Neu im Kino "Lindenberg! Mach dein Ding": Das pralle Leben

Vor dem Auftritt: Jan Bülow (links) als Udo Lindenberg, Detlev Buck als Plattenmanager. Foto: Gordon Timpen/DCM

Der wunderbare Film "Lindenberg! Mach dein Ding" von Hermine Huntgeburth erzählt von den frühen Jahren des Deutschrockers.

 

Wie er immer wieder dasteht mit diesem Blick zwischen verschüchtert, verstört und Ich-gehöre-gar-nicht-hierher. Dieser Udo lebt in seiner eigenen Welt, geht seinen Weg in seinem Tempo. Vieles passiert ihm einfach, und er weiß es für sich zu nutzen. "Lindenberg! Mach dein Ding" heißt denn auch der großartige Film von Hermine Huntgeburth über die frühen Jahre des Deutschrockers.

Jan Bülow ist nicht der erste Schauspieler, auf den man bei der Besetzung kommt – und doch kann man sich nach wenigen Minuten keinen anderen in dieser Rolle vorstellen. Er macht das toll! Die größte Leistung ist es wohl, dass er nie in die Parodie hineinrutscht. Vor allem wird hier nie das Udo-Nuscheln praktiziert, das in den frühen Jahren aber ohnehin noch nicht so ausgeprägt war.

Lindenberg klaut sich die Sprache von den Nazis zurück

Und die Parodie ist, vermutlich auch für die Regie, die größte Gefahr bei einem Künstler, der über viele Jahre als Kreativer von der Bildfläche verschwunden war und vor allem als seine eigene Karikatur am Leben gehalten wurde – und den bis heute jeder drittklassige deutsche Kabarettist draufhat. Dann kam 2008 das fulminante Comeback mit "Stark wie Zwei", seitdem ist Udo Lindenberg ohnehin unantastbar.

Der Film (Drehbuch: Alexander Rümelin, Christian Lyra, Sebastian Wehlings) erzählt das Leben Lindenbergs von der Kindheit bis zum ersten großen Erfolg mit "Hoch im Norden".

Charly Hübner  als Vater Lindenberg

Er beginnt mit einer herzzerreißenden Szene: Vater Lindenberg (Charly Hübner) steht mitten in der Nacht betrunken auf dem Wohnzimmertisch und dirigiert zur Musik von der Schallplatte. Seine Kinder wurden eigens geweckt, um ihm zu applaudieren. Dirigent, das war zwar ein Traum des Vaters, aber, das bläut er seinem Sohn Udo stets ein: "Wir Lindenbergs werden Klempner!"

Udo aber entdeckt im grauen westfälischen Gronau das Schlagzeug für sich – und zieht mit einigem Talent und Lust aufs Leben in die weite Welt hinaus: Hamburg! Wir sehen Udo, wie er in den frühen 70ern durchs Hamburger Nachtleben streift, die spießige Enge der 60er- und 70er-Jahre-Wohnungen eintauscht gegen versiffte Matratzenlager – und das pralle Leben!

Paula aus St. Pauli und die Frau mit dem Cello

Wir treffen im Film auf einige schöne und schillernde Menschen, die fester Bestandteil des Lindenberg-Kosmos sind: "Paula aus St. Pauli, die sich immer auszieht." Oder auch die Frau mit dem Cello, die eigentlich eine Schwimmerin und Udos großer Jugendschwarm war. Und das "Mädchen aus Ost-Berlin", an das Udo bei einem Besuch jenseits der Grenze sein Herz verlor. Und wenn auch die Liebesversuche stets scheitern, einen Liedtext geben sie immer noch her.

Tatsächlich: Udo sang auf Deutsch! Und das in einer Zeit, als Rockmusik fast nur eine Sprache kannte: Englisch. Wer mit Grönemeyer und Westernhagen aufgewachsen ist, vergisst ja gerne mal, dass Udo Lindenberg sich damals noch anhören musste, in der Sprache "der Täter" zu singen! Udo aber ruft: "Klau’n wir uns die Sprache von den Nazis zurück!"

Keine schlichte Hymne auf Udo Lindenberg

Udo sucht sich seine Band zusammen und stellt klar: "Ich bin der Kapitän!". Er trinkt sehr viel Alkohol – und macht sein Ding. Der Film ist keine schlichte Hymne auf Udo Lindenberg, dazu ist der Sänger oft genug gar nicht sympathisch genug. Vielmehr ist "Lindenberg!" der Appell, sich nicht zu verbiegen, auch wenn die Plattenfirmen das noch so sehr wollen.

Der Weg, den man als Udo Lindenberg geht, führt vielleicht nicht geradeaus, aber eben doch zum Ziel. Einer der Umwege bei Udo Lindenberg war übrigens Libyen, wo er als erfolgreicher Jung-Schlagzeuger für die US-Soldaten spielte, eine der Schlüsselszenen des Films.

Starbesetzung: Detlev Buck, Max von der Groeben, Ruby O. Fee ...

Detlev Buck ist großartig als Plattenmanager Mattheisen. Überhaupt: Das Ensemble. Da fährt der Film ein wundervolles Personal auf: Charly Hübner und Julia Jentsch als Lindenberg-Eltern, Ruby O. Fee als St.-Pauli-Paula, Saskia Rosendahl als Petra aus Ost-Berlin, Ella Rumpf als Susanne aus dem Schwimmbad. Und dann die Band, allen voran Max von der Groeben als Udos Dauer-Kumpel Steffi Stephan.

Und was tut man gleich nach dem Kinobesuch? Man beeilt sich, tiefer in den Kosmos Lindenberg einzutauchen, in dem man offenbar viel übersehen hat, und sich durch die frühen Alben des so verträumten wie hartnäckigen Meisters zu hören, von deren Entstehungszeit "Mach dein Ding" auf ganz wundervolle Weise erzählt, so berührend wie lustig wie erhellend.


R: Hermine Huntgeburth (D, 135 Minuten)

Kinos: Arri, City-Atelier, Gloria, Solln, Leopold, Mathäser


 
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