Neu im Kino / "Before Midnight" Ethan Hawke und Julie Delpy zum Dritten: Radikale Rückkehr in die Realität

Lebensklug, poetisch, witzig und bitter: „Before Midnight” hält alle Versprechungen

 

„Wenn wir uns heute zum ersten Mal in einem Zug treffen würden. Fändest du mich dann attraktiv?”, fragt Celine gefährlich-lächelnd ihren Jesse. Der lässt sich nicht aufs Glatteis führen, kontert cool: „Die eigentliche Frage ist doch, wenn ich dich bitten würde, mit mir aus dem Zug zu steigen. Würdest du mit mir aussteigen?”

Fans des Liebespaares werden diese Dialoge gebannt verfolgen, schwingt in ihnen doch ein Stück Kinogeschichte mit. Vor 18 Jahren begegneten sich Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) zum ersten Mal in einem Zug nach Wien. 2004 trafen sie sich in Paris mehr oder weniger zufällig wieder. Eine Stunde später war klar, dass ihr kurzer Wiener Liebeszauber immer noch nicht verflogen war.

„Before Midnight” springt erneut neun Jahre nach vorn. Jesse und Celine haben sich endgültig zusammengerauft und genießen gerade die letzten Tage ihres Griechenland-Urlaubs. In einem fast 20 minütigen, ungeschnittenen Gespräch im Auto zeigt sich aber, dass die Probleme des Ehepaars trotz gemeinsamer und gerade friedlich auf der Rückbank schlafender Kinder nicht geringer geworden sind.

Bezeichnenderweise im krisengeschüttelten Urlaubsdomizil wird leidenschaftlich darüber debattiert, ob Celine ihr neues, besser bezahltes Jobangebot annehmen soll oder ob man nicht doch lieber von Paris nach Chicago zu Jesses Sohn aus einer früheren Beziehung zieht.

Feinfühlig inszeniert Richard Linklater seinen bereits auf der Berlinale gefeierten Film als klassisches Drei-Akt-Drama: Erst die lange Autofahrt, bei der über Sorgen noch gewitzelt wird, dann das Essen mit bildungsbürgerlichen, unentwegt Ratschläge erteilenden Freunden und zum Schluss die furiose, fast an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” erinnernde Verbalschlacht im Liebesfrust-Hotel.
Wie hier Delpy in ihrer Paraderolle als feministisch-frivole Öko-Linke und Hawke als rational-männlicher, leicht überheblicher Schriftsteller-Gegenpart in alten Wunden bohren und neue aufreißen, ist gleichsam amüsant, traurig und voller Geschlechterkriegs-Wahrheiten. Fortsetzung folgt 2022?

Kino: Arri, City (OmU), Eldorado, Münchner Freiheit, Solln, Cinema (OV)
R: Richard Linklater (USA, 108 Min.)

 

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