Neu im Kino "1917": Apokalypse damals

Schofield (George MacKay) riskiert sein Leben, um seine Kameraden zu retten. Aber kann er darüber hinaus einen Sinn in dem erkennen, was er tut? Seinen Orden hat er jedenfalls gegen eine Flasche Wein getauscht, wie er in einer der seltenen Ruhepausen erzählt. Foto: Universal/Dreamwork/dpa

Sam Mendes gelingt mit seinem – auch filmtechnischen – Meisterwerk "1917" ein spannender, wahrhafter Antikriegsfilm, den man nicht mehr vergisst.

 

Vor gut 20 Jahren wagte Steven Spielberg eine 20-minütige Eröffnungsszene, die man nicht mehr vergessen wird, wenn man sie im Kino erlebt hat: Es ist die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie. Nie war man als Zuschauer akustisch und bildlich direkter im Kugelhagel. Und doch hatte man am Ende von "Saving Private Ryan" das ungute Gefühl: Das Gemetzel war nur zweifelhafte Anfangsattraktion eines letztlich banalen "Wir-holen-unsere-Jungs-da-raus"-Actionfilms.

Sam Mendes gelingt in "1917" dagegen das Unfassbare: Er hält die Anspannung – bis auf wenige Inseln kurzer Ruhe – über knapp zwei Stunden. Aber Mendes nutzt die permanente Todesdrohung nicht als Nervenkitzel zur Unterhaltung, sondern um uns als Zuschauer zu verwandeln. "1917" ist ein Antikriegsfilm, der jeden Kinogänger zum Pazifisten machen kann – völlig ohne moralischen Kommentar.

"1917": Dean-Charles Chapman und George MacKay in den Hauptrollen

Die Grundgeschichte ist simpel: Der junge britische Soldat Blake (Dean-Charles Chapman) soll sich einen Kameraden aussuchen. Er nimmt Schofield (George MacKay). Dann geht’s ins Hauptquartier, wo ein General ihnen den Befehl zu einem Himmelfahrtskommando gibt.

Es ist April an der Westfront im Ersten Weltkrieg. Der Stellungskrieg hat eine weite Landschaft in eine schlammgraue Granaten-Kraterwüste umgepflügt, apokalyptisch ragen Baumreste aus dem Boden, im Stacheldrahtverhau und in verlassenen Gräben liegen Leichen, an denen Krähen herumhacken, aus Bauchhöhlen wuseln Ratten.

Mendes spielt mit Hollywood-Dramaturgie-Erwartungen

Angeblich ist ein Wunder passiert: Die Deutschen haben sich plötzlich zurückgezogen. Ein britisches Bataillon hat sich aufgemacht, ihnen hinterherzusetzen. Da bringt die Luftaufklärung die Erkenntnis: Die Deutschen sind nicht auf dem Rückmarsch, sondern haben eine neue, stärkere, nur ein paar Kilometer zurückgesetzte Stellungslinie aufgezogen: Die 1600 britischen Soldaten werden in den sicheren Tod rennen. Blake und Schofield werden durch das Zwischenfront-Niemandsland geschickt, um die Aktion vielleicht noch rechtzeitig stoppen zu können. Es wird ein Gewaltmarsch durch die Todeszone mit letzten Scharfschützen, verminten Stollen, vollgelaufenen Gräben, verlassenen Bauernhausruinen und einem Stadt-Skelett.

James-Bond-Regisseur Mendes ("Skyfall", "Spectre") spielt aufwühlend mit den Hollywood-Dramaturgie-Erwartungen des Zuschauers, indem er sie teilweise klassisch erfüllt, aber auch oft brutal durchkreuzt. Und nie verrät er die grausame Spannung an einen Unterhaltungskino-Effekt.

Vielmehr bleibt die Kamera ohne entlastende Unterbrechung oder aufklärenden Perspektivenwechsel immer bei den beiden Losgeschickten. Nah wie ein dritter Kamerad springt sie mit, duckt sich weg, dreht sich um, läuft mit. Ein Film wie in Ich-Perspektive.

"1917": In einem Zug ohne Schnitt

Im Vorfeld des Kinostarts hatte es eine Diskussion gegeben um die Behauptung, der Film sei in einem Zug ohne Schnitt gedreht worden. Natürlich gibt es kaschierte Schnitte. Aber es geht Mendes auch nicht um Filmakrobatik, sondern um den Effekt des unmittelbaren und ungefilterten Dabeiseins. Das ist fantastisch gelungen.

Der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger hat mit seinem Buch "In Stahlgewittern" versucht, dem Ersten Weltkrieg so etwas wie eine Ästhetik der Gewalt, letzte Ritterlichkeit anzudichten. Erich Maria Remarque ist dem mit seinem Weltbestseller "Im Westen nichts Neues" entgegengetreten und hat unverklärt aus verschiedenen Perspektiven die Sinnlosigkeit, Zermürbung, aber auch das Groteske des Krieges herausgestellt.

Irrsinn statt Heroismus

Sam Mendes wiederum reduziert alles auf die Erfahrung des einzelnen Soldaten, der durchaus tapfer und heldenhaft sein kann wie Blake und Schofield es unzweifelhaft sind.

Aber hierin spiegelt sich nicht der angebliche Heroismus im Krieg, sondern der große Irrsinn: In den Gefechtspausen herrschen in Schützengräben und Unterständen Abstumpfung, Langeweile, Zynismus, Wahnsinn. Und bei Sturmangriffen für wenige Meter Geländegewinn wird das Sterben unter Granatbeschuss und Kugelhagel zum reinen Zufall. Ob einzelne Aktionen überhaupt Sinn ergeben, erschließt sich nicht mehr.

"1917": spannender, wahrhafter Antikriegsfilm

Und wie Sam Mendes selbst betont hat: Der Film wäre der gleiche aus deutscher Soldatensicht. Natürlich grenzen sich Blake und Schofield in ihrer Selbstwahrnehmung größtmöglich von den deutschen Feinden ab, verfluchen ständig die "Hunnen" und deren Brutalität. Aber letztlich könnte die Geschichte ebensogut in entgegengesetzter Richtung verlaufen, würde beim Zuschauer das gleiche Entsetzen auslösen.

Das alles macht "1917" zu etwas, was eigentlich unmöglich ist: zu einem spannenden, wahrhaften Antikriegsfilm.


B&R: Sam Mendes (GB, USA, 119 Minuten)

Kinos: Cinema, Museum-Lichtspiele (OV), City-Atelier, Monopol (beide OmU), Gloria (auch OmU), Leopold, Mathäser, Royal


 
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