Neu im Kino: "Die Frau des Polizisten" Selbstexperiment des Hinschauens: "Die Frau des Polizisten" - die AZ-Kritik

Philip Gröning: Nach der Mönchsdoku „Die große Stille“ jetzt der Spielfilm „Die Frau des Polizisten“ fordert vom Zuschauer viel, aber es lohnt sich
Wie soll man einen Film bewerten, über den man gegensätzliche Dinge sagen kann, die beide stimmen? Er ist quälend lang und überstilisiert! Und er ist, wenn man den langsamen Rhythmus akzeptiert, ein seltenes Kinoerlebnis, weil man fast nie Menschen so natürlich nahe kommt – und sie dennoch ein Rätsel bleiben, das über den Abspann hinauswirkt! Nach seinen dokumentarischen Drei-Stunden-Exerzitien über ein Schweigekloster („Die große Stille“) hat Philip Gröning wieder drei Stunden lang ästhetische Strenge walten lassen, die im Zuschauerraum Stille erfordert. Es ist die Geschichte einer Kleinfamilie, die in eine Modelleisenbahn-Fachwerkstadt zieht, sauber, nett, beklemmend. Er, ein anfangs ganz sympathischer Kerl, wird hier Polizist. Der Film ist in 60 (!) Kapitel unterteilt, mit Auf- und Abblenden, und schreitet so unheimlich langsam voran. Doch dann geschieht wieder das Gröning-Wunder. Man schaut nach einiger Zeit wie hypnotisiert und sensibilisiert auf die Entwicklung von heiler Familienidylle zum Aufkommen häuslicher Gewalt – und erwartet den Knall. Doch lange sieht man nichts, nur Hämatome auf der Frauenhaut werden sichtbar, dann fällt ihre Magersucht auf, jetzt sieht man auch Schläge und gleichzeitig, wie er selbst an seinen Ausbrüchen verzweifelt, sie sich verzweifelt an ihn klammert, an den, den sie dennoch liebt – und dazwischen die fünfjährige Tochter, die beide lieben, und die kindlich naiv, doch angstvoll versucht, die Liebe der Eltern als Sicherheit zu retten. Der Film folgt wunderbar auch der Kindersicht, zeigt, wie ein Kind sich seine Umgebung erobert, das Haus, den Vorgarten, die Straße, die kleine Stadt, das Land, den kleinen Fluss. Das alles ist genau, intim gezeigt. Am Ende herrscht bei uns Bestürzung, Beklemmung – und Ratlosigkeit. Denn Gröning betreibt keine psychologische Ursachenforschung. Warum tut er das, warum hält sie an ihm fest? Das muss der Zuschauer beim Zuschauen eben selber erkennen und weiterdenken – ein intensives, hartes Experiment. Adrian Prechtel Kino: Monopol B&R: Philip Gröning (D, 170 Min)

 
 

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