Neu im Kino "Der Geburtstag" von Carlos A. Morelli

Anne Ratte-Polle und Mark Waschke in "Der Geburtstag". Foto: Verleih

„Der Geburtstag“ ist ein schwarz-weiß gedrehter Genremix aus Film noir und Familiendrama

 

Ein Tag, den Karrieremann Matthias gerne aus dem Leben streichen möchte: Während er sich auf dem Weg zur Geburtstagsparty von Sohn Lukas durch den dichten Verkehr quält, nervt ihn die Freundin telefonisch mit der Erinnerung an die Premiere am Abend. Bei seiner Exfrau Anna, wo ihn der Siebenjährige schon sehnsüchtig erwartet, stellt er fest, dass er dessen Geschenk vergessen hat, der schnell gekaufte Kuchen ist keine Entschädigung.

Während draußen ein Unwetter tobt und die Horde von Kindern im Wohnzimmer statt im Garten feiert, zoffen sich die Eltern (Anne Ratte-Polle, Mark Waschke) in der Küche. Matthias hat das nächste Vater-Sohn-Wochenende und den versprochenen Zoobesuch verschwitzt. Noch mieser wird die Stimmung, als ein Klassenkamerad von Lukas nicht abgeholt wird, die Mutter nicht zu erreichen ist und Matthias ihn kurzerhand nach Hause fahren soll.

Das ist der Start zu einer surrealen Odyssee durch die Nacht. Carlos A. Morelli entführt in stilisierter Schwarz-Weiß-Bildgestaltung in eine kafkaeske Atmosphäre mit Figuren, die als Metaphern zu verstehen sind, die auftauchen und wieder verschwinden. Mit dem fremden Buben im Schlepptau erkennt der unzuverlässige Teilzeit-Vater im Verlauf der Stunden, wie sehr der eigene Sohn seine Liebe braucht, wie sehr er ihn emotional vernachlässigt.

Retro, aber nicht altmodisch

Der in Berlin lebende Regisseur und Drehbuchautor aus Uruguay, für den „Der Geburtstag“ kein Alltagsdrama ist, sondern „da beginnt, wo das Alltägliche aufhört“, traut sich was. Er liefert keine bunt-gefälligen Bilder, sondern einen Retro-Look, der an die 1950er Jahre erinnert, aber trotzdem nicht altmodisch wirkt.

Der in drei Kapitel aufgeteilte Genre-Mix aus expressionistisch anmutenden Film-Noir-Sequenzen, Familiendrama und Krimi und dazu alptraumhaften Szenen in leeren, fremden Wohnungen, Treppenhäusern oder Hinterhöfen verbreitet ein diffuses Angstgefühl, das urplötzlich durch die Annäherung zwischen Erwachsenem und scheuem Kind aufgebrochen wird.

Man muss nicht alle dramaturgischen Sprünge verstehen bei dieser mit Jazz untermalten nächtlichen Reise im Regen und Nebel, es bleibt offen, ob sich nicht vieles nur in der Fantasie des Mannes abspielt, der plötzlich Verantwortung übernimmt und sich seiner Rolle als Vater bewusst wird. Für Lukas jedenfalls gibt es am nächsten Morgen eine wunderschöne Überraschung.

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