Neu im Kino "Das Vorspiel": Was Leiden schafft

Nina Hoss als selbstzerstörerische Geigerin. Foto: J. Kaufmann/Port au Prince

Passion oder schon Obsession? Nina Hoss im Psycho-Musikdrama "Das Vorspiel".

 

Über Nina Hoss ist eigentlich alles gesagt, jeder Rolle – ob auf Leinwand oder Bühne – verleiht sie eine intensiv-herbe Ausstrahlung, eine versteckte Energie, eine außergewöhnliche Präsenz. Die "Muse" von Christian Petzold ("Barbara", "Phoenix", "Yella") gilt oft als das Gesicht des deutschen Films. Auch als Geigenlehrerin Anna Bronsky in Ina Weisses sensibel inszeniertem Drama zeigt sie fesselnde Schauspielkunst, die das ganze Spektrum abdeckt von Zerbrechlichkeit bis Erbarmungslosigkeit, von Härte bis Verletzbarkeit.

Annas Karriere als Musikerin scheiterte an psychischen Problemen. Nun treibt sie ihren 10-jährigen Sohn (Serafin Mishiev) zum Geigenspiel an und ihm damit die Liebe zur Musik aus. Ersatz findet sie in einem neuen begabten Schüler (Ilja Monti), den sie mit großer Strenge für die Zwischenprüfung vorbereitet und an die Grenze der Belastbarkeit peitscht.

"Das Vorspiel": Kollision zwischen Lust und Destruktion

Sehr fein tariert Weisse die schmale Grenze zwischen Passion und Obsession aus, die Kollision zwischen Lust an Kreativität und gleichzeitiger Destruktion. Es geht weniger um den Eleven, als um die Konfrontation mit sich selbst, mit eigenen Versagungs- und Verlustängsten. Um „ihr“ Geschöpf zu Höchstleistungen anzuspornen, vernachlässigt Anna nicht nur ihren auf die Konkurrenz eifersüchtigen Filius, sondern auch den Mann (Simon Abkarian), der erfolglos die emotionale Mauer zu durchbrechen versucht.

In manchen Szenen enthüllt sich Annas Unsicherheit. So nervt sie beim Restaurantbesuch den Kellner, wenn sie eine an sich einfache Nudelbestellung mehrfach umändert und am Ende den Teller mit ihrem Mann tauscht und Steak isst.

Die sperrige Figur in ihrem Kampf mit inneren Widersprüchen ist keine Sympathieträgerin, auch wenn ihre Zerrissenheit zwischen Mutter, Lehrerin, Künstlerin, Ehefrau und Geliebter Empathie wecken. Gespannt folgt man in diesem vielschichtigen Porträt der Entwicklung eines Menschen mit (selbst-) zerstörerischer Kraft, dessen Gefühlspanzer sich am Ende ein wenig öffnet und nach einem Konzert-Fiasko spät, aber nicht zu spät, das Leben in seiner ganzen Nicht-Perfektion wieder entdeckt.


Kino: City, Monopol, Rex, Rio, Isabella
B&R: Ina Weisse (D, 99 Min.)

 
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