Nervenkrieg bei Entschärfung Obergiesing atmet auf - Fliegerbombe war funktionsfähig

Die Sprengmeister Martin Tietjen und Martin Radons mit Hund Lotte und der entschärften Bombe. Foto: Daniel von Loeper

Der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg enthält 120 Kilo hochexplosives TNT. So haben zwei Sprengmeister die amerikanische Fliegerbombe von Obergiesing entschärft.

 

München - Gespenstische Stille herrscht ab Mittag in der Gegend rund um die Lincolnstraße in der Mc-Graw-Siedlung. „Sie befinden sich im unmittelbaren Gefahrenbereich, bitte verlassen Sie ihre Wohnungen“, tönt es aus Lautsprechern. Feuerwehr und Polizei fahren durchs Viertel. Auch auf der anderen Seite der S-Bahnlinie gehen Beamte von Haus zu Haus und sehen nach, ob sie geräumt wurden.

Im Wirtshaus „Münchner Tram“ sitzen gut ein Dutzend Anwohner beim Bier zusammen. Sie werden von Helfern des Arbeiter Samariterbunds betreut. Die Stimmung ist locker, beinahe fröhlich. „Ein Polizist hat vorgeschlagen, ich soll in der Stadt einen Kaffee trinken“, erzählt Rentnerin Doris Floss (73), „doch ich schau mir lieber den Einsatz an, das ist viel interessanter.“

Ein paar Tische weiter sitzen Alexander Sadstetter (41) und Michael Paloglou. Der 42-jährige Lehrer und sein Nachbar wohnen in der Balanstraße. „Eigentlich sind wir hier näher an der Bombe. Dafür sind wir jetzt mittendrin, statt nur dabei“, scherzen sie.

 

Es ist eine amerikanische Fliegerbombe

Unterdessen laufen die Vorbereitungen für die Sprengung. Polizisten sperren kurz nach 14 Uhr die Fußgängerbrücke über die Bahnlinie. Die Bombe liegt etwa 50 Meter neben der Strecke nach Holzkirchen im Kies. „Es ist eine amerikanische Fliegerbombe, ein Standardmodell“, erklärt Sprengmeister Martin Tietjen (40). Rund 50 hat er schon entschärft. Eigentlich Routine, was nicht heißt, dass er und sein Kollege Martin Radons (38) die Sache locker angehen. Hochkonzentriert untersuchen sie die Bombe: an Spitze und Heck zwei Zünder, beides konventionelle Modelle. „Auch nach mehr als 70 Jahren sind sie voll funktionsfähig“, sagt Martin Radons. Das Innere der Bombe ist randvoll mit hochexplosivem TNT. Martin Tietjen: „Bei 120 Kilo Sprengstoff muss man extrem vorsichtig sein, da kann immer etwas passieren.“

Deshalb steigt die Nervosität der Sicherheitskräfte. 200 Polizisten und etwa 70 Mann von Feuerwehr und Rotem Kreuz sind im Einsatz. Etwa 2000 Menschen müssen in Sicherheit gebracht werden. Immer wieder treffen die Helfer auf Spaziergänger im Sperrgebiet.

 

S-Bahnen unterbrochen, Busse werden umgeleitet

Die Schule in der Lincolnstraße sind seit dem Mittag verlassen. Die Grundschüler haben einen Ausflug gemacht. Für die übrigen Schulen gibt’s ab 11.30 Uhr unterrichtsfrei.
Auch der Nahverkehr ist betroffen. Die S-Bahnen der Linie S 3 Holzkirchen und S 7 Kreuzstraße fahren ab 13.47 Uhr nicht mehr. Die Bahn setzt Busse ein. Bei den städtischen Bussen erwischt es die Linie 145. Sie wird umgeleitet.

Erst wenn der Sperrbereich 500 Metern um die Bombe geräumt ist, können die Sprengmeister mit dem gefährlichsten Teil der Arbeit beginnen, der Entfernung der Zünder.
Arbeiter hatte die Fliegerbombe am Mittwoch auf der weitläufigen Baustelle entdeckt und Alarm geschlagen. Sie hatten nur etwa einen Meter neben der Höllenmaschine massive Stahlträger mit Maschinen ins Erdreich gerammt. Nicht auszudenken, wenn sie dabei die Bombe getroffen hätten und sie explodiert wäre.

Um 14.43 Uhr beginnen die Sprengmeister vorsichtig damit, die Zünder mit der Hand herauszudrehen. Glücklicherweise geht alles glatt. Um 15.12 Uhr ist es geschafft. „Lief alles wie am Schnürchen“, sagt Martin Radons, doch die Anspannung ist ihm deutlich anzumerken. Die Bombe wird wenig später in einen Mercedes Sprinter verladen und zu einem gesicherten Spezialgelände abtransportiert. Mission erfüllt! Die Sperrungen sind inzwischen aufgehoben. Obergiesing atmet auf.

 

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