihren Weg. Foto: eOne Germany

Tom Harpers "Wild Rose" ist ein mitreißendes Drama um eine junge Frau aus Glasgow und ihren Countrymusic-Traum.

 

Wer Country-Musik im Blut hat, den treibt es nach Nashville, dem Mekka des Sounds von Johnny Cash oder Dolly Parton. Auch Rose-Lynn träumt davon, dort als Countrysängerin entdeckt zu werden und Karriere zu machen. Dabei stehen die Ampeln eher auf sozialen Abstieg. Denn die 23-Jährige kommt nach einem Jahr aus dem Gefängnis, ihre Mutter (Julie Walters) hat sich um die zwei Kinder im Grundschulalter gekümmert und verlangt jetzt Verantwortung von der Tochter.

Doch die tingelt lieber durch angeranzte Glasgower Clubs und versucht durch einen Putzjob Geld für ihren USA-Trip zu sparen. Erst am Sehnsuchtsort in Tennessee, wo Visionen und Hoffnungen vieler zerschellen, erkennt sie, dass Muttersein und künstlerische Selbsterfüllung vielleicht kein Gegensatz sein müssen, dass sie sich treu bleiben kann.

"Wild Rose": keine Klischees

Countryfan Tom Harper serviert als Regisseur nicht die typische Story vom erfolgreichen Underdog, der alle Widerstände überwindet. Auch vermeidet er Klischees, legt Wert auf erzählerische und stilistische Stärke.

Das raue und doch faszinierende Glasgow, beeindruckend fotografiert von George Steel, ist das harte Terrain, auf dem sie sich die Kratzbürste erst einmal beweisen muss.

Der Herzschlag dieser Stadt ist auch der ihrige, wenn sie für ihre Musik brennt und couragiert, manchmal auch rücksichtslos in Cowboystiefeln durchs Leben stapft. Ihre Verwundbarkeit kaschiert sie durch aggressives Verhalten. "Drei Akkorde und die Wahrheit" lautet ihre Maxime, ein Zitat des Country-Songschreibers Harlan Howard.

"Wild Rose": menschlich und mitreißend

Ohne Zeigefinger weist Harper auf Risse in der Gesellschaft hin: Rose, ein schottisches Working Girl, und ihre Chefin, eine wohlhabende Hausfrau, die sie unterstützen will, trennen – trotz Freundschaft – Welten, obgleich beide aus ihren Zwängen ausbrechen möchten. Auch wenn sich das Happy End andeutet, zeichnet Harper konsequent das Porträt seiner chaotischen und eigenwilligen, nicht immer sympathischen Heldin, die nur beim Singen mit sich im Reinen ist, nur durch die Ehrlichkeit der Country-Musik Gefühle äußern kann.

Allein das ungeschliffene Energiebündel Jessie Buckley und ihre charismatische Stimme, Frische und Direktheit, mit der sie die Rolle an sich reißt und jeden Song mit Temperament raushaut, sind sehenswert. Die Geschichte in bester englischer Tradition über den Willen, die eigenen Möglichkeiten zu überschreiten wie "The Full Monty" oder "Billy Elliot", langweilt nicht eine Sekunde. Die irische Schauspielerin erinnert an die anarchische Wucht einer Janis Joplin. Ein menschliches und mitreißendes Drama.


Kino: Rio (auch OmU) sowie City, Monopol (OmU), Museum (OV)

R: Tom Harper 

(GB, 101 Min.)


 
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