Neu im Kino Heiner Lauterbach über „Enkel für Anfänger“

Teilzeit-Opa Gerhard (Heiner Lauterbach) spricht Viktor Mut zu. Foto: Studiocanal/Wolfgang Ennenbach

Heiner Lauterbach redet im AZ-Interview über toxische Männlichkeit, Glück und Zufall und sein Faible für starke Frauen

 

In Wolfgang Groos‘ schwarzhumorigem Generationenfilm „Enkel für Anfänger“ machen drei Rentner als Leih-Oma und Leih-Opa ihre Erfahrungen mit „Paten-Enkeln“ und dem ganz alltäglichen Familienwahnsinn, mit Chaos und emotionalen Turbulenzen. Neben Maren Kroymann und Barbara Sukowa glänzt Heiner Lauterbach als bissig-witziger Oldie mit Charmefaktor. Im Gespräch ist der 66-Jährige entspannt und gut gelaunt und steht zu seinem bewegten Leben.

AZ: Herr Lauterbach, was mochten Sie an der Figur des Leih-Opas?
HEINER LAUTERBACH: Mir gefiel sofort der spezielle Sarkasmus im Drehbuch. Man konnte schon absehen, das wird keiner dieser klassischen Feelgood-Filme, sondern hier wird gegen den Strich gebürstet. Und die Rolle ist einfach schön: ein alter mürrischer und etwas misanthropischer homosexueller Mann, ausgestattet mit einem trockenen Humor, der dann am Schluss etwas aufgebrochen wird.

Könnten Sie so eine Patenschaft übernehmen?
Unbedingt. Die Idee ist vielleicht nicht neu, aber reizvoll. Eine Win-Win-Situation. Die alten Leute haben eine Aufgabe, in der sie aufgehen und für die Kinder sind Großeltern doch fantastisch. Ich bin selber Großvater und habe mich sehr darauf gefreut. Es ist wunderbar, kleine Kinder um sich zu haben, die man nicht erziehen muss, sondern verwöhnen, regelrecht verziehen kann.

Zu Beginn sagt Maren Kroymann: „Die Wirklichkeit ist beige“. Altern hört sich da nicht spannend an. Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
Was ist die Alternative? Über unumstößliche Dinge mache ich mir keine Gedanken. Man muss immer das Positive in der Situation betrachten. Das Altwerden hat auch gute Seiten. Klar, wenn der Körper langsam zerfällt und die alltäglichen Zipperlein zunehmen, ist das nicht angenehm. Aber mit den Jahren eine gewisse Reife und Weisheit zu erlangen, eine Gelassenheit und eine andere Sicht auf bestimmte Dinge, das ist doch erfreulich.

Sie können auf ein bewegtes Leben zurückblicken, galten als taffer Typ und „Vorzeige-Macho“. Sind Sie im Nachhinein froh, dass sie es haben krachen lassen oder kommen Ihnen manchmal Zweifel?
Sowohl als auch. Grundsätzlich bin ich froh, viel erlebt zu haben. Ich habe auch nichts anbrennen lassen, wie es so schön heißt und mein Leben gelebt, sodass ich mich jetzt völlig entspannt zurücklehnen kann in dem Bewusstsein, nichts versäumt zu haben. Andererseits hätte ich vielleicht etwas früher mit diesem exzessiven Leben aufhören können, das wäre noch besser gewesen. Aber alles in allem war es gut so. Das Timing ist wichtig. Wann hört man womit auf, wann fängt man womit an?

Reizt es Sie nicht, mal wieder durch die Nacht zu ziehen?
Nein. Das hat das Leben so eingerichtet, dass die Physis auch ruhiger wird. Ich fand es immer schon schrecklich, wenn alte Männer auf jung machen, in Diskotheken hängen oder auf Rollerblades herumfahren. Alles zu seiner Zeit. Man sollte in Würde altern. Das heißt nicht, in Demut zu versinken oder sich wie eine graue Maus zu kleiden.

Der eitle Erfolgstyp in „Männer“ verpasste Ihrer Karriere einen Riesenschub, es folgten Kinohits wie „Rossini“ oder „Superweib“, im Fernsehen punktete „Der Schattenmann“. Waren diese Männerfiguren dem Zeitgeist verhaftet oder haben sie ihn überdauert?
Es gibt Filme, die sind etwas zeitlos, andere haben ein Verfallsdatum. „Männer“ gefiel mir damals sehr gut, aber man merkt heute, dass er von 1985 stammt, vom Filmischen und von der Machart her. Bei „Rossini“ ist das weniger der Fall. Das hat aber nichts mit der Qualität des jeweiligen Films zu tun.

Was halten Sie von der Genderdiskussion und der Debatte um „toxische Männlichkeit“, also weg mit dem alten Rollenverständnis, zu dem es gehörte, Schwächen oder Gefühle zu kaschieren, weg mit Bier trinkenden Männergruppen, die gemeinsam Fußball schauen…
Eine generelle Aussage, wie ein Mann damit umgehen soll, wage ich nicht. Ich verhalte mich so, wie ich mich empfinde. Mir kann niemand verbieten, mit anderen gleichgesinnten Männern Fußball zu gucken. Da kann auch eine Frau dabei sein, wenn sie sich für Fußball interessiert. Ich hasse auch Männer, die nur blöde Kommentare abgeben und dazwischenquatschen. Und wenn ein Mann Dutt auf dem Kopf oder Ziegenbärtchen tragen will, lass‘ ihn doch. Frauen, die darauf scharf sind, sollen sich die Typen nehmen, wenn es ihnen gefällt. Komisch, dass wir über den Bau von Unisex-Toiletten reden, den Berliner Flughafen aber nicht gebacken kriegen. Vielleicht sollten wir uns alle mal wieder aufs Wesentliche konzentrieren.

Sie mögen starke Frauen…
...ich finde starke Menschen überhaupt toll, wenn sie ihre Stärken ausleben, an Grenzen gehen, Verantwortung übernehmen. Es gibt besonders interessante Berufe, ein Schachweltmeister oder Rennfahrer beeindrucken mich. Oder Frauen im Cockpit eines Riesenjumbos, bei der Feuerwehr oder Polizei. Das imponiert mir, heißt für mich Emanzipation. Schon seit über 30 Jahren halte ich Frauen für die besseren Politiker. Wenn man alte Filme oder Werbung sieht, ist es schon gespenstisch, wie mit Frauen umgegangen wurde. Da verstehe ich die aufgestaute Wut und den Willen nach mehr Geschlechter-Gerechtigkeit. Und keine Frage: Frauenbelästigen ist eine Riesensauerei.

Müssen Frauen im Filmgeschäft durchsetzungsfähiger, besser und stärker sein als ihre männliche Konkurrenz?
Ich glaube nicht. Man muss sich in vielen Berufen mit Ellenbogen durchsetzen, egal ob Mann oder Frau. Ich hoffe, dass im Filmgewerbe letztendlich auch die Qualität entscheidet.

Sie sind seit kurzem Honorarprofessor im Schauspielzweig der Hochschule Macromedia. Was antworten Sie, wenn die Studenten nach Ihrem speziellen Erfolgsrezept fragen?
Mein Standardsatz lautet: Viele Wege führen nach Rom. Es gibt keine Standardlösung. Eine Begabung für die Schauspielerei ist an sich schon Glück. Nichts anderes. Dafür habe ich ja nichts getan. Retrospektiv betrachtet, gab es viele glückliche Zufälle, die mich einen Schritt weiter geführt haben. Es mag desillusionierend klingen, aber jeder ist auf sein Glück angewiesen.

Von „Der Fall Collini“ abgesehen, haben Sie in letzter Zeit verstärkt Komödien gedreht wie „Willkommen bei den Hartmanns“ oder „Wir sind die Neuen“. Machen die Ihnen mehr Spaß?
Das ist eine Sache von Angebot und Nachfrage. Als Charakterdarsteller versuche ich, ein breites Spektrum zu bedienen, sowohl das Genre zu wechseln als auch das Fach – also Fernsehen, Theater, Kino, Hörspiel oder Synchronisation, ein Buch schreiben, Regie führen oder einen Film produzieren. Das habe ich alles schon gemacht. Ich würde gerne mal in einem heftigen Thriller spielen.

Wenn Sie die 200 Kino- und Fernsehfilme, Serien und Mehrteiler Revue passieren lassen: Was ist Ihr Lieblingsfilm, wo finden Sie sich am besten wieder?
Im Gangsterdrama „Harms“: sehr dunkel, aber schön. Mein Freund Nikolai Müllerschön, der auch Regie führte, und ich haben ihn produziert. Ein sehr wahrhaftiger Film. Der von mir verkörperte „Harms“ ist zwar ein Verbrecher, verfügt aber über eine inzwischen seltene Tugend, über Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Er hält sein Wort. Eine Tugend, die heute Entscheidungsträgern, Politikern oder Bankern fehlt. Dabei sehnen sich die Menschen danach. Jeder kann Fehler machen, aber ich halte es für unabdingbar, dass man zu seinem Wort steht, sich auf das Wort eines Menschen verlassen kann.

 

0 Kommentare