Neu im Kino Christian Petzolds Film „Undine“ - die AZ-Kritik

Franz Rogowski und Paula Beer in Christian Petzolds "Undine". Foto: Verleih/Schramm Film

Christian Petzold hat in seinem Film „Undine“ einen Mythos in die Jetztzeit geholt – das sehenswerte Ergebnis läuft jetzt im Kino

 

Jetzt geht er also doch noch los, der Kinosommer, unter starken Auflagen, aber immerhin darf man die Masken im Kino ausziehen und endlich Filme im richtigen Ambiente sehen. Christian Petzolds „Undine“ gehört auf die große Leinwand, ist nun ein erstes Highlight, das bereits im Februar auf der Berlinale seine Premiere hatte und Hauptdarstellerin Paula Beer einen Silbernen Bären einbrachte.

Und irgendwie passt Petzolds Film zum derzeitigen Dämmerzustand der Pandemie, geht es doch, wie so oft bei Petzold, gerade um jene Dinge, die man nicht ganz sehen kann, die aber dennoch in der Luft liegen, geisterhaft betörend, manchmal gefährlich; um eine Realität, die seltsam unwirklich ist; um Infektionen, sei es, dass die Titelfigur den Mythos, der sie umgibt, nicht los bekommt, oder dass sich die Liebe in die Erzählung einschleicht und sich, schönerweise, nicht mehr abschütteln lässt.

Der Film beginnt mit einer Trennung, einem Mann, der zu seiner Freundin auf (Sicherheits-)Abstand geht. Was diese mit einer Warnung quittiert: Er könne nicht gehen, meint Undine, denn sonst müsse sie ihn töten. So besagt es der alte Mythos, in dem ein weibliches Wasserwesen vom Meer an Land kommt, dort von ihrem Liebsten bitter betrogen wird, worauf sie ihn tötet und ins Meer zurückkehrt.

Der Mythos zersplittert

Petzold hat schon in früheren Filmen wie „Yella“ (2007) oder „Barbara“ (2012) von Frauen erzählt, die sich aus beengten Lebensumständen freischwimmen wollen. Ein Mythos ist dabei natürlich ein äußerst enges, überzeitliches Korsett, das sich kaum sprengen lässt. Undine versucht es trotzdem, auch angefeuert durch eine neue Liebe, die durch das Zersplittern eines Aquariums besiegelt wird. Ihre Zufallsbekanntschaft, der Industrietaucher Christoph, kennt sich aus mit Wasserwesen, begegnen sie ihm doch auch bei seiner Arbeit, wobei er die wahre Natur von Undine zunächst nicht erkennt.

Die hat bei Petzold auch einen ganz weltlichen, urbanen Job: Als Museumsführerin führt sie in Berlin interessierte (unmaskierte) Grüppchen durch weite Innenräume und hält auch mal wegen des Ausfalls einer Kollegin einen Vortrag über den gerade laufenden Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Das alte Stadtbild soll möglichst wieder hergestellt werden, unter erheblichen Kosten.

Wie schwer es ist, sich vom Alten zu trennen, darum geht es Petzold in stadtpolitischer wie privater Hinsicht. Undine weigert sich, ihren Ex-Lover zu töten, und will mit Christoph eine neue Existenz aufbauen. Der Mythos aber sickert in die Handlung sichtbar ein: Wasserhähne laufen wie von Geisterhand; und die Wege führen schicksalhaft zu einem Stausee, in dem ein riesiger Wels haust.

Mit voller Hingabe

Was bei aller Zukunftsgewandtheit, allem Bestreben, das eigene Schicksal zu bestimmen, aber auch zählt, ist der einzelne Glücksmoment. Paula Beer und Franz Rogowski spielen Undine und Christoph mit voller Hingabe – so romantisch, mit Mut zum Liebesbekenntnis war noch kein Petzold-Film.

Sein Stamm-Kameramann Hans Fromm findet dazu selbst in den nüchternsten Ecken von Berlin einen gewissen Zauber. Petzold liebt die Kontraste, in der Bildsprache wie im gesprochenen Wort. Es ist faszinierend, wie Paula Beer sich für ihre Rolle als Museumsführerin einen exakt-wissenschaftlichen Jargon angeeignet hat, während die Sprache der Liebe eine ganz andere ist.

Und dann gibt es noch eine Stille, die vor allem unter Wasser herrscht, fern vom Berliner Stadtlärm und allen bösen Viren.

Kinos: ABC, City-Atelier, Monopol, Neues Maxim, Rio, Studio Isabella, R: Christian Petzold (D, 89 Min.)
 

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