Nationalspielerin im AZ-Interview Nadine Angerer: „Ich wäre gerne nach München gewechselt“

Nadine Angerer will ihre Karriere mit dem WM-Titel enden lassen. Foto: dpa

Nadine Angerer im AZ-Interview: Vor dem Spiel gegen Schweden spricht die Nationalttorhüterin über den geplatzten Transfer zum FC Bayern, den kommenden Gegner und die Zeit nach der Karriere.

 

AZ: Frau Angerer, nach dem Gruppenspiel in Winnipeg sind Sie wieder zurück in Ottawa, wo Sie am Samstag im Achtelfinale antreten – wie ist die Stimmung?

NADINE ANGERER: Wir haben nochmal ein Fazit der Vorrunde gezogen, haben den freien Mittwochnachmittag gemeinsam verbracht und sind am Abend zusammen essen gegangen, nur die Mannschaft.

Wie erleben Sie das Publikum in Kanada? Haben Sie Fans von zuhause mitgebracht?

Die Kanadier sind alle sehr nett, sehr offen, sehr freundlich. Und Ottawa ist eine sehr schöne Stadt. Meine Mutter ist da aus Deutschland, die reist die ganzen vier Wochen mit.

"Elfenbeinküste und Thailand - nicht unser Maßstab"

Nach dem letzten Gruppenspiel haben Sie nochmal deutlich angemahnt, dass die Mannschaft ihre Einstellung ändern müsse. Warum war das nötig?

Ich glaube, man hat nach dem Spiel gemerkt, dass wir alle nicht ganz zufrieden waren. Das hört sich jetzt blöd an, wenn man den Gruppensieg geholt hat mit 15:1 Toren – worüber wir uns sehr gefreut haben. Nichtsdestotrotz muss uns auch klar sein, dass wir gegen die Elfenbeinküste gespielt haben und gegen Thailand, und dass das nicht unser Maßstab ist. Ich habe nach dem Spiel gegen Thailand gesagt, dass wir einige Fehler jetzt abstellen müssen und uns auf das Wesentliche fokussieren: das Spiel am Samstag. Denn ab jetzt werden die Gegner schwieriger, und wir dürfen nicht die Fehler aus der Vorrunde machen.

Bei dieser WM wurde das Starterfeld erstmals von 16 auf 24 Mannschaften aufgestockt. Sind das vielleicht auch einfach zu viele, die Unterschiede zu groß?

Die Spitze im Frauenfußball ist schon seit Jahren sehr eng. Natürlich hört sich das etwas blöd an, wenn wir 10:0 gegen die Elfenbeinküste gewinnen, oder die Schweiz 10:1 gegen Kolumbien. Wenn man aber sieht, dass Norwegen gerade 3:1 gegen die Elfenbeinküste gespielt hat, dann können die nicht so schlecht sein.

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"Schweden ein sehr gefährlicher Gegner"

Für Sie geht es jetzt gegen Schweden. Wie schätzen Sie das Team ein?

Die Schwedinnen sind nicht so gut ins Turnier gestartet, haben dreimal Unentschieden gespielt. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und sind deshalb ein sehr gefährlicher Gegner. Ein angeschossener Hund beißt auch sehr schnell. Sie haben nichts mehr zu verlieren, sie sind so enttäuscht, glaube ich, dass sie alles nochmal in die Waagschale werfen werden, und da müssen wir sehr, sehr aufpassen.

Für Sie ist diese WM auch insofern etwas Besonderes, weil Sie angekündigt haben, dass es Ihre letzte sein wird: Sie wollen Ende der Saison vom Profifußball zurücktreten. Wie geht es danach für Sie weiter?

Ich werde erst einmal das Nichtstun genießen – 20 Jahre Leistungssport sind ja doch sehr intensiv. Dann Dinge tun, die ich schon immer einmal tun wollte und für die ich nie Zeit hatte. Außerdem möchte ich mich auf jeden Fall fortbilden, ich möchte im Torwarttrainerbereich bleiben, das kann ich, das weiß ich. Ich halte ja auch Vorträge, das möchte ich intensivieren. Und ansonsten will ich einfach einmal keine Pläne haben, sondern einen Tick mehr im Hier und Jetzt leben.

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"Jeder ist ersetzbar!"

Mit Ihnen wird sich eines der großen Gesichter des deutschen Frauenfußballs verabschieden. Auch Silvia Neid will 2016 als Bundestrainerin aufhören. Gehen dem Fußball ein bisschen die Typen verloren?

Das glaube ich nicht. Die wachsen ja gerade heran. Bei unseren Jungen sind super Charaktere dabei. Außerdem ist jeder ersetzbar. Wenn ich gehe, wird jemand anderes kommen und die Rolle übernehmen. Ich glaube, das hat sich in den letzten Jahren verändert, diese Hierarchie, wie es früher war, gibt es in der Form nicht mehr so – und ich glaube, das ist auch gut so. Meine Philosophie ist: Erfolgreich ist man dann, wenn jeder seinen Stellenwert hat. Ich bin ein Verfechter davon, dass man Führungsspielerinnen hat, als Säulen, an denen man sich orientieren kann, aber dass man trotzdem immer alle mit ins Boot holt.

Haben Sie sich für diese Ihre letzte WM etwas Besonderes vorgenommen?

Nö, das würde wahrscheinlich eh in die Hose gehen (lacht). Ich habe mich genauso vorbereitet wie auf jede andere WM. Außerdem habe ich mit dieser Mannschaft schon sehr viel Erfolg gehabt, es gibt also keinen Grund, etwas zu ändern. Und motiviert bin ich immer, das ist einfach mein Sportlerherz – ich kann auch nicht im Training verlieren.

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Angerer und der FC Bayern? "Wäre gern gewechselt!"

Vor der Saison gab es Gerüchte um einen Wechsel zum FC Bayern. Sie haben schon zu Beginn Ihrer Karriere einige Jahre in München gespielt (von 1996 bis 1999 beim FFC Wacker, von 1999 bis 2001 bei FC Bayern). Warum hat es diesmal nicht geklappt?

Ich wäre gerne damals nach München gewechselt, aber ich hätte die Vorbereitung nicht mitmachen können. Die Liga in den USA hätte länger gedauert, bis Ende August, dann hätte die Vorbereitung in München schon angefangen. Es kamen damals ja ziemlich viele neue Spielerinnen beim FC Bayern dazu und dann hat sich Thomas Wörle (Trainer der ersten Mannschaft, Anm. d. Red.) für eine andere Torhüterin entschieden. Jetzt bin ich in Portland, was ja auch nicht schlecht ist – ganz im Gegenteil.

Was sind Ihre letzten Vorbereitungen für das Achtelfinale?

Wir haben uns nochmal ausgetauscht, um Fehler aus der Vorrunde abzustellen. Ansonsten haben wir intensiv trainiert und waren als Mannschaft am Mittwoch nochmal zusammen essen. In einem, wie ich finde, ziemlich coolen Lokal – ich habe es ausgesucht.

 

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