Neu im Kino Til Schweiger über seinen Film "Die Hochzeit"

„Wie Teenies“, wird gleich ihre Tochter sagen! Sechs Uhr morgens in der Küche: Stefanie Stappenbeck und Til Schweiger in seinem Film „Die Hochzeit“. Foto: Warner

Til Schweiger erzählt zum Filmstart von "Die Hochzeit" über seinen Umgang mit Kritik und wie seine Filme den Zeitgeist spiegeln

 

Nach "Klassentreffen 1.0" wird jetzt die Geschichte dreier alter Freunde weitergedreht: Star-DJ Thomas (Til Schweiger) und seine Freundin wollen jetzt heiraten. Aber seine Stimmung ist verhagelt, weil sein neues Album verrissen wird. Zeitgleich gerät die Ehe ihres besten Freundes (Samuel Finzi) bedrohlich ins Wanken, als er herausfindet, dass seine Frau einen One-Night-Stand hatte. Derweil stürzt sich der Dritte (Milan Peschel) nach der endgültigen Trennung von seiner Tanja (Jeanette Hain) ins Single-Leben, als die drei zu einer Beerdigung müssen, nach der vieles wieder ganz anders aussieht. "Die Hochzeit" kommt am 23. Januar in den Kinos.

AZ: Herr Schweiger, wenn man "Die Hochzeit" sieht, hat man den Eindruck, dass auch viele persönliche Geschichten eingeflossen sind.
TIL SCHWEIGER: Das ist beim Schreiben immer so, selbst wenn man einen vorgegebenen Stoff hat. Und bei mir sind das eigentlich immer die Themen: Freundschaft, Liebe und Familie. Und dabei muss es nicht konventionell zugehen.

Im Film sagen Sie den Satz, dass es nur eine "überschaubare Zahl von Menschen gibt, die es gut mit einem meinen". Das lässt auf kein allzu großes Vertrauen in den Menschen schließen.
Ja, das ist meine Erfahrung, weil man mir nachsagt: "Til, Du bis viel zu offen, Dich kann man immer gut lesen." Das macht einen natürlich auch verletzlich und leicht zum Opfer für Leute, die das ausnutzen. Aber obwohl es mehr Menschen gibt, die einem nicht wohl gesonnen sind, darf man nicht zynisch werden. Die Kunst besteht also darin, trotzdem offen zu bleiben, um die wenigen zu finden, die anders sind. Und das kommt ja auch im Film vor, als Milan Peschel nach vielen Enttäuschungen sagt: "Lieber einsam glücklich, als zu zweit unglücklich." Aber das hebelt eine Frau aus, indem sie sagt: "Einsam glücklich? Wie soll das denn gehen?" Und: "Wenn Du niemanden mehr an Dich ranlässt, wirst Du halt sehr einsam sterben." Aber ich bin in meinen Filmen großzügiger in meinem Weltbild als in meinem Leben. Ich will letztlich ein positives Weltbild vermitteln, kein nihilistisches und liebe auch die "Arschlöcher" in meinen Filmen und begegne ihnen mit Sympathie.

Und wer darf Sie kritisieren?
Meine Eltern, meine Freunde und meine Kinder. Besonders die trauen sich das. Und alle meine Schauspieler dürfen mitreden, wenn ihnen etwas nicht gut genug erscheint. Ich spiele mir natürlich alle Dialoge beim Schreiben im Kopf selbst vor – und die entscheidende Frage ist: Klingt das natürlich? Es ist eben nicht immer so, dass das, was sich auf dem Papier gut liest, auch gespielt gut klingt. Aber ich habe das Glück, dass Schauspieler mir oft sagen: "In Deinen Dialogen fühle ich mich sehr wohl."

Seit Jahren hadern Sie auch mit den Kritikern der Presse, was im Film lustig verarbeitet ist: Zum Beispiel sagen Sie als Dance-DJ Thommy, der gerade ein neues Album rausgebracht hat, sie läsen keine Kritiken mehr. Dann aber schauen Sie beim Sex dauernd heimlich auf ihr Handy, um die neuen Kritiken zu lesen.
Das ist mir selbst jetzt noch nicht passiert. Ich habe früher immer alles gelesen und habe mir das seit rund sechs Jahren abgewöhnt. Das Problem ist ja, die Kritiken kommen, wenn der Film fertig ist und ich ihn nicht mehr verändern kann. Ich bin enttäuscht, wenn über Jahre e Hunderte mit Engagement an einem Filmprojekt gearbeitet haben und dann geht ein Kritiker für zwei Stunden ins Kino und rotzt in einer Stunde einen Verriss hin. Aber das ist ein Missverhältnis, das man nicht ändern kann. So habe ich seit 2007 beschlossen, wenigstens den Film als mein Baby möglichst lange zu schützen, wie ich es kann und erst zum Starttag kritisieren zu lassen und nicht vorher schon zum Abschuss freizugeben.

Ihre amerikanische Version von "Honig im Kopf – Head full of Honey" ist daran gescheitert.
Ja, absurderweise. In den USA sind wir nur in vier Kinos gewesen, um bei den Oscars und Golden Globes mitmischen zu können, aber eben unter dem Radar der normalen Kinowahrnehmung. Es gab dann auch nur drei Kritiken, die absurderweise behauptet haben, ich würde mich über die Krankheit Alzheimer lustig machen, dabei ist das Gegenteil der Fall, wie jeder sehen kann. Aber nach nur einer Woche war der Film also schon wieder weg, keiner hat ihn gesehen und konnte für eine Nominierung stimmen. Und dann hieß es schon vor dem deutschen Start: "Riesen Flop!" Und man hat die Box-Office-Zahlen von 16 000 Dollar mit Filmen verglichen, die mit tausenden Kopien gestartet sind und 40 Millionen Dollar gemacht haben. Da war der Film tot, bevor er gestartet ist. Und ich war am Boden zerstört.

Wie richtet man sich da wieder auf?
Indem ich mir wieder bewusst wurde, was das für eine tolle Zeit mit den Schauspielern in den USA war. Und das kann uns allen niemand nehmen.

Im Film "Die Hochzeit" aber fällt der Satz: "Alle Künstler sind Nutten", wenn es um den Umgang mit der Presse und PR geht.
Das ist ein lustiger Satz für den Film, aber der gilt nicht für mich. Und im Film nimmt sich Thommy ja auch das künstlerische Recht heraus, seinen Stil zu ändern – hin zu Liebesliedern. Das muss man sich herausnehmen, weil man als Künstler nur gute Kunst machen kann, wenn man bei sich ist. Und dann muss man halt hoffen, dass das eine größere Zahl an Menschen auch gut findet. Die Idee, wie in Hollywood, mit Algorithmen und Computeranalysen einen perfekt marktgängigen Film zu entwerfen, scheitert, wenn er genau darauf achtet, das alle Ethnien vertreten sind, er durch die Zensur in China kommt, weil das ein großer Markt ist. Das funktioniert alles nicht, wirkt steril.

Was beeinflusst den Erfolg an der Kasse am stärksten?
Das wichtigste ist die gute Geschichte, nicht der Star! Dann ein guter Trailer und ein guter Starttermin, also nicht in der Nähe eines Hollywood-Staubsaugerfilms, der dann alle Leinwände blockiert. Aber wenn man im Frühjahr oder Sommer startet, kann auch der Todesstoß sein, dass es eine lange Schönwetterperiode gibt oder gar den ersten schönen Frühlingstag. Dann – und dann scheitern so viele gute Filme – braucht man eben auch einen potenten Verleih, der den Film mit Marketing bekannt machen kann. Und ein Film muss den Zeitgeist treffen.

Wenn man in hundert Jahren, den Zeitgeist der Zeit nach der Jahrtausendwende anhand von erfolgreichen Filmen analysiert: Was sagen da Ihre Filme über uns heute?
Uff. Das ist schwer! Aber zum Beispiel: Wir sind die erste Generation, die von ihren Kindern lernt, und nicht umgekehrt, weil Kinder die neue Technik viel selbstverständlicher beherrschen. Ich bin mit 13 vielleich nicht mehr mit dem Bobbycar um den Weihnachtsbaum rumgefahren, aber heute wissen 13-Jährige aus dem Internet alles, vom Sex angefangen. Ich weiß gar nicht, ob das gut ist. Aber Kinder sind heute viel weiter, selbstbewusster und damit selbstverständlicher gleichberechtigt in die Entscheidungsprozesse in einer Familie einbezogen.

Wobei die klassische Familie ja in Ihren Filmen gar nicht mehr oft vorkommt.
Das ist vielleicht der zweite Zeitgeist-Punkt meiner Filme: die Patchworkfamilie als Modell, wie in "Kokowääh", wo gezeigt wird, dass man auch ein Kind lieben kann, wenn man erfährt, dass es nicht von einem selbst ist. Und bei mir sind Frauen und Männer gleich stark.
 


 
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