AZ-Kritik Fromental Halévys "La Juive", inszeniert von Calixto Bieito

, aktualisiert am 28.06.2016 - 17:23 Uhr
Fromental Hálevys Oper "La Juive" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Auge um Auge, Zahn um Zahn: Fromental Halévys Oper „La Juive“ in der Regie von Calixto Bieito als erste Premiere der Münchner Opernfestspiele

 

Warum war diese Oper im 19. Jahrhundert so beliebt? Um eine Sekunde lang seine Rache genießen zu können, schickt Éléazar die Ziehtochter in den Feuertod. Die ist auch nicht viel besser: Rachel klagt ihren bereits verheirateten Geliebten an und beschuldigt ihn öffentlich, mit einer Jüdin verkehrt zu haben. Dass sie sich damit selbst umbringt, ist ihr egal.

Die Bayerische Staatsoper eröffnet ihre Opernfestspiele mit eher schwerer Kost. In Fromental Halévys „La Juive“ hassen sich die todessüchtigen Figuren mit der Verbissenheit einer antiken Tragödie. Wer, wie Kardinal Brogni, um Verzeihung bittet, dem spielt das Schicksal übel mit. Selbst todessüchtige Werke wie Verdis „Il trovatore“ oder Wagners „Tristan“ erzählen im Vergleich mit dieser zuletzt 1931 im Nationaltheater gespielten Oper lebensbejahende Geschichten. Nur die gleichzeitig entstandenen „Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer wären noch finsterer.

Den Terror stets pogrombereiter Massen und die Niedertracht der Einzelnen untermalt gefällig-flotte Opernmusik. Der Dirigent Bertrand de Billy hat eine Lösung für dieses Problem: Die zeremoniellen Passagen sind geschickt gekürzt. Ihre Reste spielt das Bayerische Staatsorchester scharf und schneidend: als hässlichen Lärm des Pöbels. Arien, Duette und Ensembles nimmt de Billy eher getragen – nicht als verdünnten Donizetti, sondern als Musik einer leichten französischen Seriosität.

Das triumphale „Te Deum“ am Beginn der Oper fliegt Rachel und dem Publikum aus Lautsprechern um die Ohren: als Obsession der Christentochter Rachel, die von ihrem Ziehvater zur fanatischen Jüdin erzogen wurde. Dazu gibt es eine (katholische?) Massentaufe, nach der die Juden den Boden aufwischen dürfen.

Calixto Bieito geht dem szenischen Pomp der Grand Opéra nicht auf den Leim. Seine Inszenierung konzentriert sich ganz auf die Figuren und macht keinen großen Unterschied zwischen den monotheistischen Religionen: Er hält sie, wie Halévys Textdichter Eugène Scribe, für Bemäntelungen niedrigster Rachegefühle.

Der jüdische Goldschmied ist bei Bieito kein bemitleidenswertes Opfer. Éléazar beantwortet den Antisemitismus seiner Umwelt mit wütendem Hass. Er rächt sich für den Verlust der eigenen Söhne nach dem Prinzip Auge um Auge.
Sein Gegenspieler Brogni versucht es mit christlicher Nächstenliebe und wäscht dem Juden in einer anrührenden Szene die Füße. Der hält solche Menschlichkeit für Schwäche und steigert sich in der richtigerweise nicht gestrichenen Cabaletta „Dieu m’éclaire“ in den Wahn, als Märtyrer sterben zu wollen.

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Da ist ohne billige Aktualisierung die Gegenwart des islamistischen Terrors ganz nah. Doch Bieito inszeniert diesmal nicht wie Bieito. Er lässt die Monstrosität der Handlung in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit stehen. Wer sich nicht darauf einlässt, auf den mag das beliebig wirken. Aber Andeutungen sind oft gefährlicher als Bieitos altes Theater der Grausamkeit. Allerdings nutzt es sich leicht ab, wenn die Figuren nur noch traumatisiert über die Bühne robben.

Die riesige Stahlmauer zitiert möglicherweise die berüchtigte „Schwarze Wand“ in Auschwitz. Aber sie erinnert auch an die Betonfertigteile der israelischen Sperranlagen im Westjordanland (Bühne: Rebecca Ringst). Das ist – falls beabsichtigt – natürlich polemisch. Aber nah an den Widersprüchen der Oper eines jüdischen Komponisten, in der sich Éléazar so aufführt, wie sich Antisemiten einen Juden vorstellen. Oder Islamfeinde einen Islamisten. Mit solchen Widersprüchen lässt einen die Aufführung allein – aus gutem Grund, weil Theater bestenfalls die richtigen Fragen stellen kann.

Düster und schwarz

Roberto Alagna identifiziert sich mit dem Éléazar nicht ganz so rückhaltlos wie vor einigen Jahren Neil Shikoff. Die Entwicklung vom verschreckten Opfer zum Täter zeichnet er glaubhaft nach. Sein eher heller, kraftvoller Tenor war schon immer ideal für französische Musik. Leider singt er im Zweifel laut und ohne Nuancen. Und spätestens bei der erwähnten Cabaletta hat die Stimme einige Schrammen.

Im Terzett zwischen Éléazar, Léopold (John Osborn) und Rachel steigert sich die Aufführung am Ende des zweiten Akts zu weißer Glut. Alagnas Gattin Aleksandra Kurzak ist in der Titelrolle die große Überraschung: ein Koloratursopran mit viel dramatischem Potential und einem schönen Timbre. Im gleichen Fach und ebenso überzeugend ihre Gegenspielerin Vera-Lotte Böcker als Prinzessin Eudoxie. Ain Anger singt den Kardinal mit schwarzem, machtvollem Bass. Die kleinen Rollen sind – wie immer – exzellent besetzt.

Auf den heute wohl uninszenierbaren, weil unfreiwillig komische Hinrichtung Rachels in einem Kessel mit kochendem Wasser verzichtet die Inszenierung. Beim Trauermarsch reibt sich Peter Lobert als Henker die blutigen Hände. Wieder erweist sich die Andeutung als stärker.

„La Juive“ ist eine düstere, schwarze Aufführung. Sie schreit wütend nach Menschlichkeit – wie jede Inszenierung des katalanischen Regisseurs. Deshalb ist es, trotz einiger Durchhänger, ein sehr starker Abend.

Weitere Vorstellungen am 30. 6., 4. und 8. 7. sowie im Oktober

 

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