Neu im Kino "Der Leuchtturm": Wahn und Wirklichkeit

Wake (Willem Dafoe) behandelt Ephraim (Robert Pattinson) wie seinen Leibeigenen. Foto: Universal International Pictures

"Der Leuchtturm": Dafoe und Pattinson in einem meisterhaften Film zwischen Horror und Psychodrama.

 

Robert Eggers (36) gilt als einer der exzentrischsten Filmemacher seiner Generation. Und das, obwohl er erst einen Langfilm in die Kinos gebracht hat: "The Witch", ein düsteres Hexenmärchen aus Neuengland.

"Der Leuchtturm" ist ein noch extravaganteres, aber auch noch fantastischeres Werk geworden. In "The Witch" ließ der Filmemacher ein Englisch sprechen, wie es im 17. Jahrhundert üblich war; "Der Leuchtturm" wirkt so, als wäre er vor einhundert Jahren gedreht worden.

35mm-Schwarzweißfilm: 

Für die im Jahr 1890 spielende Produktion benutzte Eggers 35mm-Schwarzweißfilm und stattete die Kamera mit alten Linsen aus, wie sie von 1918 bis 1938 geläufig waren. Das ergibt ein fast quadratisches Bild, so wie es die Filmemacher der Stummfilm- und frühen Tonfilmzeit auch nutzten. Stilistisch ist der expressionistische deutsche Film Vorbild.

Eggers erzählt die Geschichte von einem Leuchtturmwärter Wake (Willem Dafoe), der einen neuen Gehilfen geschickt bekommt: Ephraim (Robert Pattinson). Beide Männer sind alleine auf der kleinen, der Küste vorgeschobenen Insel. Wake behandelt seinen Gehilfen wie einen Sklaven, nennt ihn nicht beim Namen und verbietet ihm, den Lichtraum des Leuchtturms zu betreten. Denn das Licht, so Wake, gehöre ihm alleine.

Zwei Männer auf einer einsamen Insel, eingepfercht auf engem Raum, einer wie Kapitän Ahab, der andere ein Holzfäller aus Kanada, der versucht, seinem Leben zu entfliehen. Aber Eggers’ Film ist weit mehr. Er ist metaphorisch, zur Interpretation einladend.

"Der Leuchtturm"- Bedrückende Bilder

"Der Leuchtturm" ist ein Kammerspiel, bei dem man nie sicher ist, wer von beiden verrückt ist oder ob es beide sind. Entsprechend kann man keine Szene voll und ganz als wirklich ansehen. Eggers spielt mit der Form, aber auch mit der Wahrnehmung, zeigt er doch einerseits klar definierte Albträume, nutzt dann aber auch Szenen, die albtraumhaft erscheinen, die Träume sein könnten, die es aber nicht zwangsläufig sein müssen. Man kann "Der Leuchtturm" als Horrorfilm lesen oder als psychologisches Drama.

Die Bilder, die Kameramann Jarin Blaschke schafft, sind bedrückend - auch, weil das fast quadratische Format ein Gefühl der Enge erzeugt. Die Musik tut ein Übriges, um ein konstantes Gefühl der Bedrohung zu erzeugen. Mark Korven arbeitet dabei mit einer Geräuschkulisse, die an ein fast dauernd rufendes Nebelhorn erinnert, das auch Teil der Szenerie ist. Der Übergang zwischen Musik und Ton ist fließend, was zur halluzinierenden Wirkung beiträgt.

Willem Dafoe und Robert Pattinson sind bei alledem auf der Höhe ihrer Kunst: radikal, intensiv.


 
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