Nein beim Referendum Pressestimmen: "Ohrfeige für Deutschland"

Der Tag danach: Die interationale Presse reagiert schockiert auf das griechische Wahlergebnis. Foto: dpa

Nach dem überraschend deutlichen "Nein" der griechischen Bevölkerung zu den Sparplänen der EU sind nicht nur die europäischen Politiker ratlos, wie es nun weitergehen soll. Auch die Journalisten der Union finden keine einheitliche Linie.

 

Die Beurteilung des Wahlergebnisses in der europäischen Presse reicht von Verständnis bis Unverständnis und spart in beiderlei Fällen nicht an klaren Worten.

Eine Auswahl der internationalen Pressetimmen:

"El Mundo" (Spanien)

"Der Sieg von (Ministerpräsident Alexis) Tsipras ist eine Ohrfeige für Deutschland und für den harten Euro-Kern."

"Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz)

"Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion kann nicht erzwungen werden, ist aber die logische Konsequenz aus dem Volksnein. Die Syriza-Truppe soll ohne den "reichen Onkel" aus Brüssel ihre Wege suchen müssen, um Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu bringen. […] Athen muss jetzt seinen eigenen, schwierigen Weg gehen - je konsequenter, desto besser. Europa wird das nicht schaden."

"Guardian" (Großbritannien)

"Europäische Regierungschefs, die sich daran gewöhnt haben, sich durchzusetzen, werden in Zukunft nicht mehr davon ausgehen können. Sie müssen sich in Bescheidenheit üben und ein Ohr für das griechische Volk haben, das zu diesem Sprung ins Ungewisse angetrieben wurde."

"Times" (Großbritannien)

"Athen stehen chaotische Tage bevor. Die Länder, die sich für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone eingesetzt haben, müssen sich jetzt dringend mit dieser großen politischen Herausforderung befassen. Sie müssen entscheiden, ob die Regeln falsch waren, oder ob die griechischen Banken eingebrochen sind, weil man gegen die Regeln verstoßen hat. Die Euro-Idealisten, besonders die in Deutschland, könnten selbst jetzt immer noch darauf bestehen, Griechenland zu retten. Doch die Euro-Verbraucher, in erster Linie die deutschen Wähler, werden wohl nicht mehr damit einverstanden sein."

"Le Figaro" (Frankreich)

"Alexis Tsipras fordert einen Verbleib seines Landes im Euro. Er hat den Griechen allerdings nicht gesagt, dass ihm die Mittel dazu fehlen. Von einem verpassten Zahlungstermin zum anderen wird sich ein schrecklicher finanzieller Schraubstock um Griechenland schließen. Und wenn kein Wunder passiert, wird der so gefürchtete Grexit ganz von allein seinen Lauf nehmen – nicht weil die Europäer das gewollt haben, denn sie haben alles unternommen, um den Grexit zu verhindern, sondern weil die Wahl des griechischen Volkes eine Dynamik in Gang gesetzt hat, die wohl nicht aufzuhalten ist."

"Libération" (Frankreich)

"Kurz vor diesem Bruch zwischen Griechenland und der Europäischen Union waren die Positionen nicht so weit voneinander entfernt. Die Europäer können endlich anerkennen, dass die dem ganzen Kontinent aufgezwungene brutale Sparpolitik katastrophale politische Folgen gehabt hat, von denen das Nein der Griechen nur ein Beispiel ist. Die Europäer können nun die Schulden verringern, von denen selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt, sie könnten unmöglich zurückgezahlt werden. Unter diesen Voraussetzungen ist eine Einigung möglich. Werden die europäischen Politiker Europa retten?"

"Kommersant" (Russland)

"Das Ergebnis dieses historischen Referendums beeinflusst nicht nur das Schicksal Griechenlands, sondern auch die Zukunft der Eurozone und in bestimmter Weise der ganzen EU. 61 Prozent Nein-Stimmen sind ein beeindruckender Sieg von Alexis Tsipras - vielleicht aber auch nur ein Pyrrhussieg."

"Rossijskaja Gaseta" (Russland)

"Mit 61 Prozent Nein-Stimmen hat Regierungschef Alexis Tsipras nicht nur die griechische Opposition, sondern auch den Internationalen Währungsfonds sowie die EU und die EZB in die Schranken gewiesen. Das kleine, aber stolze südeuropäische Land hat in dem Referendum sowohl über seine nahe Zukunft als auch über das Schicksal der ganzen Eurozone entschieden."

"Politiken" (Dänemark)

"Die großen internen Konflikte und die fehlgeschlagenen Versuche, Griechenland vor dem Bankrott zu retten, haben einen Mangel an gemeinsamer politischer Führung offenbart, der droht, der Glaubwürdigkeit der Euro-Zusammenarbeit einen bleibenden Schaden zuzufügen. Das griechische Nein ist ein soziales Aufbegehren gegen die Sparpolitik, das sich auf Spanien, Italien und selbst EU-Kernländer wie Frankreich ausbreiten kann."

"Kapital Daily" (Bulgarien)

"Griechenland machte einen weiteren Schritt zum Austritt aus der Eurozone. Nach dem Nein beim Referendum wird ein Abkommen mit den Gläubigern sehr schwierig zustande kommen."

"Gazeta Wyborcza" (Polen)

"Schulden müssen eingeholt werden, aber nicht so, dass eine Gesellschaft in Verzweiflung getrieben und unberechenbar gemacht wird. Und das mit großem Risiko für die gesamte Union. In dem griechischen Thriller, den wir erleben, können am meisten nicht nur die Griechen verlieren, sondern auch die, deren Weg ein einiges und vereintes Europa ist. Wir erleben gerade seine beispiellose Krise, die entstanden ist als Ergebnis von Egoismus der Entscheider, Mangel an Mut und Vorstellungskraft und fehlerhafter Kalkulation. Seitens der Union und Griechenlands."

"De Telegraaf" (Niederlande)

"Das Referendum ist ein Wendepunkt. Zum ersten Mal hat die Bevölkerung eines Landes sich gegen die Währung gewandt, die viele europäische Staaten miteinander verbindet. So eine Verbindung kann nur Bestand haben, wenn sich alle an Absprachen für gesunde Staatsfinanzen halten und für eine Volkswirtschaft arbeiten, die in der Lage ist, ausreichend Geld zur Begleichung von Schulden zu generieren. (…) Deshalb ist ein Austritt aus der Eurozone für das Land das beste Szenario

 

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